„Tal der Wölfe“

Sam, der Schurke

Von Andreas Kilb

Der böse Amerikaner: Billy Zane in “Tal der Wölfe“

Der böse Amerikaner: Billy Zane in "Tal der Wölfe"

23. Februar 2006 In James Camerons Schiffbruch-Epos „Titanic“ spielte Billy Zane einen arroganten, blasierten, skrupellosen Lebemann, der das Glück des Liebespaars Kate Winslet und Leonardo DiCaprio mit allen Mitteln zu verhindern sucht.

Eine Weile lang wirkt Zanes Cal Hockley sogar bedrohlicher als der Eisberg, der bloß eine Naturgewalt ist, während Cal seine Eifersuchts-Exzesse gründlich durchdenkt und vorbereitet. Daß der Film ein Welterfolg wurde, verdankt er jedenfalls auch Billy Zane, vor dessen schwarzer Charaktermaske das Licht der todgeweihten Liebe um so heller leuchtet.

Jetzt spielt Zane, der in den sieben Jahren seit „Titanic“ selten im Kino zu sehen war, wieder einen Großschurken. In Serdar Akars Film „Kurtlar vadisi - Irak“ („Tal der Wölfe“), der von einem türkischen Kommandounternehmen im Nordirak handelt, ist Zane ein amerikanischer Generalbevollmächtigter im besetzten Gebiet, ein Mann im weißen Anzug, der Klavier spielt, jeden Tag betet und mit einem Fingerschnippen Frauen und Kinder umbringen läßt.

Hinterhältige Coolness

Dieser Sam Marshall, der zudem mit seinem Freund, einem jüdischen Lagerarzt (dargestellt von dem „Lethal Weapon“-Veteranen Gary Busey), einen Versandhandel mit den Organen gefangener Iraker betreibt, ist eine der scheußlichsten Kinofiguren seit langem. Und Zane gibt ihm die ganze hinterhältige Coolness, die er in gut siebzig Rollen seit seinem Debüt in „Zurück in die Zukunft“ eingeübt hat, mit auf den Weg, er macht den fiesen Onkel Sam zu einer Paraderolle.

In Amerika, dessen Irak-Politik in „Tal der Wölfe“ als antiislamische Menschenschlächterei verunglimpft wird, hat Billy Zanes Leistung bisher für wenig Aufregung gesorgt. In einem Fernsehinterview sagte der Kritiker der Filmzeitschrift „Daily Variety“, es sei das gute Recht von Zane und seinem Kollegen Gary Busey, jede Rolle anzunehmen, die ihnen zusage.

„Gesunde Debatten“

William Donahue, der Präsident der Katholischen Liga, beschimpfte Zane und Busey dagegen als „Huren“, die für ein paar Dollar alles tun würden. Billy Zane selbst hat erklärt, er sei als Pazifist und Patriot in „Tal der Wölfe“ aufgetreten, weil er jeden Krieg ablehne. Im übrigen begrüße er die „gesunden Debatten“ um diesen „einseitigen, ungeschickten und kruden“ Film, aber er sei nun einmal ein Darsteller, der eine reizvolle Rolle gespielt habe, und kein politischer Experte.

Bis vor kurzem gab es im Kino nur den Typus des Muslimen, der sich für Hollywoodfilme einspannen läßt und dafür im eigenen Land als Verräter beschimpft wird: Schauspieler wie Omar Sharif oder der in zahlreichen Araber-Rollen eingesetzte Jordanier Nadim Sawalha (der auch in „Syriana“ zu sehen ist) können davon ein Lied singen. Mit dem Bilderkrieg um den Nahen Osten, den Filme wie „Tal der Wölfe“ eröffnen, könnte nun ein neuer Typus entstehen, der des Amerikaners, welcher antiamerikanischen Produktionen sein Gesicht leiht. Billy Zane hat eine Tür aufgestoßen, durch die noch andere gehen werden. Was er tut, ist nicht verboten. Aber es hinterläßt ein ungutes Gefühl.



Text: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 44
Bildmaterial: AP, Maxximum Film

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