Von Christian Geyer
26. September 2006 An diesem Mittwoch zwei Stunden lang Islamkonferenz bei Schäuble. Darf man, bevor es losgeht mit dem Dialog zwischen den fünfzehn Muslimen und den fünfzehn Staatsvertretern, darf man da in letzter Sekunde noch eine klitzekleine Bitte zur Änderung der Tagesordnung reinreichen?
Top 1a) der Tagesordnung sollte, so der Änderungsvorschlag, unbedingt lauten: Es ist unter allen Umständen verboten, beleidigt zu sein. Auf diesen Top 1a) hätten sich alle Konferenzteilnehmer wie auf eine Zugangsberechtigung zum Dialog zu einigen. Alle, ausnahmslos alle dreißig Konferenzteilnehmer müßten diesem Tagesordnungspunkt, der das Beleidigtsein untersagt, zustimmen. Das hieße aber auch: Das Verbot, beleidigt zu sein, muß von den Konferenzteilnehmern mit einem Absolutheitsanspruch ausgestattet werden, es muß - horribile dictu - einen zivilreligiösen Rang erhalten. Als Top 1b) wäre dementsprechend einzufügen: Verboten ist es insbesondere aus zivilreligiösen Gründen, aus religiösen Gründen beleidigt zu sein.
Sind Top 1a) und Top 1b) erst einmal konsensual ins diskursive Feld der Konferenzteilnehmer gerammt, ergibt sich Top 1c) von selbst. Top 1c) kann dann nur lauten: Erhebt sich gegen das in Top 1a) und Top 1b) ausgesprochene Verbot eine Gegenstimme, kann also auch nur ein einziger Konferenzteilnehmer nicht ausschließen, im Laufe des Dialogs ein beleidigtes Gesicht aufzusetzen - und täte er solches auch nur ganz, ganz flüchtig -, so muß die ganze Konferenz unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen.
Ersatz für Argumente
Die Sache ist ernster, als sie hier dargestellt wird. Das Beleidigtsein legt es derzeit darauf an, als Ersatz für Argumente anerkannt zu werden. Wobei im Einzelfall schon das höfliche Gesuch, Gründe vorzutragen - also die unanstößige Bitte, sich doch einmal zu unterhalten -, als Zumutung zurückgewiesen wird. Ist das eine übertriebene Feststellung? Leider nein. Es war letzte Woche in der Sendung Stadtgespräch des hessischen Fernsehens, da wurde der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, ganz artig zu einigen Einzelheiten seiner Religion, die Toleranz gegenüber Andersgläubigen in muslimisch geprägten Staaten betreffend, gefragt. Und augenblicklich wurde der Generalsekretär überaus patzig und führte den Dialog nur noch als Schalterbeamter weiter.
Für diese Frage, so gab er barsch zurück, sei er nicht zuständig, man möge sich an die Botschaften der islamischen Staaten wenden - da hätte nur noch gefehlt, daß er die Sprechzeiten der Botschaften im einzelnen bekanntgibt, was er aber nicht tat, statt dessen erging er sich im Lamento über die Zumutung, sich immer erklären und rechtfertigen zu sollen, ganz so, als grenze der offene Ton des Stadtgesprächs an Beamtenbeleidigung.
Damit läßt sich kein Blumentopf gewinnen
Was ist denn der Herr Mazyek für einer, fragte man sich vorm Hessenfernsehen. Sollte es qua Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland etwa nicht seines Amtes sein, auch Fragen zum muslimischen Glauben an und für sich zu beantworten, ob gelegen oder ungelegen? Leistet die übellaunige Art, eine auf der Hand liegende Frage als ungehörig abzutun, eine Gelegenheit zur Aufklärung als Rechtfertigungszwang zu diffamieren, nicht gerade den Vorurteilen Vorschub, die der Generalsekretär beklagt?
Es möge doch bitte bei der Islamkonferenz vorab Einigkeit hergestellt werden über folgenden Punkt: Keiner kann sich hinstellen und meinen, Fragen wie die nach dem Gewaltpotential des Islam beantworteten sich mit dem Hinweis auf die Demütigung der muslimischen Welt von selbst. Was an dem Vorwurf der Demütigung im einzelnen zutrifft, gehört gewiß immer wieder auf die Tagesordnung und namentlich dem amerikanischen Präsidenten um die Ohren geschlagen (der jüngste Geheimdienstbericht tut gerade solches, wenn er noch einmal festhält, daß der Irak-Krieg dem Terrorismus Flügel verliehen habe). Aber als Argument in der politischen Auseinandersetzung taugt das Gedemütigtsein ebensowenig wie das Beleidigtsein. Wenn alle Gedemütigten aus ihrem Gedemütigtsein das Recht ableiteten, Argumente zu verweigern und Bomben zu zünden beziehungsweise, sofern sie selber freundlicherweise keine Bomben zünden, sich für die Frage nach der Stellung der Bombe in ihrer Religion für unzuständig zu erklären - dann ist der Dialog aus, bevor er begonnen hat.
Man füge also im kritischen Apparat zur Tagesordnung der Islamkonferenz noch ein: In der Rolle der beleidigten Leberwurst ist kein Blumentopf zu gewinnen. Wer sich in dieser Rolle einrichtet, entmündigt sich als Dialogpartner selbst. Es stimmt: Die Muslime in unserem Land haben etwas Besseres verdient als die Mißgunst des xenophobischen Spießers. Sie haben aber auch etwas Besseres verdient als den Typus des paternalistischen Islam-Verstehers, der immer nur das eine will: niemandem weh tun.
Text: F.A.Z., 27.09.2006, Nr. 225 / Seite 39
Bildmaterial: ddp
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