Ernst Jünger ist schwere Kost, und doch sollte man sie nicht einfach verweigern, nicht mal als Linker, ja, gerade als solcher nicht. Zufällig ist er mir begegnet, auf einem Bücherflohmarkt, mit der kleinen Schrift „Der gordische Knoten“. Dieses Buch ist es, das mir half, den Orient zu verstehen, in den einzudringen, ich erst kurz zuvor (in Form einer Ehe mit einer Türkin) gewagt hatte. Einer klareren Sprache bin ich nie begegnet, zuvor und auch danach nicht mehr. Und keine Frage: Hier findet man auch ein bisschen Nietzsche, viel Heidegger, und, ja sogar, dazwischen, einen Hoimar von Ditfurth. Es ist die Sprache der damaligen Zeit, einer solchen, die offenbar nicht viel von sich verlieren wollte, so als wenn sie ahnte, dass alles, was nach ihr kommt, nur noch zeitloses Geplapper sein wird. „In Stahlgewittern“ lässt mich verstehen, warum die Kriegsgenerationen verlorene und zugleich beneidenswerte Generationen waren: Sie konnten sogar dem Tod ein Leben abgewinnen, da sie die Lyrik aus der Zeit „Auf den Marmorklippen“ im Tornister hatten. „Der Arbeiter“ schließlich zeigt, dass die Ideologie der Nazis mehr ist als Naziideologie, es ist die auf die Spitze getriebene Abstraktion der Moderne, die da gerade von sich selbst abstrahiert.
In diesem Sermon wie in den berichteten Injurien der "Kritiker" Jüngers wird mal wieder deutlich, daß man lieber Jünger selbst statt über hin lesen sollte. Nur die eigene Lektüre schärft die Urteilsfähigkeit. Verräterisch ist z. B: die Wendung "unter Ästhetisierungsverdacht" - ja, es ist schon richtig, daß man in unserer Zeit ständig wegen irgendwas in "Verdacht" gerät, und daß ein bloßer "Verdacht" - oder im Jargon des Verfassungsschutzes: "Anhaltspunkte für einen Verdacht" - bereits ausreicht, abgeschossen zu werden. Warum z. B. ein Mensch, der sein Volk sich "mit Härte wehren" lassen will, um nicht "in den Dreck getreten" zu werden, deswegen des Militarismus geziehen wird - und das vor dem Hintergrund des Versailler Vertrages! - ist ebenfalls eine Frage. Es sind solche kleinen, oft auf den ersten Blick unschheinbaren Details, die doch viel über die Denkweise eines Rezensenten aussagen.
Sie schreiben: "Unter den deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entschied man sich bisher nur für Kafka und Brecht - und jetzt für Jünger". Das ist nicht ganz richtig, denn seit 1997 gibt es die Pléiade-Ausgabe von Rainer Maria Rilke 'Oeuvres pétiques et théâtrales', herausgegeben von Gerald Stieg, dem gerade emeritierten Germanisten der Sorbonne. Der Band mit den 'Oeuvres en prose' in der Übersetzung von Claude Davide erschien schon 1993, die Basis für viele weitere Ausgaben und wissenschaftliche Studien. Nicht zufällig findet deshalb vom 17.-21.September 2008 an der Sorbonne Nouvelle die Tagung der Internationalen Rilke-Gesellschaft statt. Der Dichter ist in Frankreich nicht weniger bekannt, geschätzt und aktuell als Kafka, Brecht und Jünger.