02. März 2006 Die beiden hatten sich das vermutlich ganz anders vorgestellt. Raci Sasmaz und Bahadir Özdener, Produzent und Autor von Tal der Wölfe - Irak, kamen nach Berlin, um eine Pressekonferenz zu geben und zu beteuern, daß ihr Film weder anti-amerikanisch noch antiwestlich sei, sondern wenn überhaupt anti, dann ein Antikriegsfilm und als solcher auch gegen die Besetzung des Iraks.
Sie sagten das alles auf türkisch und ließen es übersetzen und lehnten auch das Ansinnen eines Journalisten ab, auf englisch zu antworten, obwohl sie dessen offenbar durchaus mächtig sind, weil sie den Eindruck hatten, daß es nur zu weiteren Mißverständnissen kommen könnte. Es war aber die ganze zweistündige Pressekonferenz ohnehin ein einziges Mißverständnis - und zwar von beiden Seiten.
Gandhi und Buddha
Sasmaz und Özdener, beide Anfang Dreißig, Freunde seit Studienzeiten - laut Selbstbeschreibung wie Yin und Yang, schwarz und weiß, Gandhi und Buddha -, sind verantwortlich für den teuersten türkischen Film aller Zeiten, der zehn Millionen Dollar gekostet hat, in der Türkei von vier Millionen Zuschauern gesehen wurde und es in Deutschland in drei Wochen auch schon auf 350.000 Zuschauer gebracht hat. Sie sind also das, was man in der Szene Shooting-Stars nennen könnte, und sie wollen mit ihrer Firma Pana Film langfristig in Europa und den Vereinigten Staaten expandieren.
Nun ist die Diskussion um Tal der Wölfe diesen Plänen nicht gerade förderlich, weswegen sie also auf Friedensmission in Deutschland sind. Sie haben die Presse eingeladen, wie sie sagen, als Gäste und damit Sie uns kennenlernen und uns glauben, daß wir einen Antikriegsfilm machen wollten. Dann wunderten sie sich sichtlich sehr, daß die Journalisten die Regeln der Gastfreundschaft nicht achteten, so daß ein Kollege sie erst einmal aufklären mußte, es sei hierzulande bei Pressekonferenzen üblich, daß man nachfrage - das habe nichts damit zu tun, daß sie aus der Türkei kämen.
Verdrossene Journalisten
Die Journalisten wiederum, die Falken erwartet hatten, aber Tauben serviert bekamen, reagierten zunehmend verdrossen auf die Weigerung der beiden, antiwestliche, antichristliche oder antisemitische Deutungen ihres Film zu akzeptieren, und auf ihre beharrliche Art, auf konkrete Fragen mit allgemeinen Friedensbotschaften zu antworten. Wobei der Moderator Andreas Schneider vom RBB, der sich schon eingangs für seine Tätigkeit auf dem Podium entschuldigen zu müssen glaubte, unangenehm auffiel durch seine Art, die Antworten als persönliche Beleidigung aufzufassen, statt sich um Vermittlung zu bemühen. Es glaubte ja wohl niemand im Ernst, die beiden seien gekommen, um einen Kampf der Kulturen anzustacheln. Daß die Macher eines mäßigen Actionfilms besonders reflektiert über die Wahl ihrer Mittel sprechen würden, war auch eine eher verwegene Hoffnung.
Sasmaz und Özdener weigerten sich rundheraus, jenem Schwenk über die Adreßaufkleber der Behälter - Tel Aviv, London, New York -, in denen die in Abu Ghraib den Gefangenen entnommenen Organe transportiert werden, irgendeine Bedeutung zuzumessen. Daß damit ein Weltjudentum suggeriert werde, das am Leid der Araber buchstäblich gesunde, leugneten sie. Er habe das im Drehbuch so geschrieben, sagte Özdener, aber er hätte sich statt Tel Aviv genauso Karachi ausdenken können. Er bezeichnete die Unterstellung antisemitischer Absichten im Gegenteil als Verleumdung, es habe ihnen ferngelegen, irgendwelche Klischees zu bedienen, und man dürfe die Szenen nicht aus dem Zusammenhang reißen.
In der Türkei ist das nicht so
Schwer zu sagen, ob die beiden wirklich nicht wußten, was sie taten, und ob ihr Film nicht wirklich nur dümmer ist als die Absichten seiner Macher. Warum wird alles Westliche nicht hinterfragt, wollte Özdener wissen, und wenn jemand aus dem Osten ist, dann wird immer etwas unterstellt. Tatsächlich scheint das der Kern des Mißverständnisses zu sein: daß differenzierte Wahrnehmung eingefordert wird bei einem Film, der den nicht zur Differenzierung neigenden Mustern der Action folgt. Wenn man den hysterischen Reflex, nach Verboten zu schreien, beiseite läßt, dann gehört nicht viel Phantasie dazu, sich jenseits des Westens ein Bedürfnis nach anderen filmischen Lesarten des Weltgeschehens auszumalen, in denen nicht jede muslimisch aussehende Figur automatisch unter Generalverdacht fällt und der Böse zur Abwechslung ein Amerikaner ist. Wenn Hollywood beansprucht, daß man die einzelnen nicht fürs Ganze nehmen darf, dann muß das auch umgekehrt möglich sein.
Die einzig verblüffende Auskunft blieb, daß die beiden von den heftigen Reaktionen des Publikums bei der Kölner Premiere echt überrascht waren. So etwas kannten sie bislang nur aus Erzählungen ihrer Eltern. In der Türkei sei das nicht so. Man sollte mal darüber nachdenken, ob das vielleicht daran liegt, daß die Türken hier sonst immer nur eine Seite der Wahrheit präsentiert bekämen.
Text: F.A.Z., 03.03.2006, Nr. 53 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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