Von Nils Minkmar
22. November 2005 Sieben oder acht Sekunden dauerte es, bis Horst Köhler seine Lesebrille aus der Tasche herausgefaltet hatte und endlich den Satz der Ernennungsurkunde vorlesen konnte. Im Fernsehen ist das eine Ewigkeit.
Angela Merkel stand daneben wie bestellt und noch nicht abgeholt, fünf Fernsehsender übertrugen diese Brillenaufklappsekunden, dann kam der Satz, noch ein Händeschütteln und fertig. Auf CNN würden sieben Sekunden reichen, von den Verfassungsexperten zu den weltbesten Optikern zu schalten, hier aber passierte erstmal nichts. Dann wurde die Szene wiederholt.
Kurz nach dreizehn Uhr brachte der Nachrichtensender N24 in seinem dramatischen roten Crawl die Meldung, Angela Merkel esse zur Stunde mit ihrer Familie mittag. Am Vormittag hatten sich die Moderatoren darüber unterhalten, wo das Mittagessen denn eingenommen würde, denn an diesem historischen Tag schien alles möglich. Einer sagte dann, es werde sicher ein Lokal in Charlottenburg aufgesucht, worauf der andere laut lachte. Warum, war nicht ganz klar, vielleicht weil die Vereidigung durch den Bundespräsidenten im Charlottenburger Schloß stattfand und sich das dann lustig anhört, wenn... Egal, es muß ja gelacht werden, zumal bei N24, da ist man um lockeres Zwiegespräch unter Moderatoren bemüht. Das hat schon Fox News groß gemacht!
Sie haben einen Plan
Die Fernsehjournalisten haben an so einem Tag einen Plan für ihre Sendungen, einen Plan der Ereignisse und irgendwo auch einen Stadtplan von Berlin, das sind ganz schön viele Pläne für einen Kopf, und weil ein beschwertes Gemüt sich Luft machen muß, sagen die Moderatoren in allen Kanälen mit je eigenen Worten das Gleiche: daß es ein großer, aber hektischer Tag sei, der voll sei mit Terminen und daß man, daß also Frau Merkel aber irgendwie natürlich auch die Liveübertrager ganz schön viel vor hätten, heute. Am Ende ißt sie noch in Mitte ihr Mittagessen. Nicht auszudenken.
Mehr wußte wie immer der Bayerische Rundfunk, er hatte schon eine Anzeige in die Zeitung gesetzt für eine Sendung am Abend, die dann heißen sollte Geschafft! Angela Merkel ist Kanzlerin! und Sigmund Gottlieb lächelt freundlich dazu. Geschafft hatten es die Live- und Dauer-Kommentatoren aber noch längst nicht. Mit großer Lust wurde Mal um Mal erwähnt, daß der lange, lange Tag von Angela Merkel erst um 23 Uhr auszuklingen beginnen werde, denn dann werde sie ein Glas Wein und auf manchen Sendern sogar ein Glas Rotwein trinken. Darauf schienen sich alle jetzt schon zu freuen.
Unbewegte Platanen
Doch so, wie die Kanzlerin die ersten Blumensträuße achselzuckend weggelegt hatte, so absolvierte sie den Tag, so äußerten sich auch die Menschen draußen, die Börse und das Ausland, mit einem knappen Viel Glück! also - aber es muß doch geredet werden und moderiert und übertragen. In der langen Mittagszeit zeigte der ntv-Bildschirm in der oberen rechte Ecke die unbewegten Platanen des leeren Hofs vor dem Charlottenburger Schloß und im Rest des Bildes eine Wiederholung des Beginns der Sitzung, und dazu analysierte man.
Das Charlottenburger Schloß ist weit weg und, so konnte man lernen, ist nicht das Schloß Bellevue. Das wird aber gerade renoviert, und das dauere ja immer länger, als man dachte, das kennt man ja, so spricht die ntv-Schloßkorrespondentin uns Schloßbesitzern aus der Seele. Dann stehen Köhler und Merkel vor einer komischen Tapete. Es habe eben nicht so nach Schloß aussehen sollen, meldet wiederum die Phoenix-Charlottenburg-Korrespondentin an die Zentrale.
Ein Tag ohne Thema
Der historische Tag, er schnurrte nur so seinem geplanten Ablauf entsprechend ab, kein Zwischenfall erhöhte die Spannung, aber leider stellte sich auch kein Thema ein. Das Fernsehen braucht aber eine Geschichte, die die flirrenden Einzelszenen aus herumstehenden Abgeordneten und übergebenen Urkunden zusammenhält, also werden Geschichten probiert: Nun kommt das Kabinett der kühlen, stillen Pragmatiker - eine Story, die so lange hielt, bis sich Sigmar Gabriel und Horst Seehofer interviewen ließen. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Frau - kurz nach halb zehn war bereits Alice Schwarzer im ZDF und hatte dazu alles Nötige gesagt.
Schließlich bleibt dann immer noch das Menschliche: Was will sie, was fühlt sie, wer ist sie? Letzte Fragen, die freilich schon seit Beginn des Wahlkampfs täglich gestellt und beantwortet wurden. Nur Volker Jacobs weiß, daß sie vermutlich Glück gefühlt hat, aber auch, denn sie sei ja ein Kopfmensch, die riesige Belastung. Das meinte wohl auch Großexperte Michel Stürmer, als er bei N24 erklärte, die Deutschen wollen nicht immer nur Grießbrei essen, sondern auch mal sehen, was Sache ist und später unter allgemeiner Heiterkeit feststellte, ein Ehevertrag mit 190 Seiten bedeute ja wohl, daß die Probleme größer seien als die Liebe. Niels Annen hingegen: Wenn der Chef heiratet, fliegt man ja auch nicht in die Flitterwochen. Ewige Wahrheiten eines historischen Tages.
Als am ARD-Tisch mal alle ganz friedlich zusammenstanden und vor sich hin kommentierten, also Thomas Roth mit Tissy Bruns und natürlich dem Professor Falter, da stand auf einmal ein Mann zwischen ihnen und sie bemerkten ihn erst gar nicht, bis Roth auf einmal zuckte und sagte Na, der Herr Westerwelle. Eine Lektion des Tages war: vom Beinahe-Außenminister zum Eckensteher an Moderatorentischchen ist es eben ein kürzerer Weg als vom Schloß Charlottenburg ins Schloß Bellevue. Dann sagte Tissy Bruns noch: Anders als die Generation Schröder trägt Angela Merkel ihren eigenen Mantel der Geschichte in ihrer Biografie mit sich herum. So wie der Zuschauer die Fernbedienung.
Text: F.A.Z., 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 44
Bildmaterial: AP
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