Von Eberhard Rathgeb, Wittenberg
29. Januar 2007 Was meint denn der liebe Gott zur Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)? Man darf ja, wenn es um die EKD geht, so direkt und unverblümt fragen. Und tatsächlich: Gott ist sehr gespannt auf das, was uns gelingen wird. Ich weiß nicht, wie es einem Erwachsenen ernsthaft gelingen kann, einen solchen Satz zu sagen, und zwar nicht so für sich dahingemurmelt oder den Kindern abends erzählt, sondern vor dreihundert gleichfalls erwachsenen Zuhörern. Wahrscheinlich erfüllt sich in dieser trotzigen Naivität für manches frohe Herz schon der ganze Protestantismus.
Den Satz sagte eine Landessuperintendentin in ihrer Morgenandacht am zweiten Tag des Zukunftskongresses, zu dem die EKD Ende letzter Woche nach Wittenberg 308 ihrer Mitglieder eingeladen hatte, darunter waren aber nur achtundneunzig Frauen, was ein schlechtes Geschlechterverhältnis ist. Die vorherrschende Tracht des Kongresses war der Anzug.
In der Hand des DDR-Designs
Die Landessuperintendentin war sehr guter Dinge, sobald sie an die Zukunft der EKD dachte, man erfuhr aber nicht, was sie dazu brachte. Sie stand dabei auf der Bühne des Kulturzentrums Wittenbergs, das noch ganz in der Hand des DDR-Designs ist und daraus wahrscheinlich zu Lebzeiten auch nicht mehr erlöst werden wird - so wie die EKD aus ihrem Dilemma zwischen Jesus hier und Strukturpapieren dort nicht erlöst werden wird? Kommunikation und Profilbildung - Marke Evangelisch hieß (ohne dass jemand zusammengezuckt wäre) eine Diskussionsrunde.
Der kalte Wind pfiff durch die leeren Straßen Wittenbergs. Deutschland ist an vielen Orten schon ganz von allein ein trostloses Land. Aber wenn dann noch Zukunftskongresse abgehalten werden, mag man an der Gegenwart völlig verzweifeln. Auf dem Zukunftskongress der EKD traf man vor allem Bischöfe, Direktoren, Präsidenten, Oberkirchenräte, Landesbischöfe und Pröpste. Wer mit solchen Titeln nicht vertraut ist, wundert sich. Im Grunde genommen waren hier ja nur Amtsträger zusammengekommen. Die Landessuperintendentin mit ihrem frohen Herzen aber sprach in ihrer Morgenandacht von einer Kirche mit horizontaler Weite statt Vertikalkultur. Es wurde horizontal gesungen: Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.
Man lobte sich selbst
Im letzten Jahr ist das EKD-Impulspapier Kirche der Freiheit erschienen. Die Zukunft der EKD ist grau, immer weniger Mitglieder tauchen auf, immer weniger Gelder fließen. In Wittenberg wollte man darüber diskutieren, was da nun zu tun sei. Man lobte rechtzeitig sich selbst, lobte die Hochform und Dichte protestantischer Diskussionskultur, deren Lieblingswörter sind: Aufbruch, Umbruch, Prozess, Struktur, Impuls und dergleichen. So redet man, wenn man ins Schwimmen geraten ist.
Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, steht mit diesen Wörtern auf sehr gutem Fuß. Er hielt am Donnerstagabend in der Kirche Sankt Marien den Hauptvortrag vor den Amtsträgern. Der Vortrag hieß Evangelisch im einundzwanzigsten Jahrhundert, und das suggerierte wenigstens, dass die EKD durch das einundzwanzigste Jahrhundert irgendwie hindurchzukommen hofft. Die Kirche war voll, Kardinal Lehmann war da und Wolfgang Schäuble mit seinen Sicherheitskräften.
Hubers Amtsträgerlächeln
Bischof Huber ist ein alerter Mann, er redet gern, und weil auch er frohen Herzens ist (ja, in der Kirche der frohen Herzen muss er frohen Herzens sein), lächelt er immer. Er kann auch anders, das heißt unerbittlich, dreinschauen, wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Sein Lächeln ist aber kein beseeltes oder ein beseligendes Lächeln, sondern ein Vortragslächeln, ja ein Amtsträgerlächeln. Bischof Huber lächelt, aber er verliert dabei seine Zuhörer nicht aus den Augen. Gute Funktionsträger können das, lächeln und klammern, freundlich blicken und die Reaktionen kontrollieren. Auch das Unternehmen EKD braucht Führungskräfte, das Evangelium allein reicht nicht mehr aus.
Der Vortrag glich einer Vorlesung über den Begriff der christlichen, der evangelischen Freiheit (auch Luther lehrte einmal an der Universität), und er dauerte über eine Stunde. Das sage ich nur, weil eine Stunde Explikationen lang werden kann, aber Wolfgang Schäuble hielt die Stunde vorbildhaft durch. Seine Blicke (seine Blicke: Das klingt nun wie der Anfang eines Schlagers) waren die muntersten Kommentare zu Hubers Worten. Manchmal war es so: Da machte er einfach die Augen zu und ließ den Kopf in der ganzen Schwere eines Ministerkopfes nach vorn sinken, manchmal warf er seinen berühmten (ich würde gern, um beim Schlager zu bleiben, sagen: napoleonischen) skeptischen Schulterblick, der alles in Frage zu stellen scheint, was von Menschen gemacht ist, und hier und dort (vor allem, wenn Huber mal sekundenlang nichts sagte, nur lächelte) nickte er zustimmend, aber es sah dabei so aus, als sei er in ein Selbstgespräch verwickelt und nicke sich selbst und irgendwelchen still vorgetragenen Argumenten zu.
Grimmige Blicke zur Seite
Schäuble war auch, so weit ich den Kirchenraum überblicken konnte, der einzige, der nicht applaudiert hat, als Bischof Huber (der bei manchen Sätzen, die ihm aktuell erschienen, sich Schäuble zugewandt hatte) nach seiner Rede wieder zu seinem Stuhl in der ersten Reihe ging, immer noch lächelnd und wegen des Applauses gleichsam federnd, und sich dort wegen der Kälte in der Kirche seinen langen weißen Schal (zum schwarzen Anzug) umwickelte. Schäuble hat dann auch in den ersten Momenten nach der Rede nichts zum Bischof gesagt, obwohl Huber direkt neben ihm saß, ich weiß nicht, was er ihm damit sagen wollte, denke aber, dass Huber froh sein kann, wenn er in diesem Augenblick des ihm sicherlich wohltuenden kleinen Redetriumphes nicht von dem napoleonischen Schulterblick Schäubles erwischt worden ist. Kardinal Lehmann dagegen hat (ökumenisch?) applaudiert, wenn er auch zweimal während des Vortrags (unökumenisch) ganz grimmig zur Seite geschaut hat, aber wer weiß, an was er dabei hat denken müssen.
Die Erneuerung eines konstruktiven Verhältnisses zwischen Glaube und Kultur gehört zu den Hoffnungszeichen unserer Gegenwart, hat Bischof Huber in seiner nur in einem engen Sinne als Stundenrede zu bezeichnenden Rede gesagt. Ich weiß nicht, in welcher Welt Bischof Huber lebt (wenn ich einmal von der Vortragswelt absehe), dass er zu solchen Ansichten neigen kann. Es waren in der Kirche aber Fernsehkameras aufgebaut, vielleicht waren das schon die ersten Hoffnungszeichen. Die Pressekonferenz am ersten Tag war zu seinem, Bischof Hubers, Wohlgefallen ja auch sehr gut besucht gewesen. Medial läuft es ganz gut für die EKD. Aber wenn nun auch hier das Medium die ganze Botschaft ist?
Nach der Kirche gingen alle in das Luther-Hotel zu einem Stehempfang (wie lange der sich in die Nacht zog, weiß ich nicht) und dann ab ins Bett. Kam der Geist Luthers in der Nacht? Nein.
Kirche der Freiheit
Am nächsten Tag gab es ein Plenum (für die EKD liegt die Kraft in der Vielfalt), auf dem einige Mitglieder ihre Statements zum Impulspapier abgeben durften. Da nun sagte Hans-Christian Knuth, Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Nordelbiens, dass die evangelische Kirche eine Kirche Jesu Christi sei und nicht eine Kirche der Freiheit. Freiheit sei ein Begriff, mit dem Weltmächte schon immer nach dem Ganzen gegriffen hätten. Bischof Knuth sprach leise, bestimmt und sah mitgenommen aus, er erhielt aber auf seine Worte hin leider keinen Beifall, nur Murren war unter den Amtsträgern zu hören. Dabei klingt Kirche der Freiheit auch für taube Ohren doch schon sehr amerikanisch.
Danach liefen die Amtsträger auseinander und fanden sich zu Diskussionsforen wieder zusammen, zu sogenannten Leuchtfeuern (wer im Dunkeln tappt, braucht so etwas), und zwar zu den Themen Heimat, Identität, Qualität, Gemeindeforen, Begegnungsorte, Schlüsselberuf Pfarrer, Themenmanagement und dergleichen mehr. Dann fiel Schnee.
Man wolle die Menschen in ihren Sehnsüchten suchen, hatte ein EKD-Mitglied auf dem Kongress gesagt, der tatsächlich ein Kongress der Akademiker gewesen ist. Ob dem lieben Gott nun diese drei Tage in Wittenberg unter den vielen Männern und den wenigen Frauen gefallen haben? Wahrscheinlich ist er mit dem Impulspapier noch gar nicht durch.
Text: F.A.Z., 29.01.2007, Nr. 24 / Seite 33
Bildmaterial: dpa