Integration

Deutschsein als Dilemma

Von Jürgen Kaube

31. Januar 2006 Der Streit über eine Berliner Schule, die, gemeinsam mit Schülern und Eltern, beschlossen hat, auf ihrem Pausenhof solle deutsch gesprochen werden, ist nur vordergründig ein Streit um die Sache.

Die Empörten - vom türkischen Blatt „Hürriyet“ über den Berliner Abgeordneten Mutlu bis zu Erziehungs- und Migrationsfunktionären - hatten sich in der Sache gar nicht kundig gemacht. Selbst das bayerische Kultusministerium kritisierte, Presseberichten zufolge, jene Regelung schränke die Persönlichkeitsentfaltung ein.

Reflexhafte Reaktionen

Abgesehen davon, daß Schulen dazu da sind, manche Formen der Persönlichkeitsentfaltung zugunsten anderer einzuschränken, gibt es jenes Verbot gar nicht, gegen das sich die Sprachrohre in Stellung brachten. Ja, wenn die Pausenregel gar nicht auf Zwang beruhe, dann sei das natürlich etwas anderes, ließ sich die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, im Fernsehen vernehmen. Auf den Gedanken, sich erst zu informieren und erst dann eine Zwangsgermanisierung zu befürchten, kommen viele erst gar nicht. Wenn aber nicht nur einzelne so reflexhaft reagieren, wenn es nicht nur die berufsmäßigen Empörer sind, wenn der Reflex fast unabhängig vom politischen Standort einrastet - dann muß nicht über die Sache, sondern eben über den Reflex gesprochen werden.

Es ist ein Reflex, den so nur das Wort „Deutsch“ auszulösen vermag. Mit diesem Reflex muß rechnen, wer davon spricht, es komme darauf an, aus Einwanderern Deutsche zu machen; wer eine Trivialität wie die betont, die deutsche Sprache sei hierzulande die Norm; wer gar so weit geht, die Teilhabe an dem, was Deutschland ausmacht, für ebenso gut wie erreichbar zu halten.

Vorgeblich konservativ, vorgeblich liberal

Es gibt zwei Formen dieses Reflexes. Die eine, vorgeblich konservative, hält oder hielt es im Grunde lange nicht für möglich, Deutscher zu werden. Man muß es diesem Reflex zufolge schon sein. Die andere, vorgeblich progressive, hält jede offizielle Absicht, aus Einwanderern Deutsche zu machen, für einen Angriff auf die Liberalität unseres Gemeinwesens. Beide Reflexe zusammen haben zu der Lage geführt, in der wir uns befinden, weil aus beiden Untätigkeit und die Lizenz zur Gedankenfaulheit in bezug auf das Problem einer Gesellschaft folgt, die Einwanderer nicht nur hat, sondern braucht.

Die einen haben es jahrzehntelang und bis in die Gegenart hinein für eine Illusion gehalten, daß ein Türke oder eine Libanesin vollgültige Inländer sein können: weil sie Deutschsein für etwas unendlich Voraussetzungsvolles, kulturell immens Anspruchsvolles halten. Nur bei den Deutschrussen hat man aus historischen Gründen über solche Schwellen hinweggesehen, sie einfach als Deutsche definiert, um sich dann aber über die Zuweisung von Subventionen und Rechten hinaus auch nicht weiter um sie zu kümmern. Die anderen finden Deutschsein ebenfalls äußerst kompliziert, darüber hinaus aber auch ziemlich problematisch und jedenfalls nichts, was man freiwillig und frohen Herzens sein könnte. Die einen ließen sich mühsam abringen, den Einwanderern und ihren Kindern den Erwerb der Staatsbürgerschaft samt dem Zugang zu entsprechenden Wohlfahrten zu erleichtern. Und die anderen halten es damit auch schon für getan.

Keine Liebeserklärung

Beide politisch entgegengesetzten Einstellungen zum Begriff „deutsch“ konvergieren also in derselben Praxis. Das zeigt sich selbst auf vermeintlich harmlosen Gebieten. Seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur hat der Germanist Heinz Schlaffer vor einiger Zeit die Beobachtung vorangestellt, daß es ganz selbstverständlich ist, wenn deutsche Studenten der Sinologie oder Romanistik ihre Studienwahl mit einer Anziehung durch die chinesische oder einer Liebe zur französischen Kultur begründen. Für Studenten der Germanistik komme die entsprechende Liebeserklärung zu Deutschland aber nicht in Betracht. Schon auf der Schule lerne man hierzulande, daß es das Deutsche nicht gibt, weil es ein Klischee ist - und sollte es das Deutsche doch geben, dann handele es sich jedenfalls um nichts Gutes. Sondern um etwas Verspätetes, dem Untertanengeist Nahes, historisch Verschuldetes.

Folgerichtig kam es zu einer Umbesetzung des Kanons: vom Selbstlob einer Kultur einzigartiger Klassiker, die durch Klassizität angeblich ihren Frieden mit dem Irdischen gemacht haben sollen, zur Dokumentation jener deutschen Selbstanklage, für die sich historisch leicht alle berechtigten Gründe finden. Der an und durch Deutschland leidende Dichter - Büchner, Heine, Brecht, Thomas Mann - ist der prototypische Autor für die höheren Schulklassen. Alle Autoren hingegen, die deutsch im Sinne regionaler Traditionen und Sonderwinkelhaftigkeiten sind - Karl Philipp Moritz und Jean Paul, Hebel und Mörike, Stifter und Schnitzler etwa, die noch an anderem litten als an Deutschland -, gelten nicht in gleichem Maße als vorbildlich. Selbst der Status von Thomas Mann als kanonischem Schriftsteller hat es nicht vermocht, aus seinem Wort von der „deutschen Selbst-Antipathie“ korrigierende Schlüsse zu ziehen.

Deutschland als schwieriger Fall

Zu diesen Befunden gehören solche aus Geschichtsstunden, für die das Gravitationszentrum der deutschen Geschichte Auschwitz heißt. Durch sie erschließen sich Effekte, die zuletzt eine Forschergruppe um den Ethnologen Werner Schiffauer festgestellt hat. An türkischstämmigen Schülern beobachtete sie das Befremden darüber, daß Deutschland im Unterricht durchweg als schwieriger, bedenklicher, fataler Fall dargestellt wird. Nicht daß es diesen Fall nicht gäbe - aber daß seine Aspekte in der Selbstdeutung der deutschen Kultur und Geschichte als die einzig erheblichen auftreten, muß auf Schüler, denen man zugleich Integration empfiehlt, befremdend wirken.

Jede politische Reformdebatte in diesem Land bietet denselben Aspekt. Sobald die Deutschen das Gefühl haben, etwas bei und an sich selber ändern zu sollen - ihr Schulsystem, ihre Arbeitsmärkte, ihre Einwanderungspolitik oder ihre Universitäten - finden sie die Modelle dafür nicht in den besten eigenen Traditionen, sondern im Ausland: wahlweise in Skandinavien, Holland, in den Vereinigten Staaten oder in Europa, wo immer das liegt. Werden, wie andere schon sind - das ist hierzulande der kategorische Appellativ. Und da es in der Wirklichkeit einigermaßen schwierig ist, ihn zu realisieren, bleibt dann das meiste, wie es ist.

Integration durch Gewöhnung

Nur daß die Zeit davonläuft. Nur daß die Einwanderer und ihre Kinder auf diese Weise kein einziges Argument dafür bekommen, sich hier heimisch zu machen. Nur daß sie nicht einmal mitgeteilt bekommen, woran sie hier sind, was man von ihnen, die freiwillig hier sind, verlangen darf und wodurch man ihnen gegenüber für ihr Hiersein wirbt. Sie kommen nach Deutschland, und man sagt ihnen, mal selbstmitleidig, mal abschätzig, am besten wären sie anderswo. Im günstigsten Fall stellt man sich Integration dann als einen gewissermaßen organischen Ablauf vor, als etwas, das durch Gewöhnung geschieht.

Oder, so der andere Reflex, als etwas, das durch symbolische Drohungen zu erwirken ist. Es wird an Ideen und Behauptungen appelliert, es werden Bekenntnisse gefordert. Daß eine Familie aus Anatolien, wenn sie durch eine deutsche Innenstadt geht oder wenn sie jemals ein deutschen Fernsehprogramm anschalten würde, dort nur zufälligerweise der vielbeschworenen Leitkultur begegnete, wird dabei aber nicht in Rechnung gestellt. Und auch nicht, was gelebte Multikulturalität für Insassen von Gettos oder für Mädchen bedeutet, denen der ältere Bruder mitteilt, welche Kultur über ihre Möglichkeiten entscheidet, an Klassenfahrten teilzunehmen oder zu studieren.

Eine einzige Deutschstunde

Für keinen Ort ist Realismus diesseits bloßer Wunschvorstellungen von Integration darum wichtiger als für die Schule. An keinem Ort ist es aber auch leichter möglich, vom drohenden oder verlegenen Umgang mit dem, was Deutschland war und ist, zu einem selbstbewußten überzugehen. Genauer: Hier ist es nicht nur möglich, sondern geboten. Denn wo, wenn nicht in den Schulen, wird die Verbindung hergestellt zwischen kulturellen Normen und Traditionen einerseits, den ganz empirischen Chancen auf ein im weitesten Sinne bürgerliches Leben andererseits? Die Schule war schon immer der Ort, an dem Heranwachsenden erfuhren, daß die Normen des Familienlebens außerhalb der Familie nicht gelten. Insofern war der Unterricht in diesem Land schon immer eine einzige Deutschstunde, auch für die Einheimischen.

Die Reserven dagegen mögen aus historischem Selbstmitleid oder Phantasielosigkeit entspringen oder aus dem Unvermögen, Strenge und Ernst mit dem Versprechen zu verbinden, es lohne die Anstrengung - all das sind keine Ausreden dafür, die Jugendlichen, für die wir nur das Wort „mit Migrationshintergrund“ haben, um den Zugang zu dem zu bringen, wozu sie gehören: Deutschland.



Text: F.A.Z., 31.01.2006, Nr. 26 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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