Friedenspreis an Anselm Kiefer

Werk als Schauplatz

Von Lorenz Jäger

Arbeit an der kollektiven Erinnerung: Anselm Kiefer

Arbeit an der kollektiven Erinnerung: Anselm Kiefer

04. Juni 2008 Diese Entscheidung des Stiftungsrats ist kühn. Aber je mehr man über sie nachdenkt, desto plausibler wird sie. Denn Anselm Kiefers Beziehung zum Frieden ist keine plakative, sie besteht nicht in einer ostentativen und in schlichten Worten geäußerten Distanzierung von der kriegerischen Vergangenheit; Völkerverständigungsrhetorik ist von ihm nicht zu erwarten. Würde er diesem öffentlichen Begehren nämlich nachgeben, dann wäre er als Künstler gescheitert.

Die moralischen Gebote von Frieden und Gerechtigkeit bedeuten also für Kiefer nicht, dass er in seinem Werk eine pazifistische Vorentscheidung getroffen hätte. Vielmehr hat er dieses Werk zum Austragungsort, zum Schauplatz der historischen, wohl auch der überhistorischen, metaphysischen Stoffe gemacht, und noch die kontaminiertesten sind darin eingeschlossen. Gemalte Holzdachböden etwa, in denen im naiven Duktus eines Kindes die „Deutschen Geisteshelden“ verzeichnet sind. Künstlerische Aktionen mit dem Hitlergruß, Ende der sechziger Jahre.

Mythen und Runen

Später: Mythenbeschwörungen, Nibelungisches und Hermannsschlacht, Runen. Und schließlich, vielleicht vom Genius Loci der Provence (Kiefers Wohnort über lange Jahre) herausgefordert, die Beschäftigung mit der Kabbala, der jüdischen Geheimlehre, die in der Provence des Mittelalters ihre hohe Blüte erlebt hatte. In die Malerei drängen sich so unvermittelt wie die Mythen die Materialien und Spuren: angesengtes Stroh, Blei. Vorhergegangen waren Formen der Aktionskunst, „Besetzungen“ genannt, die, wie das „Unternehmen Seelöwe“, den Zweiten Weltkrieg zum Gegenstand hatten.

Gegenüber der Zeitung „Le Monde“ hat Kiefer einmal von den Linien und Strahlungen gesprochen, die er sichtbar machen wolle: die historischen, die geologisch-erdgeschichtlichen und die astralen, die von den Sternen kommen. Für ihn, der am 8. März 1945 in Donaueschingen geboren wurde, kreuzten sie sich zunächst in den Ruinen seiner Heimat. Und so hat es auch der Stiftungsrat formuliert, wenn er von Kiefer sagt, er habe „seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert“.

Ein lesender Künstler

Kiefer ist in hohem Maß ein lesender Künstler. Ohne die Lektürespuren der Philosophen, etwa Heideggers, und der Dichter wie Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist sein Werk nicht zu denken. Damit sind aber seine Verbindungen zur Welt des Buches noch keineswegs erschöpft. Kiefer, so der Stiftungsrat, habe „das Buch selbst, die Form des Buches, zu einem entscheidenden Ausdrucksträger gemacht. Gegen den Defätismus, der Buch und Lesen eine Zukunft abzusprechen wagt, erscheinen seine monumentalen Folianten aus Blei als Schutzschilde.“

Blei hat unter den Metallen, die schon den Alten bekannt waren, das höchste spezifische Gewicht. Kratzt man daran, so zeigt es einen bleichen Glanz, der aber sofort wieder oxidiert und sich mit einer unansehnlichen Haut überzieht. Der Mythos vom Saturn und vom melancholischen Künstler ist zu einem neuen, unmittelbaren Leben erweckt; und wenn es einen Gott gibt, dem Kiefer traut, dann wird es dieser entthronte sein, der nur mehr die Vergangenheit beherrschende und bebrütende Saturn. Und so heißt es wiederum in der Begründung des Stiftungsrats für die Auszeichnung: Im Zentrum stehe bei Kiefer „eine von Vergangenheit zerfressene, zerstörte Gegenwart, die mit äußerst verknappter Rhetorik, mit Sprachlosigkeit präsentiert wird“.

Kiefer galt der internationalen Kritik von Beginn an als spezifisch „deutscher“ Künstler, darunter verstand man einen, der die tiefsten Gedanken in einem monumentalen Werk versammeln will. Erinnerungen an Wagner stellten sich ein, auch an Stockhausen und Beuys - dessen Schüler Anselm Kiefer war. Just das, wovor seine Generation fliehen wollte, machte Anselm Kiefer zu seiner Sache. Erfreulich, dass eine so hochangesehene Auszeichnung wie der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die Risikobereitschaft aufbringt, ein Werk zu ehren, das nicht schon von vornherein einen erwartbaren Diskursbetrieb bedient. Der Überdruss an dieser Maschine muss sich sehr verstärkt haben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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