Von Jürgen Kaube
05. Dezember 2007 In Berlin ist es kürzlich zu dieser kleinen Szene gekommen: Ein Lehrer des altsprachlichen Goethe-Gymnasiums hatte es als Zweitkorrektor mit Abiturarbeiten am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster, einer Vorzeigeschule mit Eliteanspruch, zu tun. Dabei fiel ihm die dortige Zensurenvergabe auf, und er sprach seinen Kollegen darauf an. Am Goethe-Gymnasium werde im selben Fach strenger benotet. Da wurde der Ton des Klosterlehrers scharf, und es fiel ein denkwürdiger Satz: Die Eltern unserer Schüler hier sind die Chefs der Eltern Ihrer Schüler, und das soll auch so bleiben.
Reden wir also über Ungleichheit im Bildungssystem. Denn Pisa ist längst nicht mehr nur der Name eines hochaggregierten Leistungsvergleichs, in den auch jetzt wieder jeder die bildungspolitische Position hineinliest, die ihm zusagt. Pisa ist auch der Name einer schleichenden Hysterisierung des Umgangs mit Schulfragen überhaupt. In jenem aberwitzigen Satz drückt sie sich aus. Die Schule wird als Karrieremaschine aufgefasst. Nicht die Unterscheidung richtiger von falschen Lösungen, intelligenter und auswendig gelernter Antworten, fleißiger und schlampiger Einstellungen steht im Vordergrund - sondern Kategorien sozialer Ungleichheit.
Die Schule als sozialer Kampfplatz
Die einen suggerieren dabei, gewissermaßen als Parodie linker Positionen, soziale Ungleichheit werde in Deutschland vor allem vom Schulsystem erzeugt. Sie behaupten, wofür es keinen empirischen Hinweis gibt, erst die Abschaffung des Gymnasiums führe zu einer gerechten Verteilung von Bildungschancen. Von einem ständischen Bildungssystem ist die Rede, das bestimmte Gruppen gezielt in niedere Schulen stecke. Die Lehrer erscheinen als Handlanger in einem Klassenkampf, bei dem der Begriff der Klasse allerdings statistisch definiert wird: Achtzig Prozent der Schüler an Gymnasien kommen, liest man in der Tageszeitung taz, aus der oberen Hälfte der sozialen Schicht. Ach, und das ist dann eine Klasse, die oberen fünfzig Prozent, das sind die Bildungsbürger, deren Fluchtwege, wie es im Ulbricht-Ton heißt, durch Einführung einer Einheitsschule geschlossen werden müssen? Die Hälfte der Bevölkerung besteht also erstens aus Bildungsbürgern, und man kann zweitens gegen sie Politik machen? Ein soziologischer Lesefähigkeitstest für Teilnehmer der Schuldebatte wäre keine schlechte Sache.
Zwischen der Ungerechtigkeit einer Ungleichbehandlung gleicher Leistungen - etwa bei Gymnasialempfehlungen zuungunsten von Migranten - einerseits und andererseits dem von Schulen gar nicht zu bewerkstelligenden Vollausgleich ungleicher Voraussetzungen ihrer Schüler wird dabei erst gar nicht differenziert. Die andere Seite aber, zu der jener Lehrer mit Präferenz für Chefkinder gehört, liefert dazu die arrogante Lesart. Hier werden nervöse Eltern noch bestärkt im Blick auf die Schule als sozialen Kampfplatz.
Ein geheimes Bündnis gegen die Leistung
Entsprechend geht es auf den Elternabenden zu, hört man von Eltern, die ihre Sprösslinge dazu auffordern, Beweismaterial gegen unliebsame Lehrer zu sammeln, wird die schwache Zensur automatisch als Fehler des Pädagogen interpretiert. Selbst gutgemeinte und sinnvolle Initiativen tragen mit Namen wie Early Excellence ungewollt dazu bei, unrealistische Einstellungen zur Bildung zu verbreiten. Die Schule kann alles, wird behauptet, und wenn sie es nicht kann, dann will sie offenbar nicht. Dass manche Erziehungswissenschaftler solche Phrasen bewirtschaften, ist leicht zu erklären: Es bringt sie als Experten ins Spiel. Wenn aber spätestens rund ums Abitur - irgendwann setzt dann eben doch Selektivität ein, selbst in Finnland - die Versprechungen in den Selbstbetrug münden, gute Noten seien qua Herkunft zu verlangen, dann meldet sich eben dasjenige Problem dünkelhafter Ansprüche auf Karriere wieder. Zu dessen Beseitigung wurde das Abitur 1834 preußenweit verbindlich eingeführt. Nur dass es heute nicht der Adel ist, der schichtblinde Leistungsstandards als Zumutung empfindet, sondern die Eltern aus der Chefetage und ihre dienstfertigen Lehrer.
Es ist diese Mischung aus pädagogischen Heilsversprechen und der Bereitschaft zur Verlogenheit, wenn es ernst wird, an der die hiesige Bildungsdebatte schwer trägt. Die Schule wird technokratisch umklammert, ideologisch überfrachtet, erziehungsfremd funktionalisiert. Nach Inhalten fragt niemand, nur Strukturen und ungleiche Zahlen werden diskutiert. Dafür ist es symptomatisch, wenn im Zentrum der Debatte jetzt ein OECD-Statistiker steht, der nichts vom Unterricht weiß, aber sich dafür vorstellen kann, dass Schulen ganze Unterschichten zum Verschwinden bringen. Und zwar ganz gleich, wie diese Schichten zusammengesetzt sind. Karl Marx hätte vermutlich gelacht, und zwar über beide: die pädagogischen Sprachrohre der Ober- wie der Unterschicht und ihr geheimes Bündnis gegen die Leistung.
Text: F.A.Z., 05.12.2007, Nr. 283 / Seite 37
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