19. März 2006 Wäre nicht der Sarg gewesen, es hätte zum Schluß nichts mehr an eine Beerdigung erinnert. Wer sich am Samstag in der serbischen Kleinstadt Pozarevac aufhielt, konnte sich eher in einem jener Jüngerschen Albträume wähnen, in denen in Kellergewölben von Schlemmergeschäften Menschenfleisch als beste Zukost zu violetten Endivien empfohlen wird.
In Pozarevac sah sich der Fremde unversehens wie unter das Publikum eines Sportwettkampfs geraten, in eine euphorische Masse, deren Ovationen freilich einem Toten galten. Um die Mittagszeit konnte man diese Enthemmung noch nicht ahnen. Zwar waren die Straßen voller Leute, doch so wäre es auch gewesen, wenn Pozarevac auf einen Präsidenten oder einen berühmten Basketballspieler gewartet hätte.
Ein toter Triumphator
Dann aber, es war kurz nach vier, erfaßte die Masse ein Raunen, das langsam stadteinwärts drang und sich dabei immer mehr zu einem gemeinschaftlichen Johlen wandelte. Sprechchöre waren zu hören: Slobo!, Serbien!, Nato-Mörder!. Slobodan Milosevic hielt Einzug - ein toter Triumphator auf einem letzten Weg durch seine Heimatstadt. Noch einmal schlug nun die Stunde seiner einstigen Vertrauten, die um ihr politisches Überleben kämpfen: all die feisten Großserben, die Nationalisten zu sein vorgeben, in Wirklichkeit aber nicht einmal das sind. Jene, die gut verdienten am Wahn ihres Volkes, das sie in materielle und geistige Armut stießen. Oder die russischen Generäle, die wie die meisten ihrer Landsleute keine Ahnung haben vom Balkan, ständig Namen, Daten und Hintergründe der Ereignisse verwechseln, wenn sie von den jugoslawischen Kriegen sprechen, aber ganz genau wissen, daß der Westen schuld an allem ist.
Dazwischen dann ein schmächtig wirkender Österreicher. Es kann nicht sein, daß er sich hingezogen fühlt zu den anderen Rednern in ihren impotenten Posen. Dennoch ist Peter Handke da. Er verkündet harmlose Geistreicheleien. Er sei glücklich, daß er in Serbien und Milosevic nahe sei, heißt es dann auch. Soll man sich darüber ärgern? Noch jedes Regime hat seinen Sänger gefunden. Wäre nicht er hier, dann wäre es ein anderer. Ein Claqueur, der mit Aufmerksamkeit entlohnt werden will. Die Stimmungsmacher aber sind andere an diesem Tag.
Sie peitschen die Menge auf, bis der Trauerzug zum Anwesen der Milosevics weiterzieht, wo der ehemalige serbische Präsident begraben wird. Die Masse bleibt vor der Bühne in der Stadt zurück. Wie Trinker, die ihren Rausch steigern müssen, um nicht von der Wirklichkeit eingeholt zu werden, suchen einige noch eine Weile Halt in Sprechchören, aber die Ekstase klingt unweigerlich ab. Es ist vorbei. Sela, Psalmenende.
Text: tens / F.A.Z., 20.03.2006, Nr. 67 / Seite 35
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