04. Februar 2008 Warum ist das Turbo-Gymnasium ein Thema, das die Wahlkämpfe überdauert? Warum ist die Art, wie in Deutschland die Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahre (vulgo: G8) zusammengestrichen wird, das große gesellschaftliche Thema, das alle, nahezu alle bewegt (siehe auch Im Erziehungscamp: Roland Koch als Schulversager)? Das heißt neben den betroffenen Kindern eben auch alle Erwachsenen – jene, die schulpflichtige Kinder haben, wie jene, die ihre eigenen Schulerfahrungen am Pisa-Sog von heute messen möchten.
Ein Unterschied sticht jedem gleich ins Auge: Früher wurde, wenn man sich nicht auf den Hosenboden setzte, mit Hausarrest gedroht. Heute wird der Sechstklässlerin mit den Chinesen gedroht, die ihr einmal den Arbeitsplatz wegnehmen werden, wenn sie nicht endlich auf ihre Reitstunden und Tanzkurse verzichtet, um spätnachmittags nachzuholen, was ihr vormittags in der Schule wegen Zeitmangels und Stofffülle nicht annähernd erklärt wurde. Gib dir Mühe, heißt es, die Finnen können es doch auch! Ganz in diesem Sinne schrieb mir neulich der Kollege einer Wirtschaftsredaktion: Ein späterer Arbeitgeber wird nicht fragen, wie viele Reitstunden oder Tanzkurse jemand hatte, sondern wird wissen wollen, ob er den Strömungswiderstand berechnen kann. Und das kann der chinesische Mitbewerber dann wahrscheinlich besser.“
Die musische Erziehung kommt zu kurz
Früher nannte man jemanden einen Streber, einen Fachidioten, wenn man sagen wollte, dass da einer keine Lebenserfahrung außerhalb der Schule gesammelt hat. Dass sich da einer versteigt in fachliche Richtigkeiten, ohne das Richtige an den rechten Platz im Leben rücken zu können, mit anderen Worten: ohne ein gesundes Urteilsvermögen erworben zu haben, ein Wissen darüber, was die Situation verlangt, einen Sinn für das jeweils Näherliegende und Fernerliegende, für das, was sich von selbst versteht. Reiten und Tanzen, aber natürlich auch Theaterspielen, sich mit Freunden verabreden, mit dem Hund spazieren gehen, in den eigenen vier Wänden faulenzen – das alles wie überhaupt jede angemessene Form musischer Erziehung fällt in der real existierenden G-8-Schule flach.
Dort scheint man den Strebertyp geradezu züchten zu wollen, wenn man ihm, seinen Eltern und Lehrern einbleut, dass alle Widerstände, die das Leben zu bieten hat, immer schon überwunden sind, ist erst einmal der prüfungsrelevante Strömungswiderstand richtig berechnet. Wenn das die beschworene ökonomische Rationalität ist, sollten wir sie lieber gleich bei ihrem richtigen Namen nennen und von unseliger Einfalt sprechen. Ein Arbeitgeber, der derart stromlinienförmig den Nachwuchs rekrutieren würde, der keinen siebten Sinn für Persönlichkeit zeigte, für biographische Brüche, für Zauderverhalten und ein Sichberappeln nach persönlichen Niederlagen – ein solcher Arbeitgeber bekäme vermutlich genau die Mitarbeiter, die er verdient.
Schon die Anfangsklassen werden mit Stoff überfrachtet
Kindheit mit glücklicher Kindheit“ gleichzusetzen war immer schon mehr Mythos als Realität. G8 ist nicht deshalb ein Skandal, weil es ein Kinderglück behindert, für das die Schule nicht verantwortlich ist und noch nie verantwortlich war. Nein, G8 ist ein Skandal, weil es den Kindern den Zugang zu außerschulischen Erfahrungswelten unmöglich macht, zu Welten, auf die die Kinder dringend angewiesen sind, weil sie dort ihre entscheidenden altersgemäßen Erfahrungen machen. Selbst ein schulisches Drillsystem wie das japanische sieht mehr Zeiten der musischen und körperlichen Entspannung vor als das deutsche G-8-System. In diesem Sinne ist man in einem Akt politischer Anmaßung dabei, Kinder um ihre Kindheit zu bringen, Familien um ein halbwegs gelingendes und sich nicht im Schulstress erschöpfendes Familienleben.
Nicht die Schulzeitverkürzung als solche ist das Problem, auch nicht der Typus der Ganztagsschule, auf den G8 hinausläuft. Das Problem ist die dilettantisch eingeführte Turboschule, wie sie hierzulande existiert, in der schon die Anfangsklassen mit Stoff überfrachtet werden. G 8 ist ein Thema, das den gesamten Erziehungsbetrieb auf Trab hält. Angefangen vom Kindergarten, in dem man sich mit einer längeren Verweildauer auf die G8-Zukunft vorbereitet, um im Turbo-Gymnasium dann wenigstens zu den Älteren, insoweit auch Stabileren eines Jahrgangs zu gehören. Es geht weiter über die Schulen bis hin zu den Nachhilfe-Instituten, die einen Boom verzeichnen. So darf es nicht verwundern, wenn wir nach den ersten frustrierenden Experimentierjahren, die wir mit dieser hektisch und schlampig ins Werk gesetzten Schulreform hinter uns haben, nun eine große G-8-Debatte bekommen sollten. Es ist jedenfalls ein gutes Zeichen, wenn jetzt auch Prominente wie der Moderator Reinhold Beckmann in persönlichen, aus eigener Elternanschauung gewonnenen Stellungnahmen auf die Probleme mit G8 aufmerksam machen und sich als Schrittmacher der Debatte betätigen. So werden Politiker wie Roland Koch im Detail erfahren, was ein Thema ist, das die Menschen bewegt“.
Koch schätzt das Thema weiterhin falsch ein
Apropos Koch. Auf die Frage Warum hat die CDU so spät auf den Protest vieler Eltern und auch des Philologenverbands gegen die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit reagiert?“ antwortete Roland Koch gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: Im laufenden Schuljahr ist es nicht einfach, eine Situation zu verändern.“ (Siehe auch Roland Koch im Interview: Ich habe auch CDU-Wähler irritiert“).
Dass Koch es mit Herausreden versucht (die Frage ist ja gerade, warum er nicht schon früher, lange vor dem laufenden Schuljahr gehandelt hat), zeigt nur, dass er die Bedeutung des Themas weiterhin falsch einschätzt, dass er den Elternwillen offenbar als Umfrage-Gedöns abtun möchte. Der Maßstab zur Orientierung der Bürger ist die Authentizität eines Politikers und nicht seine Fähigkeit des Umfrage-Surfens“, erklärt Koch im selben Interview auf die Frage: Herr Ministerpräsident, der Wahlsieger aus alten Tagen sind Sie nicht mehr. Was sind Sie jetzt noch wert?“ Bei so viel Tapferkeit vor dem Wählerfeind, wie sie sich in Kochs authentischer Orientierungsformel äußert, möchte man höflicherweise nicht länger stören.
Die Straße als Erziehungsort
Was aber möchte man stattdessen tun? Man möchte zu dem wunderbaren Dichter Robert Louis Stevenson übergehen. Er hat – nur probeweise, Achtung: Poesie! – in seiner Zeit eine Lanze fürs Schulschwänzen gebrochen, genauer für die Straße als Erziehungsort. Es möge genügen“, schreibt der Dichter in seiner Apologie für Müßiggänger“, die heute ohne weiteres den Untertitel Geraubte Kindheit in den Zeiten von G8“ tragen könnte, es möge genügen, so viel zu sagen: Wenn ein Knabe auf der Straße nichts lernt, liegt das an seiner fehlenden Lernfähigkeit. Auch ist der Schwänzende nicht immer auf der Straße, denn wenn er es vorzieht, mag er durch die grünen Vorstädte aufs Land gehen. Er mag seinen Sinn auf ein Fliedergehölz über einem Bach richten und zur Melodie des Wassers auf den Steinen zahllose Pfeifen rauchen. Ein Vogel wird im Dickicht singen. Und hier mag er in eine Stimmung gütiger Gedanken verfallen und die Dinge aus neuer Sicht sehen. Wenn das keine Erziehung sein soll, was denn dann?“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa