Von Matthias Rüb, Washington
19. Januar 2005 Den Bier- und Grill-Test hatte Präsident George W. Bush schon lange gewonnen, ehe er auch bei den Wahlen vom 2. November über seinen Herausforderer John Kerry triumphierte.
Der Test war eine Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts der privaten Quinnipiac Universität in Connecticut. Im Mai 2004, ein halbes Jahr vor den Wahlen, befragten die Meinungsforscher landesweit knapp 1200 Wahlberechtigte, mit welchem der beiden Präsidentschaftskandidaten sie lieber ein Bier trinken und Hamburger oder Würstchen braten würden. 50 Prozent der Befragten wählten George W. Bush, nur 39 Prozent John Kerry als Partner für das verbreitete Wochenendvergnügen aus.
Kumpeltyp statt Oberlehrer
Gewiß, die Umfrage kam nicht so gewichtig daher wie die üblichen Befragungen zu Themen wie Krieg im Irak, Terrorismus, Renten- und Krankenversicherung, Wirtschaft und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Vielleicht ist sie aber gerade deshalb besonders aussagekräftig. Natürlich werden sich eingefleischte Anhänger der Republikaner und Demokraten stets für den Kandidaten der eigenen Partei aussprechen, selbst wenn sie den Betreffenden in Wahrheit lieber nicht in ihrem Garten hätten. Den deutlichen Vorsprung für Bush kann man daher wohl nur so erklären, daß der Präsident gerade unentschiedenen Wählern sympathischer erschien als der etwas oberlehrerhaft wirkende Senator aus Massachusetts.
Bush-Hasser werden das nie verstehen können: Daß gerade dieser Präsident, der doch in aller Welt das rücksichtslose, machtbesessene, cowboyhafte Wesen Amerikas verkörpert, daheim weithin als ganz normaler netter Kerl von nebenan wahrgenommen wird. Das ist um so erstaunlicher, als Bush - wie Kerry - aus einer wohlhabenden, einflußreichen Familie von der Nordostküste stammt und standesgemäß an der Eliteuniversität Harvard studiert hat.
Lederstiefel und kariertes Hemd
Schon Großvater Prescott Bush war von 1953 bis 1963 Senator für den Staat Connecticut und zudem erfolgreicher Geschäftsmann und Bankier. Vater George Herbert Walker Bush mag als Ölunternehmer in Texas erfolgreicher gewesen sein als sein Sohn, aber das Kunststück, zu einer zweiten Amtszeit im Weißen Haus wiedergewählt zu werden, gelang ihm nicht. In der Auseinandersetzung mit Bill Clinton, dem wenig bekannten Gouverneur aus Arkansas, blieb Bush der Ältere der steifeAristokratensprößling, dem es nicht gelingen wollte, ein emotionales Band zu den wahlentscheidenden Wechselwählern zu knüpfen - ganz wie den Demokraten Al Gore und John Kerry bei den beiden folgenden Duellen mit Bush dem Jüngeren.
Tatsächlich kommt das schulterklopfend Kumpelhafte bei George W. Bush nicht gekünstelt daher wie bei John Kerry, bei dem sogar Freizeitgarderobe wie von Designerhand ausgewählt erscheint. Wenn der Wahltexaner Bush bei jeder Gelegenheit auf seine keineswegs pompöse Ranch in Crawford flieht, um in Jeans, Lederstiefeln und kariertem Hemd Strauchwerk zu lichten, tut er das dagegen nicht aus Kalkül, sondern weil ihm wirklich danach ist.
Überzeugungstäter
Auch nach vier Jahren im Weißen Haus scheint das von Bushs Beratern verbreitete Bild vom Außenseiter, der im Interesse des kleinen Mannes und des mittelständischen Unternehmers Probleme der Steuer-, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik angeht, statt vor den mächtigen Lobbyisten in die Knie zu gehen, ein glaubwürdiges Prädikat.
Überhaupt Glaubwürdigkeit: Hätte die Mehrheit der Wähler nicht Bush, sondern den Politstrategen der Demokraten Glauben geschenkt, wonach der Präsident das Volk unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Krieg gegen den Irak geführt habe, würde am Donnerstag in Washington Kerry und eben nicht Bush vor dem Obersten Richter William Rehnquist den Amtseid ablegen. In mehreren Interviews hat Bush in den vergangenen Tagen abermals bekräftigt, er habe bis zuletzt fest daran geglaubt, im Irak werde man die vermuteten Massenvernichtungswaffen finden. Obschon die Suche kurz vor Jahresende endgültig eingestellt wurde, sei er bis heute absolut überzeugt, mit dem Befehl zur Invasion des Iraks und zum Sturz Saddam Husseins das Richtige getan zu haben. Saddam sei ein gefährlicher Mann gewesen - und die Welt heute sicherer.
Deutliche Mehrheit der Amerikaner glaubt Bush
Auch wenn dies in den Ohren von Europäern empörend klingt: Eine deutliche Mehrheit der Amerikaner glaubt ihrem Präsidenten, daß die Besetzung des Iraks ein fester Bestandteil des Krieges gegen internationalen Terrorismus ist. Und eine deutliche Mehrheit der Amerikaner wollte die Führung des Landes in Zeiten diffuser Bedrohung durch einen neuen Feind lieber in den Händen eines Mannes sehen, der von sich sagt, er tue, was er verspreche, und bleibe auch in schwierigen Zeiten bei einer einmal als richtig erkannten Grundsatzentscheidung.
Und noch etwas wurde George W. Bush in jüngster Zeit nicht müde zu bekräftigen. Er glaube fest an Gott, schöpfe Kraft aus der täglichen Bibellektüre und dem Gebet sowie aus den Gebeten anderer für ihn. Ich verstehe vollkommen, daß es Aufgabe des Präsidenten ist und immer sein wird, das großartige Recht der Menschen zu schützen, ihren Glauben zu praktizieren, wie sie es wünschen - oder auch keinen Glauben zu praktizieren, sagte Bush Redakteuren der konservativen Washington Times. Auf der anderen Seite könne er für sich nicht erkennen, wie man Präsident sein kann, ohne eine Beziehung zum Herrn zu haben.
Religion spielt eine wichtige Rolle
Wer den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten und vielleicht auch das Land, das er führt, verstehen will, muß sich die wichtige Rolle der Religion vor Augen führen. Für George W. Bush, der sich einen wiedergeborenen Christen nennt, spielt das Epiphanie-Ereignis von 1985 auch eine zentrale lebensgeschichtliche Rolle. Bis zum Alter von knapp 40 Jahren hatte der älteste Sohn des so erfolgreichen Vaters wenig Fortune, seine Lebenskrise wurde durch kräftigen Alkohol- und Tabakkonsum noch verschärft. Es bedurfte einer Begegnung mit Billy Graham, dem charismatischen Prediger einer mächtigen Evangelisationsbewegung und langjährigen Freund der Bushs.
Jene Begegnung im Domizil der Familie Bush in Kennebunkport an der Küste von Maine pflegt George W. Bush so zu beschreiben: Ich mußte ein Wochenende mit dem großen Billy Graham verbringen. Und als Ergebnis unserer Gespräche und seiner Inspiration sah ich in mein Herz und verschrieb mein Leben Jesus Christus.
Bettruhe gegen halb zehn Uhr abends
Von Stund an befolgte Bush eine strenge Arbeits- und Lebensdisziplin, zu der regelmäßiges Gebet, Bibellektüre und frühe Bettruhe gegen halb zehn Uhr abends ebenso gehören wie tägliches Laufen, Radfahren oder Gewichtestemmen. Und es gehören dazu der Glaube an Gottes Führung und die feste Verankerung in einem moralischen Koordinatensystem, das Gut und Böse klar zu unterscheiden weiß. Nicht zu vergessen das, was Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 so formulierte: In unserer Trauer und in unserem Zorn haben wir unsere Mission und unseren Augenblick gefunden.
Der Wahlspruch dieser Mission lautet, daß Freiheit nicht das Geschenk Amerikas an die Welt ist, sondern das Geschenk des Schöpfers an alle Menschenkinder. Diesen Glauben an die verändernde Kraft der Freiheit, die Amerika im Auftrag Gottes auf der Welt verbreiten darf, hat Bush im Wahlkampf gewiß Hunderte Male bekräftigt. Man darf sicher sein, daß er glaubt, was er sagt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2005, Nr. 2 / Seite 12
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