Schule & Erziehung

Stellt den Lehrer in die Mitte der Debatte!

Von Gesine Hindemith

Wo Lehrer und Schüler nicht selten leiden: ein Blick ins Klassenzimmer

Wo Lehrer und Schüler nicht selten leiden: ein Blick ins Klassenzimmer

11. September 2008 Auf den Lehrer kommt es an. Keine Bildungsdebatte kann davon ablenken, dass alle Strukturreform leerläuft, wenn der Lehrer nicht gut ist. Was einen guten Lehrer ausmacht, wie zentral seine Rolle als Wissensvermittler, Ansporner und Entflammer ist, weiß eigentlich jeder, der einen solchen hatte. Umso erstaunlicher, wie schnell man diese Grundwahrheit im Wust der Reformdiskussionen aus dem Auge verliert und sich mit wohlfeiler Lehrerschelte zufriedengibt. Man beschwört die Bildung als Ressource der Zukunft, die Kanzlerin macht eine Bildungsreise durch Deutschland – alles schön und gut, aber wo ist ein Forum in Sicht, auf dem mit vergleichbarer Energie über die Verbesserung des Lehrerstands geredet würde? Sachkundig, analytisch und konstruktiv, unter Verzicht aufs Abspulen der ewigen Pauker-Schüler-Klischees, in der Überzeugung, dass man an eine Zukunftsfrage der Gesellschaft rührt, die alle Aufmerksamkeit wert ist.

Das neue Buch von Bernhard Bueb, das jetzt in den Buchhandel kommt, ist eine Gelegenheit, ein solches Forum einzurichten. In dieser Zeitung wird das Erscheinen des Buches zum Anlass genommen, im Internet unter faz.net/bueb (Alle Macht den Schulleitern! ) eine Debatte um den Lehrerberuf zu führen. Buebs Buch trägt den Titel „Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung“. Gewiss kann man nun anfangen, sich am Begriff der „Führung“ abzuarbeiten. Ob dieser Begriff eine glückliche Wahl ist, mag dahinstehen. Zudem gibt es im Buch etliche Unschärfen und Ungenauigkeiten, die wohl auch Bueb selbst einräumen würde. Aber es wäre verfehlt, der zentralen Debatte, die das Buch anstößt, mit Hinweis auf dessen Schwächen auszuweichen.

Den Defätismus durchbrechen

Die Debatte, die es zu führen gilt, steht unter dem Slogan „Auf den Lehrer kommt es an“. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Es geht nicht darum, aus der stets ein bisschen verrückten Institution Schule plötzlich ein Arkanum der Bildung und Menschenliebe zaubern zu wollen. Hier gilt vielmehr, was Adorno in den „Tabus über den Lehrerberuf“ schreibt: „Prinzipiell bleibt, was in der Schule geschieht, weit hinter dem leidenschaftlich Erwarteten zurück.“ Gleichwohl muss der Defätismus durchbrochen werden, mit dem man die Schule als einen hoffnungslosen Fall, den Lehrer als einen unverbesserlichen Unterrichtsbeamten abtut. Derzeit wird der Lehrer zum Dienstleister am Kind degradiert. Er steht ganz am Rande der Diskussion. Dass dies so ist, hat er auch seiner eigenen passiven Haltung zu verdanken. Psychisch gebeutelt zwar, aber eben doch mit stoischer Ruhe erträgt die Lehrerzunft die folgenlose Kritik. „Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln“, hält ihnen Bueb entgegen. Der ehemalige Direktor des Internats Schloss Salem hatte bereits vor zwei Jahren mit seinem „Lob der Disziplin“ eine umstrittene und bestens verkaufte Kritik an verweichlichten Erziehungsmethoden antiautoritärer Herkunft geübt.

Bueb weiß auch diesmal zu provozieren: den Beamtenstatus abschaffen sei der erste Schritt. Weg von falschen Privilegien und hin zu vermehrter Kontrolle, heißt die Losung. Mangelhafte Leistung muss Sanktionen nach sich ziehen, nicht nur für den Schüler, sondern auch für den Lehrer. Bueb geht noch weiter: Er hofft, dass der Vorschlag zur Aufgabe der Verbeamtung eines Tages aus den Reihen der Lehrer selbst kommt. Wie immer ein solcher Vorschlag zu bewerten sein wird, in der Sache trifft Bueb ins Schwarze: Die Lehrerschaft muss die Qualitätssicherung auf ihre Fahnen schreiben. Das „Weiter so“ der Unfähigen und die Verschleierung der Inkompetenz darf nicht länger vom Beamtenstatus gedeckt werden.

Bewertung auch durch die Schüler

Denn was ist die Alternative? Als Skandal wertet Bueb das vom System verordnete Mobbing schlechter Lehrer. Um sie loszuwerden, bleibe dem Schulleiter keine andere Wahl, als sie rauszuekeln. Dabei werde das Problem aber nur (auf die nächste Schule) verschoben: Der unfähige Lehrer treibt dann dank seiner beamtlichen Unkündbarkeit vor anderen Schülern sein Unwesen. Das System Schule legt sich auf diese Weise selbst lahm. Die gute Arbeit, die zweifelsohne von sehr vielen außerordentlich engagierten Lehrern geleistet wird, verpufft, ohne richtig ausgenutzt zu werden. Bernhard Bueb: „Im Moment nehmen gute Pädagogen es fatalistisch hin wie das tägliche Wetter, wenn Bildungspolitiker sich wieder etwas Neues ausdenken oder wenn schlechte Kollegen den Schulerfolg von Kindern verhindern. Dabei müssten sie sich eigentlich für die Qualitätsstandards in Schulen stark machen – und dazu gehört es, Versager entlassen zu dürfen.“

Wie soll die Qualität des Unterrichts bewertet werden? Das schält Bueb als die entscheidende Frage heraus. Lehrproben helfen offenbar nicht weiter. Hier bewerten in der Hierarchie höherstehende Lehrer untergeordnete Lehrer. Das ist zu einseitig. Bueb schlägt vor, die Schüler in die Bewertung miteinzubeziehen – schon um die kontraproduktive Benotung von Lehrern im Internet auf den einschlägigen Websites überflüssig zu machen. Einen detaillierten Fragebogen pro Jahr sollten demnach die Schüler ausfüllen.

Ohne Verbeamtung

Bueb geht es dabei um das, was er „geregelte Rückmeldung“ nennt. In einem Gespräch des Schulleiters mit dem Lehrer könnten dann die Ergebnisse der Fragebögen besprochen werden. Das mag nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber womöglich ein weiser Anfang. Lehrer, Schüler und Eltern müssen in ein Gespräch darüber kommen, was sie vom Unterricht erwarten und wie Leistung innerhalb dieses Unterrichts zu bewerten ist. Die Entwicklung von Fragebögen kann hier ein erster Schritt sein. Effiziente Coaching-Kurse sollen es den Lehrern nach Buebs Vorstellungen ermöglichen, aus ihrem Scheitern zu lernen. Das fordert starke Persönlichkeiten, die vom System Schule aus mancherlei Gründen nicht gerade begünstigt werden. Wer einmal im Kurs für Referendare gesessen hat, weiß: Die lockende Verbeamtung wirkt wie der Rattenfänger von Hameln. In den Zeiten der Generation „Unsicherheit“ bietet der Lehrerberuf vielfach die einzige Aussicht auf ein abgesichertes Leben, wird mehr denn je zur Wärmestube.

Ein Lehrer aber braucht Flexibilität, Mut, Durchsetzungkraft und Begeisterung für das zu vermittelnde Fach. Eigenschaften, die jemandem, der mit Vorliebe auf Nummer Sicher geht, völlig abgehen. Der durchschnittliche Lehramtsstudent besucht die Uni in der Stadt, in deren Umgebung er aufgewachsen ist, und möchte möglichst nahtlos in den verbeamteten Lehrerstatus überwechseln. Dabei wählt man am besten ein Mangelfach, damit es nachher besser mit der Verbeamtung klappt. Ein genuines Interesse für das Fach ist Nebensache.

So aber geht den Lehrern genau das verloren, was sie am dringendsten brauchen, um pädagogische Strahlkraft zu entwickeln: die Achtung vor ihrem eigenen Beruf. Wenn der Lehrerberuf nicht mal von denen geschätzt wird, die ihn ausüben, wie soll er dann Anerkennung finden? Wie sollen Lehrer dann die Schüler entflammen?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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