Möchte von Grass Antworten haben: Erich Loest

Interview: Loest über Grass

Ich kann an nichts anderes denken

Erich Loest ist ein Kollege von Günter Grass - und sein Freund. Loest erzählt, wie er mit dem Geständnis von Grass umgeht, seit wann er von dessen SS-Vergangenheit wußte und ob sich seine Meinung über Grass nun geändert hat.

Lesermeinungen zum Beitrag

15. August 2006 20:28

literaten-gedächnis

bernd winkelmann (lorbas2)

Herr Loest dokumentiert in diesem Interview wie es um das geschichtliche Gedächnis bestellt ist - Hauptsache es passt zur Gesamtaussage da gestattet die künstlerische Freiheit schon mal eine extreme Verzerrung des geschichtlichen Kontext.

Herr Loest, Jahrgang 26, also genau der Jahrgang aus dem per Erlass vom 10. Februar 1943 die SS-Division "Hitlerjugend" zusammengestellt wurde, erzählt hier von fehlender Zustimmung des Schulleiters. Konnte also ein Schulleiter gegen diesen Erlass wirken oder ist das eine dramaturgische Interpretation? So kam Loest, der gut 1 1/2 Jahre älter ist als der Herr Günther Graß aus Danzig, erst kurz nach seinem 19. Geburtstag zur Einberufung? Wer hat denn an diesem Wunder mitgewirkt?

Die SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" wurde tatsächlich zum größten Teil in der Normandie "aufgerieben" nur war das in der ersten Juliwoche des Jahres 1944. Die Division jedoch bestand weiter bis sie sich im März 1945 bei Wien den Amerikanern ergab. Also was tut Loest hier eigentlich - verwechseln - verzerren oder vertuschen?

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15. August 2006 16:47

"Versorgung" mit neuer Ideologie?

Robert Weiß (Robert.Weiss)

Grass` Aussage in seinem FAZ-Interview vom vergangenen Samstag, seine Schriftstellerkollegen in der SBZ/DDR hätten gegenüber ihm den Vorteil besessen, nach dem Krieg direkt mit einer „neuen Ideologie versorgt“ worden zu sein, muß fast mehr befremden als der erst späte Bericht über seine kurzzeitige Mitgliedschaft in der Waffen-SS bei Kriegsende. Hätte er die „neue Ideologie“ denn einem demokratischen Rechtsstaat etwa vorgezogen?

Zur näheren Information über den Staat der „neuen Ideologie“ möchte man Grass gerne auf den jüngsten Roman „Sommergewitter“ seines Freundes Erich Loest verweisen, in dem dieser am Beispiel der vermeintlichen KZ-Aufseherin Erna Dorn schilderte, mit welchen Methoden die SED-Herrscher die NS-Vergangenheit „aufzuarbeiten“ gedachten, und in dem Loest anhand seiner Romanfigur Alfred Mannschatz zeigte, wie ein vormaliger, aufrechter Sozialdemokrat nur durch seine Verbundenheit mit einem Stasi-Offizier und ehemaligen KPD-Mann, dem er in den frühen zwanziger Jahren einst das Leben gerettet hatte, im Nachgang zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 seinen Kopf retten konnte.

Auf das Erscheinen seiner Autobiografie dürften alle begeisterten Grass-Leser inzwischen sehr gespannt warten!

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15. August 2006 15:39

Richtig so!

Oliver Smith (mista_schmitt)

Dem Beitrag meines Vorredners kann ich nicht viel hinzufügen. Besser spät als gar nicht und überhaupt: Zwei Monate Waffen-SS haben einen Günter Grass anscheinend dermaßen "beeindruckt", dass er sein ganzes Leben dem Kampf gegen Faschismus, Rechtsradikalismus und sonstige braune Geschwüre gewidmet hat. Das verdiente -und verdient immer noch- Respekt!

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15. August 2006 07:35

Dünkel

Sven Jakobssohn (jakobssohn)

Man sollte doch die Kirche im Dorf lassen, da kommt ein siebzehnjähriger Bengel (mit Verlaub, damals war er weder Schriftsteller, noch Nobelpreisträger) für zwei Monate zur Waffen- SS, ohne jede Chance, je eingesetzt zu werden; weil er sich als 15jähriger von der allgemeinen Begeisterung mitreissen ließ.

Wobei man nicht vergessen darf, das seit Jahren "gleichgeschaltet" war, das hieß: es gab Zensur, die gesamte Presse, Rundfunk, Film etc. berichtete nur das, was den Nationalsozialismus gut dastehen ließ.

Lieber sollten sich diejenigen an die Nase fassen, die heute noch behaupten, nicht "mitgemacht" zu haben, "nichts gewusst" zu haben und ähnliche Heuchelei. Deren Dünkel ist es, der sich jetzt über einen honorigen Mann erhebt und ihn schlechtreden will.

Wer lesen kann, hat schon in seinen ersten Werken diese Reibung an einem Thema gespürt, daß ihn bedrückt, um das er aber immer wieder nur Kreise zieht.

Es war sicher nicht klug, so lange zu warten, aber auch späte Ehrlichkeit ziert.

SJ

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14. August 2006 18:38

Loest über Grass

Christian Hufnagl (chufnagl)

Eine ausgezeichnete Stellung, die Herr Loest bezieht. Großmütig aber nicht naiv.

Ich finde es auch schade, daß Grass erst jetzt mit seiner Vergangenheit herausrückt, namentlich da offensichtlich noch nicht einmal irgend etwas ehrenrühriges dabei war. Es ist natürlich leichter, sich über andere zu erheben, als über sich selbst; das weiß ich von mir selber. Grass hat da eine Chance vertan.

Ich hoffe allerdings nicht, daß die "Milionen Widerstands-kämpfer" und Besserwisser die Oberhand bekommen und an den zweifellosen Verdiensten von Grass kratzen können; hier ist Grass etwas Stehvermögen zu gönnen.

Christian A. Hufnagl

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