Ich möchte nicht das Leid mit zweierlei Maß messen. Man kann es aber nicht isoliert betrachten. Aus der Suche nach dem „Warum?“ muss bei den deutschen Vertriebenen „1939“ früher oder später auftauchen. Welche Antwort möchten sie z. Bsp. den Menschen aus Zamosc geben die 1941 vertrieben wurden? Dieser Unterschied gehört zum Schicksal deutscher Vertriebener.
Das Thema, ist nur in einem Dialog zu bewältigen. Es ist daher bedauerlich dass die poln. Regierung den Dialog nicht aufnimmt. Aber es ist für die poln. Seite schwer zu akzeptieren, dass Erika Steinbach die im besetzten Polen geboren wurde im Namen der Vertriebenen auftritt.
Nicht Berlin sondern Breslau ist der richtige Ort für das Zentrum gegen Vertreibung. Weil in Breslau die Dramatik des Schicksals der Vertriebenen besonders deutlich wird. Die Menschen die 1945 nach Breslau gekommen sind, kamen aus Lemberg, aus Vilnius. Sie waren selber Vertriebene, sie waren selber Opfer stalinscher Politik. Ich denke dort ist ein Dialog auf Augenhöhe möglich, der zu einer differenzierten Bewertung der Geschehnisse und einer wirklichen Aussöhnung führen kann. Das Bestehen auf dem Standort Berlin für das Zentrum, verweigert sich dem Dialog und birgt die Gefahr eines Monologs mit sich.
Wer noch immer das Leid der Vertreibung mit zweierlei Maß gemessen haben will, ist zutiefst zu bedauern. Er wird mit der Verbreitung seiner Meinung die Aufarbeitung der Geschichte und Wahrheitsfindung der Ursachen und Wirkungen nicht aufhalten und verhindern können. Frau Steinbauch ist mit dieser Form der Darstellung der Vertreibung auf dem richtigen Wege. Für Menschen, die offen und aufgeschlossen sind und bereit sind, sich mit der Vergangenheit ehrlich auseinanderzusetzen, ist das von Frau Steinbach begonnene Werk eine Bereicherung und gehört in das Zentrum Berlins.
Das menschliche Leid ist überall gleich.
Der Stein der Gewalt wurde 1939 (bzw. 1938) ins rollen gebracht.
Daher steht die Klage der deutschen Vertriebenen vor einem anderen Hintergrund, als die vieler Europäer in deren Heimat das Leid von Deutschen gebracht wurde. So tragisch das einzelne Schicksaal auf beiden gewesen ist.
In diesem Sinne ist es ein zweierlei Maß.
Ich bin immer wieder fassungslos angesichts der Roheit und Gefühlskälte, mit der gewisse Kreise über das Elend und erlittenes Unrecht von Menschen hinweggehen sofern es sich um Deutsche handelt.
Wer solchermaßen sein Mitleid selektiert, dem kann man auch seine heuchlerische Betroffenheit nicht abkaufen, wenn er über das Leid anderer Nationen Krokodilstränen vergießt.
Die Ausstellung waere schon dann ein Erfolg, wenn sie mit der in Deutschland vorherrschenden Zwangsvorstellung aufraeumte, die Vertreibung der Ostdeutschen sei so etwas wie eine gerechte teil-kollektive Strafe fuer deutsche Verbrechen gewesen.
Sie war sicher in Verbindung mit der Kriegsniederlage deren Konsequenz, aber nur in dem Sinne, dass sie die Realisierung einer zuvor bereits angelegten Interessenspolitik ermoeglichten.
Das Schicksal der Ostdeutschen war in diesem Sinne ein integraler Baustein in Stalin's zynischer Strategie, vom Kaukasus ueber das Baltikum bis nach Polen und Ostdeutschland durch Vertreibungen langfristige Konflikte zum Nutzen eines stabilen grossrussischen Imperiums zu schaffen. Ihr Ziel hat diese Politik leider erreicht – und zwar zum Teil ueber das Ableben der Sowjetunion hinaus.
Winston Churchill hat Intention und Konsequenzen der ostdeutschen Vertreibungen 1945 in Potsdam erkannt. Ihr Ausmass wurde von ihm aus dem britischen Blickwinkel des Schutzes von Polen vor negativen Auswirkungen der Verschiebung sowie aufgrund positiver persoenlicher Erfahrungen in Schlesien bekaempft. Deshalb das Scheitern der Konferenz und die offene deutsch-polnische Grenzfrage bis 1990.
Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft dieser Ausstellung auch die rückständigen Diskurse in Polen und der Tschechischen Rep. befruchtet. Es gibt keinen Grund, ihnen die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu ersparen.
Hier wird eine Ausstellung unter den Name "Erzwungene Wege" veranstalltet und zur gleich unterstützt Deutschland mit einem sehr lapidare Ausrede "Historische Verantwortung" eine neue Vertreibungspolitik.