Von Julia Encke
08. Juli 2008 In Paris sind die Kriegstagebücher von Ernst Jünger in der berühmten Bibliothèque de la Pléiade des Verlagshauses Gallimard erschienen. Es gibt für einen Autor in Frankreich keine größere literarische Ehre. Die Pléiade ist der ganz große Klassiker-Luxus. Sie ist, mit ihrem braun-goldenen Einband und den feinen Dünndruckseiten, das Monument für all jene, deren Schriften Jahrhundertwerke sind; ein Kanon der lebendig gebliebenen Toten, dem Victor Hugo, Goethe, Balzac, Tschechow, Dickens oder Shakespeare angehören. Nur wenige haben es bisher geschafft, zu Lebzeiten in die Pléiade-Ausgabe aufgenommen zu werden, darunter Julien Gracq. Gallimard hatte Ende der dreißiger Jahre die Veröffentlichung von dessen erstem Roman abgelehnt. Gab es eine größere Genugtuung? Einen nachdrücklicheren Ausdruck der Anerkennung?
Jede Neuaufnahme eines Autors ist ein politischer Akt der Kanonisierung. Es sind die Gallimard-Verleger, die entscheiden, wer gedruckt wird und wer nicht, und nicht immer ist das auch nachzuvollziehen. Es gibt zum Beispiel - und man fragt sich wirklich, warum - keinen Thomas Mann in der Pléiade, keinen Joseph Roth oder Alfred Döblin. Unter den deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entschied man sich bisher nur für Kafka und Brecht - und jetzt für Jünger, was den französisch-deutschen Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt vor zwei Wochen zu einer wütenden Polemik veranlasst hat: Dass, so behauptete Goldschmidt in der Frankfurter Rundschau, dieser doch ein wenig faschistoide, großtuerische Mystagoge nun unter den schönen Geistern des französischen Literaturhimmels plaziert werde, sei das Allerletzte, die Publikation ein klares Zeichen dafür, dass in der Pléiade die deutsche Emigration und der Widerstand in den Hintergrund verschoben würden. Es gehe, wenn auch unbewusst, um eine regelrechte Rehabilitierung der deutschen Okkupation Frankreichs, um eine Eloge der Kollaboration.
Prekärer Geisteszustand
Goldschmidt, der die Nazizeit in einem katholischen Internat in den französischen Alpen überlebte und von Bergbauern, die ihn versteckten, vor der Deportation gerettet wurde, macht kein Hehl daraus, dass er Jünger verachtet. Dennoch ist die eigentliche Zielscheibe seines Artikels nicht der Autor selbst, wie auch die genaue Betrachtung der kommentierten Ausgabe nicht sein Gegenstand ist. Die bloße Tatsache, dass Ernst Jünger in der Pléiade verlegt wird, interpretiert er als Indiz für einen prekären Geisteszustand im gegenwärtigen Frankreich. Goldschmidt richtet sich gegen jene gewisse Pariser Intelligenzia, die einen Gran Pétainismus wieder salonfähig mache und eine Rechtfertigung der Kollaboration betreibe.
Und tatsächlich steht er mit dieser Beobachtung nicht alleine da: Dass es eine nationale Aufarbeitung der Kollaboration in Frankreich bis heute nicht gegeben habe, die verdrängten Widersprüche als unterschwellige Ressentiments aber schnell wiederzubeleben seien, kritisierte erst kürzlich die französische Philosophin Hélène Cixous. Mit einem Seitenhieb auf Nicolas Sarkozy sprach sie in diesem Zusammenhang von der maladie française, der französischen Krankheit. Es gibt deutliche Zeichen für eine solche fehlgeleitete Erinnerungspolitik. Ist deswegen aber auch die Pléiade-Ausgabe von Jüngers Kriegstagebüchern ein Symptom dieser Krankheit? Muss man sie dafür nicht erst einmal genau lesen?
In Deutschland gibt es das nicht
Mit den zwei Pléiade-Bänden, die im ersten Teil die Texte In Stahlgewittern, Das Wäldchen 125, Feuer und Blut, Kriegsausbruch 1914, Der Kampf als inneres Erlebnis, Sturm sowie Feuer und Bewegung umfassen und im zweiten Teil die Strahlungen enthalten, erscheint die erste kommentierte Ernst-Jünger-Ausgabe überhaupt. Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland. Im Klett-Verlag, wo Jüngers Werke zu Hause sind, wurden bisher nur Briefwechsel und die von Olaf Berggötz edierte Politische Publizistik kommentiert. Mehr nicht. Das führte in der Vergangenheit nicht selten zu fehlgeleiteten Lektüren: Wer in der Werkausgabe von 1978, die noch zu Lebzeiten des Autors veröffentlicht wurde, zum Beispiel die Stahlgewitter liest, findet die Notiz, dass dieser Text 1920 entstanden sei. Tatsächlich handelt es sich in dieser Werkausgabe aber um die siebte vom Autor bearbeitete Fassung der Stahlgewitter. Einen Hinweis darauf gibt es nicht. Der Text steht gewissermaßen geschichtslos da.
Die französische Ausgabe macht dieser Geschichtslosigkeit ein Ende. Ernst Jünger war bekannt dafür, dass er seine Schriften über den Ersten Weltkrieg immer neuen Umstellungen, Einfügungen und Streichungen unterzog - mit ameisenhaftem Trieb, am beschriebenen Papier herumzuminieren, wie er das selbst einmal nannte. In den frühen Vorworten der Stahlgewitter wies er auf die Veränderungen noch eigens hin: Die wachsende und unerwartete Bedeutung, die ich diesem Buche beigemessen finde, schrieb er 1924 in der Einleitung, hat in mir das Gefühl einer gewissen historischen Verantwortung geweckt, daher habe ich mich entschlossen, meine Tagebücher noch einmal sorgfältig durchzuarbeiten. So betrachtet, gibt es den Text der Stahlgewitter nicht. Er ist ein Prozess kontinuierlicher Umschmelzung, eine historische Folge von Varianten.
Beste Bedingungen für die kritische Lektüre
Wenn also mit der ersten kommentierten Ausgabe die französischen Herausgeber, Julien Hervier, Pascal Mercier und François Poncet, sich erstmals der Aufgabe stellen, den Schriften auch ihre Entstehungsgeschichte mitzugeben, kann man dies nur begrüßen. Wer Jünger nicht voraussetzungslos lesen, sondern etwas über ihn und seine Texte wissen will, findet hier die allerbesten Bedingungen.
Die Pléiade-Ausgabe, dies schicken die Herausgeber ihrer Edition vorweg, erhebt nicht den Anspruch, alle Textvarianten anzugeben und eine kritische deutsche Ausgabe zu ersetzen, die bis heute nicht erarbeitet wurde und die allein auch bestimmte stilistische Korrekturen bewusst machen könnte. Was dem französischen Leser dagegen möglich gemacht werden soll, ist, sich eine Meinung über einen kontrovers diskutierten Autor zu bilden: Der heftige Nationalismus und Militarismus in seinen 1924-26 veröffentlichten Texten, spielen in der Beurteilung Jüngers in Deutschland eine gewichtige Rolle. Währenddessen gehen die meisten Übersetzungen, die heute in Frankreich verfügbar sind, auf Ausgaben nach 1933 zurück, in denen ein ruhiger gewordener und Hitler ablehnend gegenüberstehender Jünger all jene Passagen entfernt hatte, die von der Nazipropaganda hätten verwendet werden können. Um den Extremismus der nationalistischen Texte Jüngers anschaulich zu machen, zitieren die Anmerkungen deshalb Beispiele, die 1934 vollständig getilgt wurden.
Unter Ästhetisierungsverdacht
Der politische Jünger bekommt auf diese Weise eine in Frankreich eher unübliche Aufmerksamkeit. Schon immer haben die Franzosen Jünger sehr viel mehr verehrt als die Deutschen. Einer der entflammtesten Leser der Stahlgewitter war André Gide: Das Buch von Ernst Jünger über den Krieg von 14 ist unbestreitbar das schönste Kriegsbuch, das ich gelesen habe, schrieb er am 1. Dezember 1942 in sein Tagebuch. Bemerkenswerterweise hatte Gide keine bereinigte Fassung, sondern eine Übersetzung von 1930 gelesen, in der alle nationalistischen Passagen noch enthalten waren. Seiner Begeisterung tat das offenbar keinen Abbruch.
Die neuere Rezeption in Frankreich verehrt vor allem den ästhetischen Jünger. Und dessen sind sich die Herausgeber der Pléiade bewusst. Sie wähnen sich gewissermaßen unter Ästhetisierungsverdacht: Ein Teil der deutschen Kritik bedauere, dass die Franzosen sich das zu vorteilhafte Bild eines guten Jünger machten und den politischen Jünger nicht zur Kenntnis nähmen, schreiben sie. Für die Ausgabe ist diese Bemerkung wichtig: Die große literarische Wertschätzung der Franzosen hat die Pléiade-Verleger sicher dazu veranlasst, Jünger in den Kanon der Jahrhundertautoren aufzunehmen. Doch wird diese Verehrung in der Ausgabe selbst nicht besonders groß geschrieben. Im Gegenteil werden die zwei Bände dazu genutzt, die politischen Implikationen bewusst zu machen, die in Frankreich weniger präsent sind. Blinde Verehrung ist das nicht.
Jüngers Kälte-Blick
Und es ist noch längst nicht alles: In beiden Bänden fasst eine Chronologie die Lebensdaten Jüngers ausführlich zusammen. Ein Répertoire umreißt die Biographien der persönlichen und intellektuellen Entourage des Autors. Der Kommentarapparat liefert die Einordnung in den historischen Kontext, schildert die wichtigsten Ereignisse, Truppenbewegungen oder illustriert die Flandernschlacht am 31. Juli 1917 mit von Stunde zu Stunde variierenden militärhistorischen Karten. Die Fassungen der abgedruckten Schriften, deren Übersetzungen überarbeitet wurden, gehen dann mehrheitlich auf die Werkausgaben von 1961 und 1978 bei Klett-Cotta zurück, wobei jedem Text die Vorworte der verschiedenen Ausgaben nachgeordnet sind. Hier findet man auch die nach der erlebten Niederlage schon wieder kriegstreiberischen Passagen von 1924, die zehn Jahre später wegfallen: Wir brauchen für die kommenden Zeiten ein eisernes, rücksichtsloses Geschlecht. Wir werden wieder die Feder durch das Schwert, die Tinte durch das Blut, das Wort durch die Tat, die Empfindsamkeit durch das Opfer ersetzen - wir müssen es, sonst treten uns andere in den Dreck.
Im Kommentar der Strahlungen schließlich werden die kontroversen Diskussionen um die zwei bekanntesten Passagen des Jüngerschen Kälte-Blicks rekapituliert: Das ist zum einen der Tagebucheintrag vom 27. Mai 1944, in dem Jünger in seiner Zeit in der Militärverwaltung im Pariser Majestic auf dem Hoteldach des Raphael steht und, während er einen Luftangriff beobachtet, bei Sonnenuntergang ein Glas Burgunder in der Hand hält, in dem Erdbeeren schwimmen. Der Fünfzigjährige steigert seine von jeher biologistische Sicht des Krieges hier zu einer zynisch anmutenden Feier des Massenopfers. Der Kommentar zitiert mehrere Positionen aus der Sekundärliteratur, verweist mit Tobias Wimbauer auch auf die Tatsache, dass es, zumindest bei Sonnenuntergang, an diesem Tag in Paris kein Bombardement gegeben habe, was für die Literarisierung der Ereignisse spreche. Den Anspruch, eine neue Interpretation vorzuschlagen, erheben die Anmerkungen hier nicht.
Metaphysik der Codenamen
Die zweite Diskussion bezieht sich auf den Eintrag im Ersten Pariser Tagebuch, in dem Jünger die Erschießung eines Fahnenflüchtigen festhält, die er am 29. Mai 1941 zu beaufsichtigen hatte. Man hat ihm die sichtbare Kälte zum Vorwurf gemacht, mit der er die unbedeutendsten Details notiert, sagt die Pléiade - gemeint ist die Beobachtung jener winzigen Fliege, die um die linke Wange des zu Erschießenden spielt. Jetzt interpretieren die Herausgeber, sehen die Fliege als effet de réel im Sinne Roland Barthes', eine Strategie, in der Beschreibung Authentizität herzustellen. Etwas Gefälliges hat die Passage für sie nicht.
Jünger hat mit den Strahlungen kein intimes, sondern ein metaphysisches Tagebuch vorgelegt, in dem jede subjektive Handlung auf etwas Allgemeines bezogen sein soll. Die Tendenz zur Entgeschichtlichung ist so stark, dass von den Nationalsozialisten nur noch als Lemuren oder Mauretaniern die Rede ist und auch Jüngers Pariser Liebschaft, die Kinderärztin Sophie Ravoux, nur unter Codenamen auftaucht. Genau hier sind die Anmerkungen gefragt.
Nach Verdun
Allerdings gibt es in der Einleitung zum ersten Band auch eine merkwürdige Entgleisung. Man habe, erklärt darin Julien Hervier, immer wieder darauf hingewiesen, dass die Soldaten von 1914 ihren Angehörigen den Schrecken ihrer Erfahrung nicht mitgeteilt hätten; dass sie sich, wie es bei den Deportierten der nationalsozialistischen und stalinistischen Lager der Fall war, ins Schweigen gerettet hätten. Obwohl es sich um zwei grundsätzlich verschiedene Formen des Schreckens handelt, so Hervier, komme der Sinn der berühmten Frage Adornos, ob es eine Literatur nach Auschwitz geben könne, auch hier zum Ausdruck. Es habe schmerzhafte Antworten auf Adornos Frage im Werk Paul Celans gegeben. Jünger wiederum verwandle seine unerträgliche Erfahrung in die Vision einer Danteschen Hölle, indem er die Sprache beschwöre: Es gibt auch eine Literatur nach Verdun.
Man sollte keine Vergleiche ziehen, wenn es sich um grundsätzlich verschiedene Formen des Schreckens handelt. Es verbietet sich sogar. Für den Schrecken in Auschwitz, das implizierte doch gerade Adornos Frage, gibt es keinen sagbaren Vergleich. Julien Hervier tendiert in seiner Einleitung gelegentlich dazu, ein zu ehrgeiziges Plädoyer für Jünger zu halten. Man hat dann jedes Mal den Eindruck, er rechtfertige sich vor der kritischen deutschen Fraktion. Mehr Nüchternheit wäre an diesen Stellen angebracht. Doch bestimmt dies nicht den Tenor der Ausgabe. Im akribisch erarbeiteten Apparat, mit dem Hinweis auf Quellen, Texte und Stimmen, gibt die Pléiade-Ausgabe Ernst Jünger kommentiert zu lesen. Ein Symptom der maladie française ist dies nicht.
Die mörderische Indifferenz des eigentlich Gemeinten
Die vielen jungen Leute auf der Suche nach ,wahren‘ Werten, behauptete Goldschmidt in seiner Polemik gegen den Pléiade-Jünger, werden nun an ihm ihr Futter finden, ohne merken zu können, wie sie dabei an der Nase herumgeführt werden; erstens, weil die französische Fassung nichts von der Mischung aus Brutalität und verlogener Betulichkeit der Sprache Jüngers sehen lassen wird; zweitens, weil ihnen der eiskalte Hintergrund, die fast mörderische Indifferenz des eigentlich Gemeinten verborgen bleibt. Man muss ihm widersprechen. Oder besser: Es ist die Ausgabe selbst, die ihn widerlegt. An der Nase herumgeführt wird niemand. Das Ganze ist eher eine Entdeckung als der Versuch, etwas zu verschleiern.
Die vielen jungen Leute, von denen die Rede ist, eine Generation, die sich jenseits der alten ideologischen Fronten bewegt und, ob aus literarischem oder diskurshistorischem Interesse, Jünger wahrnehmen will, um sich ein eigenes Bild zu machen, brauchen eine solche Ausgabe - am besten in der Originalsprache, also auf Deutsch, mit detailliertem kritischen Kommentar. Tom Kraushaar, der mit Michael Zöllner seit Januar die junge verlegerische Spitze bei Klett-Cotta bildet - Michael Klett, der Jünger gut kannte, begleitet das Haus auch weiterhin -, erklärt, dass solche Editionsvorhaben im Verlag schon eine ganze Weile in der Schublade liegen. Wir werden, sagt er, alles dafür tun, diese bestehenden Projekte voranzutreiben, besonders eine kommentierte Ausgabe der Kriegstagebücher, die einen Vergleich der unterschiedlichen Fassungen anstrebt. Wir warten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa