Von Edo Reents

Teil des bäuerlichen Alltags: schwarzbunte Kühe der Rasse "Holstein Frisian" in einem Stall bei Plön
12. Dezember 2007 Nanu? Bauer Ayelt ist gar nicht zu Hause, obwohl doch 15.30 Uhr ausgemacht war. Bäuerin Martina steht in der Tür: Ayelt sei mit seinem Onkel unterwegs, der sich einen Deckbullen kaufen wolle, und dieser Deckbulle sei von Ayelts Stamm, deswegen fahre Ayelt ja mit, was den Vorteil habe, dass er bei der Gelegenheit auch gleich seine alte Kuh wiedersehen könne, von der hier übrigens im Flur ein Foto hänge. Ich drehe mich um und sehe eine wirklich sehr schöne Kuh, mit prallem Euter, die Adern geschwollen.
Wir gehen in die Küche und setzen uns an den Tisch: Martina, die sofort das Teewasser aufsetzt, die Tierärztin Sabine Hapig, die hier, in dem Dorf Großefehn im Landkreis Aurich vierzig Kilometer von der Nordseeküste entfernt, eine Gemeinschaftspraxis betreibt und mich durch die Gegend chauffiert. Eine Frage dabei ist, was die Bauern hier eigentlich zu der RTL-Sendung Bauer sucht Frau sagen.
Mit Kohlhiesels-Töchter-Romantik kann keiner dienen
Man braucht nun nicht zu glauben, dass die hier von irgendjemandem sonderlich ernst genommen würde. Die kucken sich das alle an, und dann ärgern sie sich darüber, wie sie da dargestellt werden, hatte Sabine mir schon während der Fahrt in ihrem Alfa Romeo gesagt, in dem hinten, sehr laut kläffend, Hund Henry sitzt. Mit Kohlhiesels-Töchter-Romantik, bei der sich Bauer und Zukünftige raufen und sich am Ende doch kriegen, kann hier niemand dienen. Ihr selber, sagt Sabine, sei auch schon das eine oder andere Angebot unterbreitet worden - nach dem Motto: Suche Frau für den Stall, aber nicht nur dafür, zwinker-zwinker. Einige geben Kontaktanzeigen auf, gerne auch in Polen, in der Hoffnung, den Frauen die Sache mit dem West-Bonus schmackhaft machen zu können, vielleicht auch in der Annahme, dass man dann, mangels Polnischkenntnissen, nicht viel reden muss.
Auf dem Hof von Ayelt und Martina gibt es nichts mehr zu verkuppeln. Die beiden, einundvierzig und einunddreißig, führen einen mittelgroßen, an einem Kanal gelegenen Hof mit fünfundsechzig Milchkühen, noch einmal so vielen Rindern und drei Kindern. Drei junge Burschen aus der Nachbarschaft, denen zu Hause oft langweilig ist, helfen aus. Martina, gelernte Industriekauffrau, kommt selber von einem Bauernhof, hat allerdings frühmorgens lieber nur kurz in den Stall hineingegrüßt, um sich dann, nach einer langen Disco-Nacht, aufs Ohr zu legen. Bei Ayelt sei das anders gewesen, der habe nie etwas anderes gekannt als Landwirtschaft.
Reicht die Zeit nicht, oder ist das Mentalitätssache?
Da kommt er auch schon herein, mit gesund aussehendem Gesicht, begrüßt uns, setzt sich an den Tisch, schwärmt händereibend von seiner alten Kuh, murmelt Kaufsummen für den Deckbullen und gibt dann seiner Frau einen Klaps auf den Hintern, was absolut nicht blöd wirkt: Ich bin schon stolz auf sie. Er habe im Prinzip auch lange gesucht, man habe sich dann ganz zwanglos kennen gelernt, nur habe es da einen Haken gegeben: Mit den Eltern unter einem Dach sei das schwierig. Man muss dazu wissen, dass auf dem Land zum ohnehin nicht immer reibungslosen Generationenverhältnis ein Aspekt hinzukommt: Kommen die jungen Leute auch zeitig aus den Federn? Wenn nicht, wird morgens um sechs Uhr mit dem Besenstil gegen die Decke geklopft, abends die eine oder andere Tür schon mal und wie aus Versehen abgeschlossen, damit man nicht auf Tour gehen kann, wie hier fast jede aushäusige Aktivität heißt - kleine Schikanen, an denen man nicht gleich zerbricht, die aber durchaus ihre Wirkung tun.
Beziehungsprobleme scheint man hier aber nicht zu kennen; vielleicht reicht dazu die Zeit nicht, vielleicht ist das aber auch Mentalitätssache. Und was ist mit Urlaub? Das Paar gönnt sich einmal im Jahr eine Woche: Holland, Schleswig-Holstein, Sauerland. Inzwischen ruft Ayelt auch nicht mehr jeden Tag von unterwegs aus an, um zu fragen, wie es den Kühen geht. Wenn den Tieren was fehlt, ist er auch krank, bestätigt Tierärztin Sabine. Die Fürsorge zahlt sich aus, wie eine Stallbesichtigung ergibt: Picobello sehen die Kühe aus. Nur so ist es auch zu erklären, dass die Kuh, deren Foto wir noch einmal in Augenschein nehmen, die Summe von siebentausend Euro erzielt hat - der absolute Jackpot. Aber bei den Leistungsschauen wird nachgeholfen wie bei anderen Fotomodellen auch: der Schwanz künstlich verlängert, Löcher im Fell werden durch kleine Transplantationen zugedeckt, fürs ungeübte Auge kaum zu erkennen.
Man muss kein Bauer sein, um es so zu sehen
Der Bauernstand hat Rückenwind zur Zeit. Bundespräsident Horst Köhler war auf dem Bauerntag in Bamberg, was allein schon als Auszeichnung empfunden wurde, und wusste viel Anerkennendes über die deutschen Bauern zu sagen, ermahnte sie aber auch, in ihren Bemühungen um immer neue Ideen jetzt nicht nachzulassen. Die Situation ist die, dass, nach jahrzehntelanger EU-Planwirtschaft mit Quoten und Subventionen die Preise für Milch und Fleisch dermaßen niedrig gehalten wurden, dass man sich wundern muss, dass die Bauern bis auf ein paar Karren Protestmist nie rabiat wurden. Die Produktionskosten für einen Liter liegen bei fünfunddreißig Cent, die Bauern bekamen oft nur fünfundzwanzig dafür.
Das ist, man muss kein Bauer sein, um es so zu sehen: eine Schweinerei. Bauer Reinhard kann davon ein Lied singen. Der Mittvierziger, der in dem Dorf Bagband (ebenfalls Landkreis Aurich) hat uns in die gute Stube gebeten und erzählt von einer Organisation mit dem traditionsreichen Kürzel BDM, dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter, einem noch relativ jungen Verein, in dem mittlerweile fast jeder zweite Milchbauer Mitglied ist. Der BDM hat im Spätsommer seine Forderung nach einem Mindest-Literpreis von vierzig Cent mit einer seriösen Streikandrohung garniert. Und, Junge, das hat geholfen: Die Milch ist endlich da, wo sie hingehört - auf einem Rekordhoch von mehr als vierzig Cent. Und im Jahr 2015 fällt die Milchquote - aus heutiger Sicht wohl der größte Unsinn, den sich die EU wirtschaftspolitisch geleistet hat. Dann kann jeder soviel melken, wie er will.
Leasing-Schweine waren doch keine so gute Idee
Das ist auch für Reinhard eine annehmbare Perspektive, der bei dem Innovationsgerede, das auch auf den Bauernstand herunterprasselt, ohnehin schon auf Durchzug geschaltet hat und sich aufs Kerngeschäft konzentriert. Er hält zwar noch eine Beteiligung an einem Windpark im benachbarten Landkreis, doch viel gehabt hat er davon, trotz günstigster Prognosen, noch nicht. Das an sich sehr originelle Zusatzgeschäft mit Leasing-Schweinen, seine eigene Idee, hat er aufgegeben: Kunden die Haltung und Mästung von Schweinen anbieten und dann, wenn es zur Übergabe beziehungsweise Schlachtung kommt, die Gewichtsdifferenz zwischen Ferkel und Sau berechnen. Das sei eine Platz- und Zeitfrage: Die Kunden wollten teilweise feste Besuchszeiten, zum Streicheln und so.
Und privat? Seine Frau hat ihn vor zwei Jahren verlassen, und zwar nicht wegen der Hofarbeit - eine Begebenheit, die auch ihr Gutes hatte: Sonst könnte ich heute nicht mit Überzeugung sagen: Ich bin Christ. Gesprächskreise und die richtige Lektüre - die alte Konfirmationsbibel wurde hervorgekramt - haben ihn aus dem gröbsten Seelenschlamassel gezogen. Die drei Kinder sind bei ihm geblieben und helfen mit.
Bauer Lenhard hat alles online unter Kontrolle
So richtig es ist, manches Experiment lieber bleiben zu lassen: Auf einem zweiten Standbein steht man manchmal doch besser. In dieser Gegend bedeutet das, dass viele Bauern außer Viehwirtschaft nun nach Kräften Mais anbauen, um damit Biogasanlagen zu beliefern - oder gleich selbst eine zu betreiben wie Lenhard Fleßner aus der Gemeinde Ihlow nahe Aurich. Er macht uns die Tür seines schönen, von den Stallungen getrennten Wohnhauses auf, sofort drängen drei Hunde nach draußen. Die Biogasanlage hebt sich in Form dreier gedrungener, mit einer grünen Kuppel versehener Türme vom großzügig bemessenen Grundstück dieses schönen, modernen Aussiedlerhofes ab.
Er wohnt mit seiner Freundin zusammen, einer Realschullehrerin, die sich aus dem Betrieb heraushält, während er mit zwei festen Angestellten die hundert Kühe versorgt und die Anlage in Gang hält: Täglich rund achtundzwanzig Tonnen Mais werden in die riesigen Bottiche gehievt, wo sie bei vierzig Grad vor sich hin gären und das lukrative Gas liefern, jeden Tag 6500 Kubikmeter Methan, klimatechnisch natürlich nicht ganz das Richtige. Man kann trotzdem sagen, dass Lenhard den Bogen raus hat: früh Feierabend, jedes zweite Wochenende frei - es sei denn, der Melkcomputer, in dessen elastische Arme die Kühe dreimal in vierundzwanzig Stunden hineingetrieben werden, gibt Laut, weil irgend etwas nicht stimmt.
Nach einem Plauderstündchen in der stilvollen Küche machen wir uns im Dunkeln auf zu einer Begehung: Die Kühe sind vielleicht nicht ganz so sauber wie bei Bauer Ayelt, aber die Technik reißt es locker heraus. Lenhard hat alles online unter Kontrolle. Wir betreten den Generatorraum, in dem es so laut ist, dass man Lärmschützer aufsetzen muss. In der ganzen Anlage riecht es nach Essigsäure, aber daran gewöhnt man sich. Schließlich besteigen wir die riesigen Bottiche. Von außen, durchs Fenster kann man die still blubbernde Maispampe sehen: grünlich-grau, Bläschen steigen, fremd wie auf dem Mond. Das Genehmigungsverfahren zog sich hin. Inzwischen versorgt Fleßner das Schulzentrum, die Turnhalle und andere Einrichtungen der Gemeinde mit Wärme, das hebt wahrscheinlich die Akzeptanz. Zwei Millionen Euro hat der ganze Spaß gekostet. Ich hab' Schulden, aber ich kann trotzdem schlafen, sagt er, und das klingt fast wie das, was John Wayne sagt, nachdem er Liberty Valance erschossen hat: Es war glatter Mord, aber ich kann trotzdem schlafen.
Text: F.A.Z., 12.12.2007, Nr. 289 / Seite 38
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