Von Jürgen Kaube
30. Juni 2006 Die Studenten protestieren, zum Teil wütend, gegen Gebühren. Die Hochschulen sehen sich vor einem Ansturm, den sie mit heutigen Mitteln nicht bewältigen können. Die Föderalismusreform, über die heute im Bundestag entschieden wird, war nahe daran, durch ein Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Bereich von Hochschulsonderprogrammen für die Universitäten ein Desaster zu produzieren.
Derweil vergeht keine politische Rede, ohne die Wissensgesellschaft zu beschwören und zu verkünden, daß Bildung unsere einzige Ressource ist, daß die Konkurrenz aus Asien und die demographische Zukunft Investitionen in Forschung erzwingen. Solche Redensarten aber sind von einer historisch beispiellosen Gedankenlosigkeit im Umgang der Politik, aber auch in weiten Teilen der Wirtschaft und der Universitäten selber mit der höheren Bildung begleitet. Den deutschen Eliten fällt zur Universität nichts mehr ein. Man mag sich fragen, ob es daran liegt, wie sie einst die ihre erlebt haben.
Nicht nur ein Problem von Quantitäten
Was diese Gedankenlosigkeit am besten illustriert, ist eine Feststellung, gegen die als solche gar nichts einzuwenden ist: Die deutschen Universitäten sind unterfinanziert. Ganz gleich, welche Kennzahl man heranzieht, vom Anteil der Hochschulausgaben am Inlandsprodukt bis zur Zahl der Studenten je Professor oder der Zahl abwandernder Forscher - der Befund ist immer derselbe. Die Demographen sagen voraus, daß er in den nächsten Jahren selbst dann noch dramatischer wird, wenn es nicht zur politisch zusätzlich erwünschten Steigerung der Studierbeteiligung im Umfang von vierzig bis fünfzig Prozent eines Jahrganges käme. Nebenbei: Hält man neben solche Zahlen die Erhebungen über die Bevölkerungsanteile von Jugendlichen aus Migrationsmilieus und erinnert sich an deren durchschnittliches Abschneiden an den Schulen, wird deutlich, daß eine steigende Studierbeteiligung nicht nur ein Problem von Quantitäten sein wird.
Die Finanz- und Wissenschaftsminister müßten jene Überlastung bestätigen, wenn sie ehrlicher in der Mitteilung ihrer Absichten und Einschätzungen wären. Allenfalls Baden-Württemberg, so scheint es nach der Regierungserklärung Oettingers, hat vor, sich als Bildungsregion zu pflegen. Daran, durch Erhebung von Studiengebühren die Hochschulen tatsächlich zu entlasten, denkt landesweit kaum ein Verantwortlicher. Darauf, ein Stipendiensystem zu entwickeln, das es Studenten erleichtern würde, auch unter diesen Umständen zu studieren, ist kein Hochschulpolitiker in all den vielen Jahren gekommen, die sie dazu Zeit gehabt hätten. Allen Ernstes erklärt Roland Koch (CDU) soeben, um Details werde noch gerungen. Seit wie vielen Jahren lassen Sie nicht nachdenken, Herr Ministerpräsident? Vielerorts werden die Universitäten selbst das Ausfallrisiko für rückzahlungsunfähige Absolventen tragen müssen. Und wenn in der Föderalismusreform jetzt erst auf den allerletzten Drücker unwillig und halbherzig der Tatsache gedacht wurde, daß arme, hundsarme Länder überhaupt nichts von einer Autonomie ihrer Bildungspolitik haben, ist das ein weiteres Indiz für die fast schon zynische Unkenntnis der Lage.
Selbstzerfleischungsverwaltung
Das eigentlich Schlimme an der Unterfinanzierung der deutschen Universitäten ist also nicht die Unterfinanzierung. Das eigentlich Schlimme ist, daß man in ihr einen Ausdruck des Desinteresses an der unterfinanzierten Institution entnehmen muß. Seit den späten sechziger Jahren wurden alle Probleme der Universitäten - Studentenzustrom, fehlende Forschungsorientierung, akademische Blockadepolitik im Rahmen des Beamtentums - mittels Wachstum und Bürokratisierung bearbeitet. Hält man sich an ein jüngste Studie der Politologen Thomas Plümper (Essex) und Christina Schneider (Konstanz), dann war die Ausdehnung des Hochschulwesens vor allem von der Absicht getragen, die Arbeitslosenstatistik auf möglichst kostengünstige Art zu pflegen. Aus dem noch 1970 prognostizierten Bedarf von einhundert Milliarden Mark für den expandierten Sektor waren 1980 zehn Milliarden an Ausgaben geworden. Man lenkte die Studentenströme einfach in die billigen Fächer, überließ die Zukunft den Amtsnachfolgern und die Universitäten ihrer Selbstzerfleischungsverwaltung.
Das war das wahre 1968. Als die Universität Konstanz dieser Tage ihr vierzigjähriges Bestehen feierte, erinnerte das letzte lebende Mitglied ihrer Gründungskommission, Ralf Dahrendorf, daran, daß die eigentlich innovative Periode der deutschen Nachkriegsgeschichte in die seltsam wenig erinnerten Jahre davor, die Jahre unter Erhard und Kiesinger, fiel. Von heute aus betrachtet, möchte man fast sagen: als die Eliten noch etwas mit dem Land und für das Land vorhatten. Oder: als sich diese Eliten unter Bildung und Wissenschaft noch etwas vorstellen konnten.
Integration des Verschiedenen
In Konstanz war es, wie kurz darauf in Bielefeld, der Gedanke, wenigstens einige Universitäten sollten die Möglichkeit haben, sich auf Wissenschaft zu konzentrieren. Wenigstens eine echte Forschungsuniversität sollte es in Baden-Württemberg geben, mit Schwerpunkt in den empirischen Disziplinen und in den Grundlagen allen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, den Sprachen, der Statistik, der Wissenschaftstheorie. Weder die Juristen noch die Pädagogen oder Mediziner sollten Gesicht, Stellenplan und Finanzbedarf der Universität prägen. Das sollten vielmehr, wie damals ihr erster Rektor, Gerhard Hess, schrieb, jene Disziplinen tun, für welche die ,Theorie', nicht die Berufsausbildung dominiert, die Natur- und Sozialwissenschaften sowie Geschichte und Philologie diesseits der Lehramtsprüfung.
Man sprach damals von einem kleinen Harvard am Bodensee, ließ dabei aber, wie Dahrendorf notierte, außer acht, daß Harvard selber nicht klein ist. Und, so kann man ergänzen, daß Harvard von seinem College lebt, also von den Studenten, die in der Mehrzahl später nicht forschen wollen, von seinen Professionsschulen und von der Überleitung seiner Absolventen in Richtung Politik und Börse. Von der Integration des Verschiedenen also, nicht von der Gleichmachung der Unterschiede. Wie tief das letztere Ideal die hiesige Diskussion bestimmt, spricht noch aus den Worten Margret Wintermantels bei den Konstanzer Feiern, als die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz fragte: Wie schaffen wir es, daß die Differenzierung des Hochschulsystems nicht zu erst- und drittklassigen Universitäten führt? Keine drittklassige Universität in den Vereinigten Staaten würde ein Problem darin sehen, daß es Princeton oder Berkeley gibt.
Drittmittelanträge und Exzellenzfassaden
Die angebliche Modellfunktion Amerikas ist insofern seit je eine bloße Formel. Der Zeitgeist hat diese Gründungsüberlegungen der Sechziger darum auch folgerichtig verschlungen. Eigensinnige Universitätsmodelle haben sich hierzulande nicht durchgesetzt. Was gelungen ist, und manche Universitäten noch immer attraktiv macht, gelang nicht als Umsetzung einer Idee, sondern als lokales Durchhalten von Einstellungen, zumeist gegen die Organisation und die Redensarten ihrer Reformer.
Aus Zeiten, an denen die Wissenschaftspolitik, so Dahrendorf, noch Positivsummenspiele spielte, sind wir lange heraus. Mit anderen Worten: Hält man sich an die Taten, dann glaubt offenbar niemand, daß Investitionen in Erkenntnis lohnend sind, daß Verzichte andernorts sich auszahlen - nicht einmal die Studenten, deren durchschnittliche Mobiltelefonrechnungen in einem gewissen Mißverhältnis zu ihren Gebührenprotesten stehen -, oder daß Mittel, die der Universität zufließen, dem Land als ganzem zugute kommen. Wiederum dokumentiert dieser Unwille zu Verzichten noch etwas viel Tristeres, nämlich den Mangel an Zutrauen in den systematischen Erkenntnisgewinn.
Was Wissenschaftler brauchen, wen kümmert's? Man bescheidet die Frage mit Formularen für Drittmittelanträge und Exzellenzfassaden. Wie und worin man all die vielen unterrichtet, die studieren, aber nicht Wissenschaftler werden wollen? Man hält die Kurzschule hin zum Bachelor auch in Zeiten verdampfender Allgemeinbildung an den Gymnasien für eine Antwort. Was eine gute Organisationsstruktur für Universitäten mit unterschiedlichen Aufgaben wäre? Man schaut mit offenem Mund nach Stan- oder Oxford, aber lernt daraus nur, auf die Demobürokratie Hochschulräte draufzusatteln. Die Hochschulen sollen autonom sein, aber die Mittel, ihre Autonomie zu nutzen, gibt man ihnen fast nie an die Hand.
Geld allein ist nicht die Lösung
Was starke Präsidien an Entlastung für den Alltag durch zentrale Entscheidungsfähigkeit leisten könnten, wird auf dem Wege der Dauerevaluation, der Marktsimulation und der von außen oktroyierten Studienreform nicht selten wieder zunichte gemacht. Die deutschen Universitäten sind unterfinanziert - das erlaubt darum, so unabweisbar es ist, nicht den Umkehrschluß, Geld sei die Lösung ihrer Krise oder auch nur die erste Bedingung dafür. Viele aber denken genau so.
Als Peter Strohschneider, Präsident des Wissenschaftsrats, in Konstanz die hemmungslose Produktion von Postdoktoranden, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten zur Fütterung des Drittmittelbetriebs betrieben wurde, für die Geisteswissenschaften völlig zurecht in Frage stellte, reagierte die Versammlung irritiert. Wachstum problematisieren? Undenkbar. Erst zu fragen, wohin die Reise gehen soll, und erst danach den Bus bestellen? Altmodisch und das völlig falsche Signal an die Geldgeber. Man hat sich auch an den Universitäten gewöhnt, den Imperativen der Wissenschaftspolitik zu folgen. Niemand glaubt ans Evaluieren, alle machen mit. Niemand glaubt an Exzellenz durch Exzellenzinitiativen, alle bewerben sich. Jeder weiß, wie tief die Krise ist, alle sehen sich auf dem richtigen Weg. Bildung - das war mal so eine Idee. Zurück zum Fußball.
Text: F.A.Z., 30.06.2006, Nr. 149 / Seite 49
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