23. August 2005 Vorbildlich hat Edmund Stoiber nun den Wahlkampf von Angela Merkel vor allem im Osten der Republik genannt. Und daß er das alles, mit dem Frust und der Klugheit, nicht so gemeint habe. Schade eigentlich.
Der stille Osten, für kurze Zeit scheinbar ein brodelnder Hexenkessel der Emotionen, ist wieder ruhiggestellt. Etwaige Unterschiede zwischen diesem und jenen - eingeebnet. Nichts, was nicht zu halten wäre, wird versprochen. Nicht einmal eine Vision wie die von den blühenden Landschaften, die zu Tode denunziert worden ist, obwohl sie sich für den, der sehen kann und will, in ungezählten Dörfern und Städten materialisiert hat.
Dafür soll es nach der politischen Wende, so sie denn kommt, nach dem Willen der CDU, verkündet durch ihre Spitzenkandidatin, Ostbeauftragte in großer Menge geben. Eine Schar hochspezialisierter Therapeuten, von der man offenbar annimmt, daß ihre Klonierung aus dem einen, der sich als denkbar überflüssig erwiesen hat, dem Patienten aufhilft.
Kameras auf die Krakeeler
Die Kanzlerkandidatin absolviert ihren Wahlmarathon, der sie über die Marktplätze des Landes führt, diszipliniert, freundlich und von Mal zu Mal sicherer. Sie hält - hüben wie drüben - die immer gleiche Rede, fast ohne Feindberührung in der sachlichen Argumentation, und nur wer sie mehr als zweimal hört, wird die paar unterschiedlichen Einsprengsel bemerken, die sie fürs jeweils regionale Gemüt einbaut. Der keifende Widerspruch, in Wittenberg noch ohrenbetäubend, wird immer kurzatmiger. Und selbst in der Stadt Luthers war er nur so pöbelig, weil zwanzig, vielleicht waren es auch dreißig, zugereiste Stoßtruppler von der DKP, einer bis zu diesem Tag dort unbekannten Partei, mit Pfeifen und Tröten und brüllendem Sprechchor Hau ab, hau ab! skandierend, das schlechte Benehmen verkörperten, das man dem Osten gemeinhin zuschreibt. Gern schwenkten die Fernsehkameras immer wieder auf die Krakeeler.
Auch die Brüller, die in Cottbus Jörg Schönbohm attackierten - er sprach vor der Kanzlerkandidatin - und die sichtbar dem Milieu zugehörten, das Schönbohm in seinem bis zur Unkenntlichkeit verknappten wahlkampfstörenden Wort meinte, erfuhren eine mediale Aufmerksamkeit, die weder ihrer Anzahl noch ihrer Wirkung entsprach. Trotzdem schnurrten die Kurzkommentare hier und da schon mal auf ein Schönbohm ausgebuht zusammen. Zum Glück half nicht einmal das. Schönbohm ist immer noch da, Stoiber will nichts mehr so gemeint haben, und Angela Merkel ist braver Applaus inzwischen sicher. Er mag sogar für den Wahlsieg reichen. Für eine Erlösung dieses Teiles Deutschlands aus dem Gefangensein in unguten Stimmungen reicht es ganz sicher nicht.
Die kulturellen Vorlieben der Region
Man hört ihr zu, die Leute reisen oft von weit her an, um sie zu erleben, und viele versichern mit großem Ernst, daß sie gekommen seien, um zu sehen, ob man ihr glauben kann. Viele wollen ihr glauben. Vor den Wahlkampfbühnen im Osten schwenken bauchfreie blonde Mädchen die Angie-Plakate - Statisten, auf die man im properen südwestdeutschen Ulm meint verzichten zu können. Auch Wahlkampfmanager haben eine feste Vorstellung von den kulturellen Vorlieben der jeweiligen Region.
Ist das der Erfolg, auf den angesichts von Merkels beispielloser, nämlich steilster politischen Karriere Deutschlands zu hoffen war? Atmet der gekränkte Ost-Wähler nun auf und durch? Wer länger hinschaut, bemerkt etwas anderes. Die kleinen Streitgespräche inmitten der uniform erscheinenden Zuhörermasse gehen unter. Nur die Krakeeler dringen regelmäßig durch, auch wenn sich ab und an einige gepeinigte Zuhörer wegen der schlechten Schlagzeilen Sorgen machen, die das wieder einbringen wird. Sie kämen nie auf die Idee, ihre Meinung genauso rabiat und lauthals kundzutun, selbst um den Preis, mit ihrer eigenen, anderen nicht wahrgenommen zu werden. Sie fürchten die Wut und vor allem den Neid, den Phantasie und Mut zum Risiko allzuschnell hervorrufen. Etwas erreicht zu haben gilt als Makel, macht ungleich, und Gleichsein ist auf der Insel der kleinen Leute immer noch Vorschrift für alle.
Auch sie hat kapituliert
Jammerosten, Unglücksland, das Etikett klebt wie Pech. Auch Angela Merkel reißt es ihnen nicht ab, sie stellt mit ihren ruhigen, zurückhaltenden Auftritten nur wieder die gewohnte Ausgewogenheit im öffentlichen Bild vom Osten her. Die Menschen in ihrer Situation, in der sie leben, abholen, nennt sie das in einem der unzähligen Interviews, die sie neben den zahllosen Marktplatzauftritten gibt. Man bekommt den Eindruck, daß auch sie vor der soziologischen Kunstfigur Ostidentität, die ein paar Millionen Menschen zu einem einzigen Leidenskollektiv zusammenklammert, kapituliert hat und wider besseres Wissen dem sozialpädagogischen Wahlkampfstil vertraut.
Kein einziges Mal, daß das Herz schneller schlagen muß, weil sie an etwas rührte, das zwar nicht alle ihre Zuhörer und Zuschauer, aber doch ein nicht kleiner Teil mit ihr teilen: die Erinnerung an den furiosen Aufbruch vor anderthalb Jahrzehnten, als die Menschen in ihrer Mehrheit ohne Furcht die Wurzeln kappten, die sie an ein Leben fesselten, das sie als falsch empfanden.
Der Außenseiterbonus Ost, lähmend, verlogen, gleichmacherisch und allerhöchstens noch für die Wirtschaftsförderung und die Rettung bedrohter, da zu lange verwahrloster Kulturgüter nötig, den schreibt dieser Wahlkampf nun noch einmal für alle Lebenslagen fest. Ein Schönbohm oder ein Stoiber werden daran nichts ändern, aber Angela Merkel? Die hätte es wollen müssen.
Text: F.A.Z., 24.08.2005, Nr. 196 / Seite 31
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