Die Grass-Memoiren

Ist die schwarze Köchin da?

Von Hubert Spiegel

Alles erzählen heißt nicht alles erklären: Günter Grass

Alles erzählen heißt nicht alles erklären: Günter Grass

26. August 2006 Das Rätsel wird bis zum letzten Wort nicht gelöst, die Antwort bleiben diese 480 Seiten schuldig: Günter Grass erklärt uns nicht, warum er sechzig Jahre lang nicht bekannt hat, daß er als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS gedient hat. Aber wäre überhaupt eine Erklärung vorstellbar, die dem Hagel der Reaktionen der letzten Wochen hätte Einhalt gebieten können? Nein, denn dieses Schweigen ist nicht schlüssig zu erklären.

Günter Grass weiß das, und er läßt uns mit dem Rätsel seines Schweigens allein. Er, der uns ungezählte Male seine prägnant formulierten Meinungen und Erklärungen serviert hat, frei Haus und zu allfälligem Gebrauch, nimmt uns in diesem Fall die Arbeit nicht ab. Wer nicht bevormundet werden möchte, hat keinen Anlaß, sich darüber zu beschweren.

Es geht um künstlerische Glaubwürdigkeit

Aber Grass unternimmt in seinem neuen Buch die größten Anstrengungen, uns etwas anderes verständlich zu machen: warum er dieses Buch schreiben mußte und es so lange Zeit nicht konnte. Ob diese Anstrengungen zum Erfolg führen oder nicht, ist keine moralische Frage, sondern eine ästhetische. Hier geht es um künstlerische Glaubwürdigkeit. Sie ist diesem reichen, vielschichtigen Buch nicht zu bestreiten. Grass reicht keine biographischen Fakten nach. Aber er zeigt, in welchem schier unglaublichen Maße er sein Leben und sein künstlerisches Werk ineinander verzahnt hat, fast ist man versucht zu sagen: Er führt uns vor, wie sich das eine in das andere verkrallt hat in einem Vorgang, der nicht immer schmerzfrei gewesen sein kann.

Wie sehr dieses Leben schon zur Literatur geworden war, wußte nur Grass selbst. Nur er konnte wissen, aus welchen Realitätspartikeln er seine Bücher zusammengesetzt hat, was in ihnen sich dem Erleben und was sich der schöpferischen Phantasie verdankte. Jetzt aber soll die Quelle selbst zum Werk werden: „Beim Häuten der Zwiebel“ ist keine Autobiographie, es ist der Roman zum Leben des Günter Grass. Es ist sein größtes und wichtigstes Buch seit der „Danziger Trilogie“.

Ausgeleuchtete Löcher

Das „Tagebuch einer Schnecke“, 1972 erschienen, enthält eine knappe Selbstbeschreibung des Autors, kaum eine Druckseite lang. Ein Satz darin liest sich heute anders als damals: „Manches verschweige ich: meine Löcher“. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, legt Grass fast fünfhundert Seiten Selbstbeschreibung vor, und schon nach wenigen Absätzen ist wieder von den Lücken die Rede, werden die „erst danach überdeckelten Löchern“ erwähnt, die zu den Gründen zählen, aus denen dieses Buch geschrieben wurde. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß Grass die Löcher in seiner Biographie nun auffüllen und verschließen wollte. Im Gegenteil: „Vom Häuten der Zwiebel“ ist der eindrucksvolle und berührende Versuch, diese Löcher auszuleuchten und ihre schartigen Ränder zu erkunden.

Grass geht dabei ebenso behutsam wie entschlossen zu Werke. Vorsichtig nähert er sich dem grimassierenden Dreizehnjährigen, der er einmal war, beschreibt, wie das Kind bockt und sich wehrt, wie es den alten Mann angiftet und nicht „von oben herab“ beurteilt werden will. Beharrlich macht Grass immer wieder deutlich, daß die Erinnerung trügerisch ist, daß blindes Vertrauen des Lesers in den Erzähler fehl am Platze sei, weil die Erinnerung gern und oft täusche und der Erinnernde womöglich flunkere, an den eigenen Lügengeschichten mehr Gefallen finde als an der Wahrheit, die überdies nicht in Stein gemeißelt, sondern allenfalls der Zwiebelhaut eingeritzt sei.

Doppelbödige Metaphern

Zwei zentrale Metaphern für die Erinnerung spannt Günter Grass in diesem Buch zusammen: die Zwiebel, die Haut um Haut freigibt, was gewesen ist, und den Bernstein, der das Vergangene auf ewig einschließt. Beide Metaphern haben ihre Tücken, sind doppelbödig. Denn der Zwiebel fehlt der Kern. Was von ihr bleibt, sind ihre vertrockneten Häute auf dem Küchentisch. Ein Vanitas-Motiv, nicht anders als der Bernstein, der Ewigkeit verspricht, aber um den Preis des Lebens. Bernstein konserviert den Moment des Todes. Dunkel färbt sich vor diesem Hintergrund das Bild vom Harzklumpen, den der Erzähler am Ärmel reibt und in dessen Einschluß er den Knaben erkennen will, der er einmal gewesen sein muß.

So doppeldeutig, unauflöslich miteinander verbunden ist vieles in diesem Buch, ohne daß der Eindruck entstünde, hier wolle einer die Dinge bewußt im ungefähren lassen. Im Gegenteil, Grass, zupackend wie eh und je, weicht nicht aus, beschönigt nicht. Da ist von der „winzigtuenden“ also sich klein machenden Schande die Rede und von der „nachhinkenden Scham“, die darin begründet wird, daß der wißbegierige Junge, der sonst „allem, was sich verborgen hält, hinterdrein schnüffelt“, immer wieder versäumt, nach dem Warum zu fragen.

Stumm aus Angst vor der Antwort

Als der Onkel standrechtlich erschossen wurde und die Verwandten aus dem kaschubischen Hinterland als Nicht-Arier im Danziger Elternhaus nicht mehr gelitten waren, als der Schulfreund begründete Zweifel an den triumphierenden Kriegsmeldungen der Wochenschau anmeldete, als dieser oder jener Lehrer abgeholt wurde und immer wieder bedrohlich der Name des Lagers Stutthof fiel - bei all diesen und mancher anderen Gelegenheit hat Grass nicht nachgefragt, was dahintersteckte: „Kann es sein, daß mich Angst vor einer alles auf den Kopf stellenden Antwort stumm gemacht hat?“ Die Antwort bleibt aus. Warum? Weil keine Antwort den Anschein der Ausflucht abzuschütteln vermöchte?

Das Klima von Angst und Schrecken, die Judenverfolgung, die Angst mancher Eltern vor einer Denunziation durch Nachbarn, Bekannte, die eigenen Kinder - all dies hat Günter Grass nicht gesehen oder nicht sehen wollen, und daß dies so war, bleibt ihm Schuld und Rätsel. Später, als fanatisierter Flakhelfer, hat er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, wurde aber statt zu den ersehnten U-Booten als Ladeschütze zur SS-Panzerdivision „Frundsberg“ eingezogen. Kurz und bündig gibt er zu Protokoll, daß die Doppelrune ihm nicht anstößig war, daß der Ruf der Waffen-SS als Elitetruppe ihm geschmeichelt haben dürfte: „Also Ausreden genug. Und doch habe ich mich über Jahrzehnte hinweg geweigert, mir das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen. Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern.“

Der Hunger im leerstehenden Haus

Schuld, Scham und Schweigen werden in diesem Buch kurz abgehandelt, wie tief auch immer sie sich eingeprägt haben mögen. Viel breiteren Raum nehmen zwei andere Urerfahrungen ein: Angst und Hunger, genial verbunden im bedrohlichen Bild der schwarzen Köchin in der „Blechtrommel“. Von beiden sagt Grass, daß sie sich in ihm festgesetzt hätten bis heute, der Hunger habe sich in ihm eingenistet wie in einem leerstehenden Haus. Vor diesem Hintergrund erscheint der manische Koch, der wortgewaltige Beschwörer von Aal und Butt und „grützigen Darmfüllungen“, erscheint die so barock anmutende Grasssche Obsession durch deftige Mahlzeiten in einem anderen Licht. Sie geht zurück auf den nagenden Hunger des Kriegsgefangenen und der Nachkriegszeit.

Angst und Hunger sind es auch, die in diesem Buch den Erzähler Grass zu größter Form auflaufen lassen. Die Beschreibung der Kampfhandlungen, als Grass im Granatfeuer der Roten Armee den Anschluß an seine Truppe verliert, hinter die feindlichen Linien gerät und nur knapp dem Tod entgeht, beeindrucken durch ihre Kunst der Vergegenwärtigung. Eindringlicher, beklemmender hat man derlei kaum lesen können. Der Wechsel von Tempus und Perspektive, von der ersten in die dritte Person, von unmittelbarer Anschauung zu nachgeholter Betrachtung - „Mich sehe ich, wie gelernt, unter einen der Jagdpanther robben“ -, wird meisterlich gehandhabt. Und immer wieder durchbricht Grass die Illusion einer zuverlässigen Erinnerung: „Ab dann reißt der Film. Sooft ich ihn flicke und wieder anlaufen lasse, bietet er Bildsalat. Irgendwo kann ich meine vergammelten Fußlappen wegwerfen und durch wollene Strümpfe ersetzen, die wir in einer geräumten Heeres-Kleiderkamer finden, auch Unterhemden und Zeltplane gegen Regen liegen in Stapeln dort.“ Dann, übergangslos, wird das Bild wieder detailscharf: „In einer Flußniederung berühe ich blühende Weidenkätzchen.“

Er kochte mit Luft und Worten

So virtuos, so beeindruckend geht es weiter. Im amerikanischen Kriegsgefangenenlager nutzen die Gefangenen die Zeit für Fortbildungskurse. Altgriechisch und Esperanto, Algebra und Philosophie, Statik und Buchführung wurden angeboten, Stenographie und mittelhochdeutsche Dichtung, sogar eine Einführung in den Buddhismus stand auf dem Lehrplan - „aber der Hunger trieb mich in einen Kochkurs.“ Hier zeigte ein ehemaliger Chefkoch, was er in den Grandhotels des Balkans gelernt hatte, und hier lernte ein zukünftiger Schriftsteller, was die Einbildungskraft vermag. Denn natürlich hatte der Koch, der vor den Augen seiner Schüler Fische filetierte, Gänse ausnahm und Schweine schlachtete, keinerlei Anschauungsmaterial zur Hand: Er kochte mit Luft und Worten, daß allen das Wasser im Mund zusammenlief. „Er war ein Meister der Beschwörung“, schreibt Grass über seinen Lehrer, dessen „gestanzte Merksätze“ er noch heute „wortgetreu zu zitieren“ vermag. Magischer Realismus am unsichtbaren Küchenherd.

Das bittersüße Aroma der Nachkriegszeit, dieses Nebeneinander von Niederlage und Zerstörung, Aufbruch und Neubeginn, diese beängstigende, berauschende Freiheit des sich dem Zufall Überlassenden, der mal hier, mal dort unterkommt, auf einem Bauernhof aushilft, dann Schwarzhändler wird, schließlich als Arbeiter im Kalibergbau seine ersten politischen Diskussionen - all das atmet wieder eine große Unmittelbarkeit der Anschauung und Frische der Empfindung, die den Nachgeborenen in Staunen versetzen.

Die Gier nach Kunst

Der Schilderung des Werdegangs vom Steinmetzlehrling über den Studenten der Kunsthochschulen bis zum Schriftsteller ist die zweite Hälfte des Buches gewidmet. Der Hunger setzt sich jetzt neue Ziele: Neben die bereits früh stark ausgeprägte erotische Sehnsucht tritt jetzt die Gier nach Kunst. Was Grass antreibt, woher die Selbstgewißheit, die unumstößliche Absicht, Künstler werden zu wollen, ihre Energien nahm, bleibt ungewiß. „Weil wer wann in den Brunnen gefallen war“, weil dies und auch das nachgetragen werden mußte, wie es zu Beginn des Buches heißt?

Daß Grass seiner Mutter nicht mehr beweisen konnte, daß er kein Träumer, kein Versager war, daß er die Familie allein gelassen hatte, um zu werden, was er heute ist, schmerzt ihn noch immer. Auch die Rücksichtslosigkeit, die oft maßlose Ichbezogenheit des Künstlers wird nicht beschönigt, wie überhaupt kaum etwas in diesem Buch für den Verdacht spricht, Grass wolle sich reinwaschen.

Das Versäumnis des Schweigens

Im Gegenteil, es geht dem fast Achtzigjährigen um die unabweisbare Gewißheit, daß es Dinge gibt im Leben, die sich nicht reinwaschen lassen, die nicht abzustreifen sind ein Leben lang: „Es verging Zeit, bis ich in Schüben begriff und mir zögerlich eingestand, daß ich unwissend, oder, nicht wissend wollend Anteil an einem Verbrechen hatte, das mit den Jahren nicht kleiner wurde, das nicht verjähren will, an dem ich immer noch kranke.“

Vielleicht wurzelt hier auch das Unverständnis und die Überraschung, mit denen der Schriftsteller den heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit begegnet ist. Grass hat sich selbst nicht verziehen, und um so sicherer er sich dessen ist, desto größer mag ihm sein Anrecht darauf erscheinen, daß andere dies nun tun und ihm gewähren, was er sich selbst versagt hat. Daß er die eigene Wunden offengehalten hat über all die Jahre, mag er sich als Verdienst zugeschrieben und darüber verkannt haben, daß dieses Verdienst nun von jedermann nach Belieben aufgerechnet werden würde gegen das Versäumnis des Schweigens.

Günter Grass: „Beim Häuten der Zwiebel“. Steidl Verlag, Göttingen 2006. 480 S., geb., 24,- Euro.



Text: F.A.Z., 26.08.2006
Bildmaterial: F.A.Z.-Helmut Fricke

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