Kommt der Wechsel von Bush zu Obama zu spät?

Gehen Sie jetzt nach Hause!

Von Frank Schirrmacher

Der neue und der scheidende amerikanische Präsidnet treffen sich im Weißen Ha...

Der neue und der scheidende amerikanische Präsidnet treffen sich im Weißen Haus - zu spät?

25. November 2008 Bringt der Rettungsplan die Rettung? Reden wir, fast genau zwanzig Jahre nach Mauerfall, so wie einst Günter Mittag und das Politbüro und kaufen zur Beruhigung der Massen noch ein paar billige DVD-Rekorder ein? Wenn man darauf eine Antwort will, so die Empfehlung Thomas Friedmans, sollte man sich eine DVD des „Weißen Hai“ ausleihen. „Wir sind an der Stelle, als Roy Scheider zum erstenmal den Weißen Hai sieht und zurück in den Hafen fährt und dem Skipper mit schreckengeweiteten Augen sagt: ,Sie werden ein größeres Boot brauchen.'“

Das ist genau eine Woche her. Jetzt hat Friedman die nächste Eskalationsstufe gezündet.Und da es Friedman ist, der es tut, und da er es in seinem erfolgreichen Blog in der „New York Times“ tut, beginnen die Leute an Land unruhig zu werden. Fast jeden Tag kommt Friedman gleichsam vom Meer in den Hafen zurück und jedesmal werden seine Botschaften drängender und ängstlicher. Der dreifache Pulitzer-Preisträger hat vor ein paar Jahren mit seinem Buch „Die Welt ist flach“ die Globalisierung als journalistischen Echtzeit-Roman erzählt, zwischen Bangalore und Seattle, im Jet von Bill Gates und vor den Flugticketautomaten bei „easy jet“; er hat, in den Zeiten, als dem Geld noch zu trauen war, fast so etwas wie eine technische Komödie der Gegenwart geschaffen. Sein neues Buch über die ökologische Revolution ist sechshunderttausend Mal vorbestellt. Friedman ist, um es seriös zu sagen, der neue Typus des Wirtschafts-Intellektuellen, einer Branche, die sich im Augenblick hoher Nachfrage erfreut und an deren Spitze der diesjährige Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman steht.

Vom engagierten Dichter zum engagierten Ökonomen

Thomas Friedman, Kolumnist der „New York Times”, empfiehlt den Ausgehverzicht

Thomas Friedman, Kolumnist der „New York Times”, empfiehlt den Ausgehverzicht

Zusammen mit Krugman verfolgt Friedman nun schon seit Monaten in den Blogs der „New York Times“ die Evolution einer Krise, deren Dramatik buchstäblich mit jeder Woche neue rhetorische Maßnahmen verlangt. Vorgestern erreichte die Eskalation den vorläufigen Höhepunkt: „In letzter Zeit“, schrieb Friedman, „gehe ich in Restaurants, schaue mich an den Tischen um, an denen es immer noch von jungen Leuten wimmelt, und ich habe dieses Bedürfnis, von Tisch zu Tisch zu gehen und zu sagen: ,Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, Sie sollten hier nicht sein. Sie sollten Ihr Geld sparen. Sie sollten Ihren Thunfisch zu Hause essen. Diese Finanzkrise ist bei weitem noch nicht vorbei. Wir sind nur am Ende des Anfangs. Bitte lassen Sie sich ihr Steak einpacken und gehen Sie nach Hause.“

Friedman hat die globalisierte „World-Wide-Web“-Kommunikation einst als Vehikel revolutionären neuen Warenverkehrs gefeiert. Nun, inmitten der Krise, wird sie für ihn, ausgerechnet in Amerika, zum Kommunikationsmittel der Revolution. Der „poète engagé“ der Sartre-Welt wird in der Systemkrise zum „economiste engagé“, und Paul Krugman, David Brooks, Jeffrey Garten und viele andere machen mit. Die Fragen sind stets die gleichen: Ist das Schlimmste vorbei oder steht uns das Schlimmste noch bevor? Sehen wir den Boden, oder, so Jeffrey Garten, „starren wir in ein tiefes Loch, in das die ganze Welt hineinstürzen könnte“?

Zwei Monate zuviel

Und hier beginnt der revolutionäre Teil des Dramas, den auch die europäischen Öffentlichkeiten zur Kenntnis nehmen sollten, weil er der sich selbst beschleunigende Krise noch einen zusätzlichen Zeitdruck verleiht. Alle Beteiligten sind sich nämlich einig, dass der revolutionäre Agent der gefährdeten amerikanischen Zukunft die „früheren Mittelschichten“ (David Brooks) sein werden und dass die letzten zwei Monate Bush zwei Monate zuviel sind. „Es könnte sein“, so Friedman, „dass wir den Boden unter den Füßen verlieren, ehe Obama überhaupt beginnt.“

Wenn es stimmt, dass die Krise sich wie eine Spirale immer tiefer in die Fundamente bohrt, dann ist dies ihr rhetorisches Spiegelbild. Obama könnte zu spät kommen - das ist, unter allen Endzeitparolen unserer Zeit, die radikalste. Es ist die aktuelle Version von Gorbatschows berühmten Satz - und keinem Romancier hätte man diese Koinzidenz der Systemangst und der Systemrhetorik abgenommen, wenn er sie erfunden hätte.

Rhetorik der knappen Zeit

Und was ist, wenn er pünktlich ist, gleichsam ein Gorbatschow des Westens, aber den Erwartungen, die jetzt fast mythisch aufgebaut werden, nicht gerecht wird? Was hier geschieht ist, die nächste große Schuldverschreibung auf die Zukunft. Denn Erwartungen sind wie Kredite: Sie borgen sich von der Zukunft nicht nur etwas, sie verändern sie, ehe sie überhaupt eingetreten ist. Abgesehen von Kriegserwartungsepochen, wird man in der jüngeren Geschichte kaum ein Jahr finden, das ähnlich apokalpytisch aufgeladen wurde wie das Jahr „2009“. So sehr jedenfalls, dass ein Apologet der Globalisierung im November 2008 den jungen Leuten empfiehlt, nicht mehr essen zu gehen.

Dass keine Zeit mehr sei, gehört als rhetorische Formel in das Inventar dämonolgischer Angstphantasien. Verbunden mit den messianologischen Erwartungen an Obama und den täglichen Katastrophenmeldungen aus der Wirtschaft, entsteht hier, im späten Herbst des Jahres 2008, ein giftiges Gebräu, dass das Jahr 2009 unterhöhlt, ehe es überhaupt begonnen hat.

Die Welt wird in diesem Jahr 2009 des zwanzigsten Jahrestags des Anfangs vom Ende der kommunistischen System gedenken. Kein Mensch hatte im November 1988 auch nur eine Ahnung davon, dass ein derartiger Zusammenbruch bevorstand. Wäre unser Krisenbewusstsein eine Versicherung gegen das Schlimmste oder nur die westliche Variante eines erodierenden Weltbildes? Denn anders als in den kommunistischen Unterdrückungssystemen redet der Westen gerne und viel über jede seiner Funktionsstörungen. Zwar können wir nicht sagen, was geschieht, aber wir sagen, was wir erwarten. 1988 verzeichnen Berichte aus der DDR, dass es in den Restaurants nichts Gescheites zu essen gebe.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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