Von Elke Heidenreich
23. Oktober 2007 Zuerst die gute Nachricht: Die Firma Saturn stellt ihre Werbekampagne mit dem unsäglichen Satz Geiz ist geil ein. Jetzt die schlechte: Diese Kampagne war, so die Elektrokette, die erfolgreichste aller Zeiten.
Geiz ist geil. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, schon wird einem schlecht - und zwar in jeder Hinsicht: moralisch, ästhetisch, semantisch.
Im Wörterbuch der Brüder Grimm wurde das heute so massenhaft als oft einziges Adjektiv, wenn es um Anerkennung geht, benutzte geil noch als lustig, ausgelassen, übermütig erklärt, aber auch zurückgeführt aufs Romanische galant, und im Liebessinne hieß geil dann später: gut drauf, also aus lustig wurde so etwas wie lüstern, und daher leitet sich wiederum ab, dass geil auch fruchtbar hieß oder trächtig: Eine Kuh geht geil hieß: sie ist trächtig, das war 1482.
Mit dem Verstand gegeizt
Geiz geißeln auch die Grimms schon als eine äußerst elende Charaktereigenschaft, als Habsucht mit dem Wort Gier im Wortstamm, und sie zitieren alte deutsche Sprichworte wie Der Geiz ist niemands Freund oder Geiz ist ein Strang der Seel und alles Bösen Königin oder Des Geizes Schlund ist unergrundt.
Als ich 1996 von der Gesellschaft für Deutsche Sprache den Medienpreis für Sprachkultur bekam, war der Preis das fast vierzigbändige tonnenschwere Grimmsche Wörterbuch, eine Qual beim Umziehen, eine Freude beim Arbeiten. Also habe ich es benutzt und damals, als die Kampagne losging, der Firma Saturn einen Brief geschrieben und versucht, der Geschäftsführung zu erklären, dass alles an dieser Werbung ekelhaft, falsch, zu beanstanden sei. Vielleicht meinen Sie die Sparsamkeit, schrieb ich, aber selbst die sei nicht unbedingt geil. Auszug aus dem Brief:
Vielleicht ist es geil, für Produkte immer weniger zu zahlen, Preise immer mehr zu drücken, vielleicht hat Ihr Werbeberater Sparsamkeit mit Geiz verwechselt, vielleicht hätte man einen zweiten Gedanken auf diesen Satz verwenden sollen?
Aber für einen zweiten Gedanken hat es offenbar bei Saturn nicht gereicht, und so zitieren wir einen Satz des Schriftstellers Ludwig Börne, der da lautet: Es gibt Menschen, die geizen mit dem Verstande wie andere mit ihrem Geld.
Es half alles nichts
Ich habe damals eine kleine private Kampagne gestartet, all meinen Freunde und Bekannten vom Kauf bei Saturn abgeraten, mich vor einzelne Filialen gestellt und Kauflustige so lange in Diskussionen verwickelt, bis sie eben nicht mehr kauflustig waren. In meiner Brigitte-Kolumne, die immerhin von Millionen gelesen wurde, habe ich darüber geschrieben, und das hat mir wieder einen Preis eingebracht: den Journalistenpreis des deutschen Mittelstands - was es nicht alles gibt. Auch der deutsche Mittelstand war entsetzt über diese Werbung, getan dagegen hat er nichts. Mich preisgekrönt, je nun, ja. Danke.
Es half aber natürlich alles nichts. Die Werbung blieb, die Kampagne war erfolgreich, und ein unbedarfter Mensch aus der Saturn-Geschäftsleitung schrieb mir einen Brief mit schönen Sätzen wie diesem: Erfolgreiche Werbung muss aus unserer Sicht polarisieren und stößt daher zwangsläufig nicht nur auf Beifall.
Sagen Sie das doch den Bettlern!
Aha, man weiß, dass es Mist ist, aber man will, dass es Mist ist? Ich sollte, meinte man noch, das Ganze doch auch mal von einer anderen Seite betrachten, leider stand nicht dabei, von welcher. Ich schickte den Brief mit dem Vermerk, ihn sich sonst wohin zu stecken, wieder zurück und riet dem Herrn dann noch, soweit ich mich erinnere, immer schön an Bettlern vorbeizugehen, ihnen eine lange Nase zu drehen und Geiz ist geil! zu schreien.
Als der große Jean-Baptiste Molière im Jahr 1668 seine Komödie L'Avare, Der Geizige, uraufführen ließ, reagierte das Publikum in Paris äußerst gereizt. Das Stück fiel durch - warum? Weil Geiz im damaligen Bürgertum eine sehr verbreitete Eigenschaft war, und man fühlte sich unangenehm ertappt und konnte darüber so gar nicht lachen. Das Stück musste abgesetzt werden.
Zweihundert Jahre später erschien der erste Band des Kapital von Karl Marx, und auch darin ging und geht es nicht zu knapp um Geiz. Kapital, sagt Marx, lässt sich nur anhäufen durch Sparsamkeit und Geiz, er nennt es: Enthaltsamkeit, aber er meint: nichts ausgeben. Warum hat unsere deutsche Wirtschaft nicht gegen Saturn geklagt?
Plötzlich hat Saturn mit dem Vatikan etwas gemeinsam
Geiz gehört heute nicht mehr zu den sieben Todsünden der Kirche, obwohl das im Mittelalter durchaus noch so war. Wer Bettlern nichts gab, wurde von Nachbarn angeprangert und vom Pfarrer bei der Beichte ordentlich rangenommen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die unvorstellbar reiche Kirche mit Schaudern daran dachte, ihr eigenes Geld etwa für die Armen ausgeben zu müssen. Die Kirche hat immer nur Geld haben wollen, sie hat so gut wie nie welches gegeben, und deshalb ermahnt sie zum Geldzusammenhalten - außer, man gibt es ihr. Da hat Saturn plötzlich mit dem Vatikan einiges gemeinsam: Geiz ist geil.
Im Alten Testament erhalten die Geizhälse Samuel und Jeremias drastische Strafen, und im Neuen Testament, das wissen wir alle, heißt es, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr gehe als ein Reicher ins Himmelreich kommen werde. Es sei denn, er vermacht vorher schnell seinen Reichtum Gott, respektive dessen Stellvertreter auf Erden. In allen antiken Komödien, von Theophrast über Horaz bis Juvenal und Plautus, werden Geizhälse verspottet und verhöhnt. Es gab ihn immer, den Geiz. Und er machte das Zusammenleben nicht gerade leichter.
Kein Anstand, kein Geist
Geiz ist leider eine allgemein menschliche Charakterschwäche. Es gibt ihn sehr verbreitet. Und in Deutschland hat er sich gut erhalten, er ist hier, könnte man sagen, eine unterschätzte Leidenschaft, er ist sehr präsent, aber niemand ging jahrelang mit dieser Erkenntnis so frech und schamlos um wie die Firma Saturn. Und, wie wir nun lesen, so erfolgreich.
Geiz ist geil. Ja, dann ist Kapitalismus auch geil. Dann ist Ausbeutung und sich bereichern geil. Die nun endlich beendete Werbekampagne des Hauses Saturn, im Fernsehen noch durch einen besonders scheußlichen Werbespot vertreten, war so krawallartig wie gewisse unappetitliche Nachmittagssendungen im deutschen Fernsehen. Es gilt kein Anstand mehr, keine Menschlichkeit, kein Geist. Geist wäre geil, das wär' mal was - aber ach.
Zum Schluss natürlich eine Leseempfehlung
Lassen Sie mich noch zwei schöne Beispiele aus dem alten Genua und aus dem heutigen Köln erzählen. Reiche Genueser bezahlten immer zwei Kaffee, wenn sie einen bestellten und tranken. Der zweite war für einen armen Schlucker, der sich keinen Kaffee leisten konnte, die Wirte schrieben das auf als caffè sospeso, überzähliger Kaffee, und wenn ein Bettler kam und nach caffè sospeso fragte, bekam er einen. Und heute noch bringt der Kölner Köbes bei fünf Kölsch gern mal ein sechstes für sich selbst mit - er trinkt es am Tisch, der Gast zahlt.
Königin Elisabeth, erzählt man sich, schleicht nachts mit einer silbernen Taschenlampe durch die Palastgänge, dreht Heizungen runter und schaltet Lichter aus. Und dann kuschelt sie sich ins klamme Bett, legt die Krone auf den Nachttisch, vorsichtig, damit ja kein Zacken rausbricht. Geiz ist so was von geil! Zum Schluss natürlich eine Leseempfehlung von mir: Das große Buch vom Geiz, herausgegeben von Rainer Nitsche, ist beim Transit Verlag erschienen.
Text: F.A.Z., 23.10.2007, Nr. 246 / Seite 39
Bildmaterial: ddp
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