China und die Buchmesse

Wenn der Menschenrechtsreflex einsetzt

Von Christian Geyer

Behält er den Überblick? Jürgen Boos

Behält er den Überblick? Jürgen Boos

17. September 2009 Ist jetzt alles wieder gut? Jürgen Boos, der multiple Chefgeist der Frankfurter Buchmesse, ließ nach dem Eklat um den Frankfurter Auftritt zweier regimekritischer Schriftsteller vorgestern in einem „Statement“ wissen: „Die Frankfurter Buchmesse hat mit dem Ehrengast China eine Gratwanderung vor sich, die Standhaftigkeit erfordert. Wir wollen eine Plattform schaffen für die verschiedensten, auch extremen Standpunkte und so den Dialog ermöglichen. Das erzeugt Druck von allen Seiten, dem wir nicht nachgeben dürfen.“

Boos, der gelernte Betriebswirt und erfahrene Verkaufsleiter, hat sich in den letzten Tagen als Meister des fliegenden Argumentewechsels profiliert. Seine Philosophie ist die Marketingphilosophie, und in der Marketingphilosophie sind kulturelle Positionen immer schon Verfügungsmasse für ein politisch-ökonomisches Gesamtkalkül. Es ist denn auch durchaus nicht dasselbe, ob ein Marketingmann von „Standhaftigkeit“ spricht oder ein politischer Dissident. Während sich der eine standhaft durch den Thesenwald laviert, lässt sich der andere standhaft krankenhausreif schlagen - wie der international bekannte Künstler Ai Weiwei, der sich in einem Münchner Hospital gerade von einer Gehirnblutung erholt, nachdem er von chinesischen Sicherheitsleuten verprügelt worden war.

Was mag Boos meinen, wenn er neuerdings von „verschiedensten, auch extremen Standpunkten“ spricht, für welche die Buchmesse eine Plattform sein soll? Ist der Standpunkt der Menschenrechte „extrem“? Muss dem Druck, den der Standpunkt des freien Wortes entfaltet, am Ende ebenso standhaft widerstanden werden wie dem Druck, den der Standpunkt der Zensur erzeugt? Ist das eine so extrem wie das andere? Wo aber liegt dann die nichtextreme Mitte? Hier, so sieht es aus, schließt sich der Kreis: in der Marketingphilosophie.

Der Verkaufsleiter als Garant der Mitte

„Die These, die der Ehrengast setzt, ruft eine ebenso starke Antithese hervor“, erklärt Boos. These (Zwang), Antithese (Freiheit) - und als Synthese bleibt eine gewaltige Marketingherausforderung: „Der Diskussionsbedarf zum Thema China ist enorm“, so Boos. Der Verkaufsleiter als Garant der Mitte - nur vor diesem Selbstmissverständnis ist es zu erklären, dass ein geistesgegenwärtiger Mann wie Boos derart sprunghaft, unvorbereitet und hilflos agierte, als es neulich darum ging, das geistige Minimum der Buchmesse zu verteidigen und dem freien Wort gegenüber autoritären Pressionen spontan und ohne mit der Wimper zu zucken (das heißt ohne lange Folgenabschätzung), das freie Geleit zu sichern.

Dass Boos an diesem neuralgischen Punkt gezögert hat, offenbart ein grundlegendes Unverständnis gegenüber den Inhalten, die er zu managen hat, und lässt sich mit einem augenzwinkernden „Statement“ post festum nach dem Motto „Sorry, Leute, das war ein Fehler“schlecht aus der Welt schaffen: Boos erklärt nun: „Das Symposion am 12. und 13. September war ein Testlauf.“ So stellt sich der Marketingmann das Geschäft mit der kulturellen Welt vor: Im Zweifel ist jeder missglückte Produktauftritt in einer Rückrufaktion stornierbar. Nur leider war das Symposion, auf dem Boos vor chinesischem Druck in die Knie ging, kein „Testlauf“, sondern ein Ernstfall - wie jede Menschenrechtsverletzung, jede Knebelung der Freiheitsrechte keine Versuchsanordnung für das freie Spiel von These und Antithese ist, sondern selbst eine Synthese darstellt, zu der man sich nur persönlich, nicht experimentell ins Verhältnis setzen kann. Mit schönen Worten stellt Boos ein ums andere Mal „die Spielregeln der Frankfurter Buchmesse“ vor. In seinem blinden Fleck bleibt er der Verhaltensforschung des Marketing verhaftet, obwohl es doch auf die Menschenrechtsposition als Maßstab der Beurteilung ankäme.

Der Ökonom Boos agiert freilich in einem kulturellen Umfeld, das seinerseits den Kulturrelativismus befördert und sich taub stellt, wenn der krankenhausreif geschlagene Ai Weiwei China „ein gefährliches Land“ nennt. So zeigte sich auf dem Symposion der Publizist Tilmann Spengler amüsiert über die Kritik am autoritären Regime Chinas und spricht von einem „Menschenrechtsreflex“, der einsetze, „wenn kulturelle Codes nicht gedeutet werden können“. Wo der China-Deuter Spengler amüsiert Einfühlung in den Code der Repression verlangt, bringt er reflexartig einen Toast auf den Botschafter der Volksrepublik aus, der zu mehr „Respekt“ gegenüber dem Zensurgeschäft seiner Regierung aufruft. Die Unfähigkeit, sich einem autoritären Regime anders als mit den ethnographischen Kriterien der bloßen Deskription zu nähern, die die sinologische Szene prägt, kann auf Sympathie in den Welten des Geschäfts und der wie ein Geschäft betriebenen Politik zählen. Wenn sich die Buchmesse nicht die Freiheit nimmt, den Code der Verharmlosung zu knacken, kann ihr Marketing dichtmachen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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