Ausstellung über Wetter und Klima

Wetter machen im Stangenwald

Von Joachim Müller-Jung

Der erste künstliche Schneekristall, 1936 vom japanischen Physiker Ukichiro N...

Der erste künstliche Schneekristall, 1936 vom japanischen Physiker Ukichiro Nakaya gezüchtet

14. Juli 2008 Al Gore konnte nicht das letzte Wort haben. Das war klar. Aber was sollte nach dem filmischen Weltbedrohungsepos „Eine unbequeme Wahrheit“ noch kommen, das unser zerrüttetes Verhältnis zu Klima und Atmosphäre mit gebotener Tiefenschärfe dokumentiert? Wer ein paar der oft als soziales Begleitprogramm zu Klimakonferenzen arrangierten Aufklärungsversuche gesehen hat, mal mit Fakten und Kurven vollgestopfte Posterstellwände, die anderen schreiend auf Überlebensparolen reduziert, der wird aufgehört haben, die Antwort in einer Ausstellung zu suchen. Klima, meteorologische Phänomene überhaupt sind scheinbar nur etwas für bewegte Bilder. Für Bilder zumal, die Urängste des Menschen mobilisieren. Ein Hurrikan, der Häuser zusammenklappen lässt wie Pappkartons, Fluten, die ganze Familien auseinanderreißen.

Unser Verhältnis zum Wetter ist aufs äußerste gespannt und geprägt von den Versuchen, unsere Haut zu retten. Aber das ist nur die eine Seite. Da ist noch viel mehr in unserer Geschichte, was die Menschen kulturell an die Launen des Klimas kettet, vom frühen Ritus bis zur modernen Klimaprognose. Der Blick auf dieses gesellschaftliche Mehr, auf die Anfänge und zivilisatorischen Übergänge in diese sich zuspitzende Beziehung zum äußeren Element, ist für das Verständnis der Klimawandelfurcht, wie wir sie heute erleben, allemal wertvoller als die Inhalte bloß aufrüttelnder Kinothriller. Dass nun dies zu zeigen ausgerechnet in einer Ausstellung gelingt, nämlich in der Sonderschau des Dresdner Hygiene-Museums „2 Grad - Das Wetter, der Mensch und sein Klima“, das liegt wohl vor allem daran, dass man bei aller historischen Tiefe und naturwissenschaftlichen Strenge, ja auch trotz des aktuell gebotenen Ernstes des Themas, eine geradezu verspielte Symbolik wagt.

Franklins Blitzableiter

Das Gerüst dieser Symbolsprache bilden im wörtlichen Sinne Wetterfahnenstangen aus Stahl. Im Ganzen sind es einige Tonnen Stahl, die in vier Räumen zu Themeninseln aufgestellt wurden. Die „Sonneninsel“ ist ein polyederförmiger Körper, die „Windinsel“ ein schneckenförmig gewundenes Stangengerüst und die „Friedensinsel“, auf welcher paradoxerweise der Krieg gegen unerwünschtes Wetter dargestellt wird, ein ausladendes Klettergerüst mitten im Raum - ein Kommandostand aus einem zentnerschweren Stangengerippe. Auf all diesen sprechenden Gerüstkonstruktionen sind thematisch passende Objekte installiert. Passend und manchmal augenzwinkernd sich gegenüberstehend.

Da werden Leihgaben aus Museums- und Techniksammlungen gezeigt wie Benjamin Franklins Blitzableiter, der auf eine private Schneekugelsammlung trifft, oder das Kunstwerk „Klima-Maschine“ von Ton Matton - ein hölzernes Kakteengewächshaus als Symbol der Verwüstung -, das sich gegenüber einer weißen Gummiente von Dean Orlisson wiederfindet, welche vor dessen Haus an der Küste Alaskas gespült worden war. Das schwimmende Entlein war Teil eines im Nordpazifik havarierten Containerschiffs aus Hongkong. Es hatte durch seinen Unfall auf frappierende Weise die Erkenntnisse der Meeresstromforschung über Zug und Geschwindigkeit der Ozeanzirkulation belegt und erweitert.

Vom Beobachter und Berechner ...

Man muss die Professionalität von Klimaforschern nicht selbst erlebt haben, um sich auszurechnen, dass solche Ideen kaum aus ihrem Fundus stammen. Tatsächlich ist die Ausstellung vor allem von Kulturwissenschaftlern geprägt, angefangen bei der Kuratorin Petra Lutz, einer Historikerin. Das heißt allerdings nicht, dass die Naturwissenschaften zu kurz gekommen sind. Institutionen wie das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das Hamburger Max-Planck-Institut, das Institut für Troposphärenforschung oder der Deutsche Wetterdienst stehen als Kooperateure dafür, dass auch der Sachstand zur brisanten Frage der Klimaerwärmung stimmt. Thematisch und räumlich umrahmt diese Frage die gesamte Ausstellung. Sie füllt aber glücklicherweise nicht alles aus. Dramaturgisch geht es vielmehr darum, „den menschlichen Strategien zu folgen, vom passiven Objekt der Naturgewalten zum souveränen Akteur zu werden“, wie es in dem Begleitband heißt. Entsprechend ist die Abfolge.

Zuerst wird die Macht über den Menschen gezeigt, die der Atmosphäre eigen ist: Fossile Opfer früherer Klimaveränderungen und der ramponierte Katzenkäfig des Amerikaners Mike Breerwood, dessen aufopferungsvoller Kampf für seine fünf Haustiere nach dem Untergang von New Orleans durch Wirbelsturm „Katrina“ Geschichte geschrieben hat. Anschließend die Erkundungsphase: Der Mensch wird intensiver Beobachter und Berechner. Wissenschaftliches wird präsentiert und erläutert - von Torricellis Barometer und der Kohlendioxidsammelflasche Keelings bis zu den aktuellen Satellitenbildern, die der Wetterdienst auf Monitore einspeist - ebenso wie Halbempirisches - Auszüge aus Goethes böhmischem Meteorologie-Tagebuch - und Religiöses: ein Stück vom Zahn des philippinischen Blitzgottes, der vom Volk der Manobo verehrt wird.

... zum Wettermacher Mensch

Die Technikfülle dieses Raums schließt auch die Interaktion ein: An die Wand projizierte neongrüne Wolken lassen sich, optisch gesteuert, mit schwimmenden Armbewegungen zum Wachsen und Abregnen bringen. Im „Raum der Zivilisation“ geht es um Abwehr und Anpassung. Hierunter, nicht unter das schon seinerzeit favorisierte Thema Klimakatastrophe, fällt auch die Jahrhundertflut, für die exemplarisch eine demolierte Karteikastenschublade aus Dresden gezeigt wird. Wie schließlich der Mensch seine Versuche begonnen hat, selbst das Wetter zu beeinflussen, indem er etwa Hagelraketen und Silberjodid-Lösungen in den Himmel schoss, damit beginnt ein Ausstellungsabschnitt, der ironischerweise „utopischer Raum“ heißt. Wir erleben hier eine schon in früheren Jahrhunderten entwickelte Hybris, die sich in der Mitte des Raums durch den stilisierten Nachbau einer künstlichen „Biosphäre 2“ der Gegenwart nähert und bezeichnenderweise am Ende mit dem Großkomplex Klimapolitik in die Zukunft weist. Wie gesagt: „Wetter machen“ für „utopische Klimate“ ist hier das Thema.

Süffisanter könnte man den Versuch, das gegenwärtige Weltklima auf einen fixen Wert der Temperaturskala - höchstens 2 Grad über vorindustriell - einstellen zu wollen, kaum kommentieren. Die honorigen Klimaforscher freilich, die auf Monitoren in demselben Raum ihre Weisheiten und Visionen zum Besten geben, können von dieser Utopie kaum lassen. Zu viel wissen sie augenscheinlich schon. Und zu viel steht auf dem Spiel.

2 °. Das Wetter, der Mensch und sein Klima. Deutsches Hygiene-Museum Dresden. Bis 19. April 2009. Der Katalog im Wallstein Verlag kostet 24,90 [Euro].



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Arizona Historical Society, Tempe, Arizona, USA, Courtesy Daniel M. Shih, Taiwan, Courtesy Kupferstichkabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank, Courtesy Nasa Ames Research Center, Courtesy Schenectady Museum & Suits-Bueche Planetarium, Schenectady, Gerald Traufetter, Glen Christian/Das Fotoarchiv/Da, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig, Markus Hubacher Spiez, Max-Planck-Institut für Meteorologie / Deutsches Klimarechenzentrum, Hamburg, Modestino Carbone, Courtesy Cloud Appreciation Society, Thomas Bruns, U.N.Limited, Tokio