10. August 2006 Man sieht, wie sie ihr Hab und Gut, meist nicht viel, in Säcken, Koffern und Kisten verstauen. Matratzen werden aus Häusern geschleppt, Stühle zusammengebunden. Dann Schnitt, der Hafen von Pola, riesige Gepäckberge, die Stühle wieder, Fenster, die man aus den Häusern ausgebaut hatte. Davor Kinder, Frauen und Männer, junge, alte, erstarrt die einen, weinend die anderen. Särge stehen aufgereiht am Pier. Dahinter das Schiff, die Toscana, die sie bald über die Adria bringen wird, hinüber nach Italien, weg aus Pola, das einmal Italien und ihre Heimat war und heute Pula heißt.
Man schreibt das Jahr 1947, und dieser nur minutenlange Wochenschaufilm, eines der seltenen Dokumente vom Auszug der italienischen Bevölkerung aus Istrien und Dalmatien, zeigt bei allem Unglück noch den besseren Teil dieser Tragödie. Sie forderte Zehntausende grausam ermordeter Opfer, die meisten in den Karstschlünden bei Triest verschwunden, und bedeutete für Hunderttausende den Verlust der Heimat und des Besitzes.
Strandgut der Geschichte
Als das letzte Schiff abgelegt hatte, war Pola eine fast leere Stadt, die Vertriebenen haben sogar die Toten mitgenommen und das Standbild des römischen Kaisers Augustus. In die Geisterstadt rückten Titos Partisanen ein, vor deren Terror die Menschen geflohen waren. Es hat nach 1945 schrecklichere Szenen gegeben als diese, damals, als die neuen Grenzen Jugoslawiens gezogen wurden. Darüber ist nachzulesen an der Wand vor der Hörstation im Europaraum der Ausstellung Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des zwanzigstenJahrhunderts. Die Hörstation steht ungefähr da, wo die auf dem Boden ausgebreitete Landkarte Europas die Adria zwischen Italien, Kroatien und Slowenien zeigt. Andere Stationen mit Filmen und Zeitzeugeninterviews stehen da, wo früher Deutsche lebten oder Griechen oder Armenier oder Polen oder Ukrainer.
In einem der angrenzenden Räume ist die Fortsetzung der italienischen Geschichte zu sehen: ein verstaubtes Buffet, noch in die grob zusammengezimmerte Holzkiste gesperrt, eine Wagnerbüste, ein wackliger Kinderwagen, die zusammengebundenen Stühle. Ausgeliehen aus Triest für die Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais, die gestern eröffnet worden ist. Sie gehören zum Inventar eines Lagerhauses im Freihafen, das achtzehntausend Kubikmeter Strandgut der Geschichte birgt: Zeugnisse einer seit sechzig Jahren untergegangenen Kultur. Eine von vielen. Ihre Besitzer verbrachten Jahre in überfüllten Flüchtlingslagern, wo für Möbel kein Platz war. Viele wanderten nach Übersee aus, und für den Transport ihrer Habseligkeiten fehlte ihnen damals das Geld.
Jede Vertreibung ist gleich schlimm
Ist das die Umdeutung der Geschichte, die dem Zentrum gegen Vertreibungen seit Jahren im Lande, aber auch in Polen und Tschechien unterstellt worden ist? Wer sich Zeit nimmt und die Zeitreise durch das schreckliche zwanzigste Jahrhundert im Europaraum der Ausstellung beginnt, kann sich vom Gegenteil überzeugen. Sofern man dazu bereit ist. Hier werden, mit den Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich beginnend, bis zu den ethnischen Säuberungen in Bosnien in den neunziger Jahren, neun exemplarische Fälle für die Vertreibung von Millionen Menschen in Europa dokumentiert. Der historische Kontext ist kompliziert, jedenfalls nicht so eindimensional, wie der Stiftung immer unterstellt wurde, als deren Kritiker das Konzept noch beharrlich ignorierten.
Der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der jungen Türkei ist die Folge eines Krieges mit nationalistischen Ambitionen auf beiden Seiten. Sein entsetzlicher Höhepunkt: die brennende Hafenstadt Smyrna im September 1922, als die griechischen und armenischen Viertel zerstört wurden und Tausende in den Flammen starben oder von türkischen Soldaten ermordet wurden. Hunderte Flüchtlinge sind auf einem Foto zu sehen, sie hausen zu zehnt in den Logen der Oper von Athen, bis sie in die für sie hastig errichteteten Vororte ziehen können. Es gibt ähnliche Dokumente von anderen Orten, aus Schlössern in Sachsen oder Schleswig-Holstein nach 1945 oder aus Kroatien 1995. Das italienische Beispiel, das griechische, auch die Geschichte der finnischen Karelier sind hierzulande weniger bekannt als die Vertreibung von mehr als zwölf Millionen Deutschen, aber sie sind nicht weniger schlimm. Auch das ist eine Botschaft dieser Ausstellung.
Wellen von Unglück
Zu den historischen Fakten am Zeitstrahl, der sich wie ein Fries durch den Europaraum zieht, sind nur wenige Dinge gestellt, die jeweils ein einzelnes Leben erzählen, Beispiele für Millionen von Menschenschicksalen, für Heimatverlust und Entwurzelung, Terror und Krieg. Für Familien, die alles verloren und nur das nackte Leben retten konnten, viele nicht einmal das. Sie erzählen von Menschen, die jahrelang in Zwangsarbeit schufteten, hin und her geschickt durch Europa von Diktatoren und nationalistischen Staatsführern oder auch, weil man glaubte, nur so sei der Frieden zu gewinnen. Vertreibung, Umsiedlung, egal, wie man das nennt, traf Menschen wegen ihrer Religion oder weil sie zum falschen Volk gehörten, Besitzlose, Reiche, Kinder und Greise, Frauen, die man erst vergewaltigte und dann deportierte. Millionen Polen, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt aus Westpreußen, dem Wartheland, Sudauen und Oberschlesien brutal vertrieben wurden - zwei Millionen wurden dann zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, viele von den Deutschen ermordet, als Polen überfallen wurde. Die Sowjetunion wiederum annektierte große Gebiete in Ostpolen und vertrieb dort mehr als eine Million Einheimische.
Es sind Wellen von Unglück, die sich immer wieder aufbauten, die auch die Ukrainer trafen, die nun nicht mehr zu den Polen passen sollten - sie wurden in die Sowjetunion vertrieben. Während der sogenannten Aktion Weichsel wurden 1947 noch einmal Ukrainer innerhalb Polens umgesiedelt. Die Bandura, eine ukrainische Lautenzither, in einem der Nebenräume ausgestellt, erzählt auch von dieser Tragödie. Sie wurde für die Ausstellung aus einem heute polnischen Dorf in Pommern ausgeliehen - dahin hatte es die Flüchtlinge schließlich verschlagen. Bis Kriegsende lebten dort Deutsche.
Weiße Flecken im kollektiven Gedächtnis
Der Zweite Weltkrieg, den die Deutschen begannen, war in den Debatten um die Erinnerung an Vertreibungsverbrechen und Heimatverlust lange der einzige Bezugspunkt. Die Ausstellung Erzwungene Wege versucht, diesen Kontext nicht nur zeitlich zu erweitern, sondern mit den Folgen von entfesseltem Nationalismus, ethnischem Reinheitswahn, Rassenverfolgung und religiösen Konflikten weitere Ursachen zu zeigen - ohne zu relativieren. Diese europäische Dimension stellt die Opfer in den Vordergrund, deren Leid Hierarchien und Konkurrenz nicht verträgt, auch weil es sich in immer gleichen Prozeduren wiederholt: Entrechtung, Enteignung, das Packen von wenigen Habseligkeiten, die Entbehrungen der Flucht, die Trecks, die Schiffe, das Vergessen.
Es ist eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche und schwierige Ausstellung im Kronprinzenpalais. Hier wurden in wenigen Monaten Ausstellungsstücke aus halb Europa zusammengetragen, obwohl man nicht immer auf bereitwillige Partner traf, aber doch auf erstaunlich viele selbst da, wo politische Verspanntheit der Vernunft immer noch im Wege steht. Sie erhellt viele bisher weiße Flecken im kollektiven Gedächtnis Europas, nicht letztgültig, doch erstaunlich genau. Ob sich deutsche Vertriebene darin so wiederfinden, wie sie es gehofft haben, wird sich zeigen.
Was man nicht zu sehen wünscht
Der Besucher muß sich auf ein anstrengendes Abenteuer einstellen. Schon kritisieren Kommentatoren, hier werde stark mit emotionalen Effekten gearbeitet, man ziele zuviel aufs Herz. Doch was sollte statt dessen angesprochen werden, wenn der Verstand versucht hat, die Fakten zu verarbeiten? Was sollte sich sonst regen, wenn man die Erzählungen von Zeitzeugen gehört und die privaten Fluchtstücke entziffert hat? Die Gefühle sind es kaum, die die ersten Empörer noch vor der Eröffnung vor das Kronprinzenpalais trieb. Sie wissen, was sie nicht zu sehen wünschen: Hier kann es nur um Geschichtsrevisionismus gehen, weil Vertriebene so sind. Die Zeit wiederum ist pikiert, wer sich alles hergegeben habe, bei der Eröffnung zu sprechen: Bundestagspräsident Lammert, György Konrád und Joachim Gauck. Manchem sind feste Vorurteile der sicherste Halt.
Die Geschichten in Erzwungene Wege sind chronologisch geordnet - eine ideologiefreie Methode für ein belastetes Thema. Wer sich darauf einläßt, auf die persönlichen Dinge wie die historischen Hintergründe, kann eine Spur durch das vergangene Jahrhundert entdecken, die zu immer gleichem Leid führte, zu Verbrechen, die zu ächten auch die Vertriebenenstiftung Zentrum gegen Vertreibungen angetreten ist. Sie erfüllt mit diesem bemerkenswerten Ausstellungsprojekt auch ein Versprechen der Charta der Heimatvertriebenen vom August 1950. Ein Dokument der Versöhnung, fast vergessen und gerühmt allenfalls noch von jenen, die sich immer wieder mit dem Elend neuer Flüchtlinge befassen müssen. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung, hieß es in diesem Aufruf, der an die Welt appellierte, diese Not künftig zu verhindern.
Bis zum 29. Oktober im Kronprinzenpalais, Berlin.
Text: F.A.Z., 11.08.2006, Nr. 185 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Arbeitsfoto klotz müller-toovey, Armin-T.-Wegener-Gesellschaft e. V., Wuppertal, bpk, Berlin, Centre fo Asia Minor Studies, Athens, klotz müller-toovey, Berlin, Museum of the Occupation of Latvia, Riga, Polskie Ratownictwo Okretowe, Gdynia, University of Pennsylvania, Van Pelt-Dietrich ibrary Center, UNO, Genf
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