Theo van Gogh

Am Schlachtermesser klebte das Bekennerschreiben

Von Dirk Schümer

Amsterdam trauert um Theo van Gogh

Amsterdam trauert um Theo van Gogh

03. November 2004 Als er am Dienstag morgen mitten in Amsterdam auf seinen Mörder traf, befand sich Theo van Gogh auf dem Weg zu seiner Produktionsfirma, um die erste Fassung eines Dokumentarfilms über den Mord an Pim Fortuyn abzunehmen. Sekunden später traf den Regisseur dasselbe Schicksal wie den prominenten Politiker vor gut zwei Jahren: Er wurde auf offener Straße erschossen.

Sobald sich herausstellte, daß der Täter ein Marokkaner war, machte sich noch größeres Entsetzen breit. Ein religiös motiviertes Verbrechen eines islamischen Fundamentalisten scheint mehr als wahrscheinlich. Denn jedermann, der Van Gogh als provokanten Zeitungskolumnisten, Fernsehmoderator und Filmemacher kannte, sah sogleich den Zusammenhang mit dem islam-kritischen Kurzfilm „Submission“, den das Opfer erst jüngst gemeinsam mit der liberalen Parlamentsabgeordneten Hirsi Ali gedreht und dann im Fernsehen gezeigt hatte (siehe F.A.Z. vom 11. Oktober).

Sein Mut kostete ihn das Leben

Theo van Gogh, Urgroßneffe des Malers, war in ganz Holland bekannt als Provokateur, trinkfest und sarkastisch. Vor allem aber bewunderte man seinen ungeheuren Mut, seine Verachtung für ästhetische und politische Feigheit. Die Todesdrohungen gegen seine Mitautorin Hirsi Ali, die seit langem wegen ihrer offenen Worte zur islamischen Frauenunterdrückung bewacht werden und unter wechselnden Adressen wohnen muß, hatten den Unbeugsamen erst recht bewogen, als einziger Mitwirkender des Films seinen Namen bekanntzugeben. Dieser Mut hat ihn nun das Leben gekostet.

Die zahlreichen Todesdrohungen im Internet bewogen die niederländischen Sicherheitsbehörden zwar anfangs zur Überwachung von Van Goghs Wohnung. Doch zuletzt genoß er - ebenso wie sein Vorläufer Pim Fortuyn - keinen Personenschutz. Als schon am Morgen der Tat neben Ministerpräsident Balkenende auch Königin Beatrix höchstpersönlich ihren Abscheu bekundete, bemerkten die meisten Niederländer, daß es nun noch schlimmer kommen kann als beim Attentat auf den unkorrekten Populisten. Die Tat vom 6. Mai 2002 konnte man noch einem Einzeltäter aus der militanten Tierschutzszene zuschreiben - eine gesellschaftliche Basis dafür gab es nie.

Eine regelrechte Hinrichtung

Nun aber droht der Mord an einem populären Kritiker islamischer Barbarei zugleich auch das gar nicht so friedliche Zusammenleben nachhaltig zu zerstören. Daß die Niederlande - darin Vorreiter ganz Europas - ihre Zuwanderungs- und Integrationspolitik diesem vergifteten Klima anpassen müssen, ist nun wohl nurmehr eine Frage der Zeit. So äußerten auch entsetzte Marokkaner in ersten Interviews, man habe jetzt Angst, aus dem Land geworfen zu werden.

Als gegen Mittag van Goghs Leiche immer noch auf der zentralen Mauritskade beim Tropenmuseum lag, bestätigten sich die schlimmsten Gerüchte: Es war eine regelrechte Hinrichtung gewesen, bei der der Täter, ein sechsundzwanzigjähriger Marokkaner, sein Opfer nicht nur erschossen, sondern ihm mit einem Schlachtermesser ein papiernes Manifest an den Leib geheftet hatte. Gerüchten zufolge hatte er ihm wie bei einer rituellen Schächtung auch noch die Kehle durchgeschnitten. Der anschließende Schußwechsel am Oosterpark, bei dem wie durch ein Wunder kein Polizist getötet wurde, machte jedenfalls klar, daß hier kein schüchtern Verstörter resignierte, sondern ein bewaffneter Fundamentalist die westliche Staatsmacht selbstbewußt herausforderte.

Gogh wollte auswandern

Bei Van Goghs Produktionsbetrieb zogen Angehörige, Freunde, Mitarbeiter denn auch die ersten Konsequenzen aus der Tat. Der Regisseur hatte zuletzt in seiner polternden Art angekündigt, aus diesem stickigen Holland auswandern zu wollen, wo man - anders als im siebzehnten Jahrhundert - nicht mehr frei seine Meinung zu religiösen Fragen äußern dürfe. „Ich habe ihn vorgestern noch zu beruhigen versucht,“ äußerte ein Freund unter Tränen, „heute weiß ich, daß er recht hatte.“ Erst vor drei Wochen war Van Gogh in einer Dschellabah, wie sie jetzt offenbar auch sein Täter trug, bei einer Amsterdamer Politparty aufgetreten und hatte die linke Toleranz für muslimische Straftäter kabarettistisch offengelegt.

Damit befand sich - aus aufklärerischer Tradition - der Sponti-Provokateur Van Gogh auf einer Linie mit dem calvinistischen Ministerpräsidenten Balkenende, der seit langem einen belächelten Feldzug für „Normen und Werte“ führt. Wer in einer Einwanderungsgesellschaft wie den Niederlanden lebe, müsse auch rückhaltlos deren Sprache und Ethik anerkennen. Das ist - neben einem stärkeren Durchgreifen der Polizei in den oft von Jugendbanden dominierten Vorstädten - die Lehre, die nicht nur Balkenendes Christdemokratie, sondern die gesamte politische Klasse aus der Massenhysterie vor und nach Fortuyns Ermordung gezogen hat. Der faule Konsens, kulturelle Unterschiede unter den Teppich zu kehren und nach dem Vorbild des Drogenkonsums bei islamischen Straftätern systematisch „durch die Finger zu schauen“, war mit einemmal vorbei. Nun wird das Klima noch viel eisiger werden.

Filmhochschule lehnte seine Arbeit ab

Van Gogh hatte 1981 mit einem Film über eine Entführung debütiert, nachdem die Filmhochschule seine Abschlußarbeit abgelehnt und ihm den Gang zum Psychiater empfohlen hatte. Stattdessen hatte der Kraftmensch Erfolg mit Werken zu so unkonventionellen Themen wie Telefonsex und Nekrophilie.

Vor drei Wochen wurde sein bisher letztes Werk „Cool“ vom Filmverleih Pathe als zu unkommerziell abgelehnt, was Van Gogh sofort als Feigheit vor dem vermutlichen Publikum geißelte: kriminellen Jugendbanden aus den Vorstädten. Mit Akteuren aus dieser Szene, darunter auch arabischstämmigen, und einer strengen Jugendschule in Wezep als Vorbild hatte Van Gogh zum Thema gemacht, was die konsensliebenden Niederländer lange tabuisiert hatten: die Voraussetzungen der Straßengewalt, zu denen auch die Rapperkultur gehört.

Erstes Opfer islamischer Vergeltung

Überhaupt war Amsterdam mit bisher sechzehn Abschlachtungen in diesem Jahr dabei, seinen Ruf als Gewaltmetropole zu untermauern. Nur fanden solche Morde bisher im Drogenmilieu statt. Auch der Bombenanschlag, bei dem der Maler Rob Schouten vor zehn Jahren mitten in der Innenstadt beide Beine verlor, wurde zu dieser Kategorie gerechnet.

Nun aber ist alles anders: Nach dem rechten Populisten Fortuyn, der die Verlogenheit der Konsensgesellschaft und die liberale Vetternwirtschaft gegeißelt hatte, traf es nun einen Linken und Künstler - das erste Opfer islamischer Vergeltung seit dem Mord am norwegischen Übersetzer von Rushdies „Satanischen Versen“. Und als in der Mittagszeitung „Het Parool“ die amerikanischen Wahlen nurmehr im Kleingedruckten vorkamen, wußte trotz der üblichen Friedensbekundungen aus allen Religionen jedermann, daß der Clash der Zivilisationen mitten in Europa eine blutige Gestalt bekommen hat.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2004, Nr. 257
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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