Gesellschaft

Frau überholt rechts

Von Christian Schwägerl

07. Juni 2006 Noch können sich Frauen, geht es um ihre Rolle in der Gesellschaft, Wehleidigkeit erlauben. Wer älter als dreißig Jahre alt ist, dem wurde der Opfergestus förmlich eingeimpft. Inzwischen müssen sich die dafür verantwortlichen Feministinnen aber um die Zukunft ihrer Ideologie sorgen. Das zeigt die Dankbarkeit, mit der sie jeden Nachhall einer Zeit zum Skandal machen, in der die Rollen des Mannes als Alleinernährer und der Frau als Erzieherin und Haushälterin als naturgegeben galten.

Daß neuerdings über eine „Rückkehr des Patriarchats“ phantasiert wird oder daß ein CSU-Politiker die Elternzeit von Männern als „Wickelvolontariat“ bezeichnet, so, als würden die meisten jungen Väter von heute sich nicht von Anfang an um ihre Babys kümmern - solche Äußerungen erregen Feministinnen, weil sie ihre Reflexe und eingeübten Geschlechterfeindbilder bedienen.

Die Jüngeren fühlen sich nicht mehr als Opfer

In der Zielgruppe aber schwindet das Verständnis dafür: Jungen Frauen von heute fällt es zunehmend schwer, sich als Opfer zu empfinden. Auch wenn sie im Alltag noch die Widersprüche einer Gesellschaft erleben, die Gleichberechtigung predigt, aber nur neun Prozent Professorinnen vorweisen kann, in der Kinder herbeigesehnt, aber zu lange die Bedürfnisse moderner Mütter vernachlässigt wurden, leben sie in der Gewißheit, daß das Leben sich zu ihren Gunsten verändern wird.

Schon jetzt wetteifern Politiker darum, Hürden zu beseitigen, die es Frauen schwermachen, gleichzeitig für Familie und Beruf Verantwortung zu tragen. Das ist aber nur die eine Seite der Zukunft. Als nächstes werden die Personalchefs wetteifern. Ein gigantisches Frauenbeförderungsprogramm steht bevor, weil auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die Frau als das stärkere Geschlecht dastehen wird. Das Jahr 2010 markiert den Zeitpunkt, zu dem in Deutschland ein Umbruch der demographischen und ökonomischen Verhältnisse anläuft, der tradierte Geschlechterfrontverläufe heillos verwirren wird.

Ein neuer Siegertypus entsteht

Dann beginnt die Zeit, in der es nicht mehr zu viele junge Leute gibt, die in den Arbeitsmarkt drängen, sondern viel zu wenige. Junge Frauen werden dabei eine besondere Rolle spielen. Ein neuer Siegertypus ist im Entstehen begriffen. In jeder Fünfjahresperiode bis 2025 werden eine Million Deutsche mehr in Rente gehen, als Fünfzehn- bis Neunzehnjährige nachrücken. Unternehmen, Behörden, Forschungsstätten sind dann mit einem dramatischen Mangel konfrontiert. Bis 2050 wird das „Erwerbspotential“ dem Bundesinstitut für Berufsbildung zufolge um mehr als elf Millionen Menschen schrumpfen.

Wer diese Zahl mit der Arbeitslosigkeit verrechnet und auf goldene Zeiten setzt, irrt: Gesucht werden Qualifizierte. Der arbeitslose Fabrikarbeiter taugt nicht zum Biotechlaboranten und ein Zuwanderer ohne Deutschkenntnisse nicht zum Kundenbetreuer. Die Wohlstandsproduzenten sind auf nichts so sehr angewiesen wie auf Fachkräfte. Drei „stille strategische Reserven“ haben sie angesichts schrumpfender Jahrgänge ausfindig gemacht: Einwanderer, Ältere und Frauen. Doch die „Green Card“ hat kaum IT-Inder nach Deutschland gelockt, immense Summen sind nötig, um Bildungsdefizite der vorhandenen Einwandererkinder abzubauen. Daß die Erfahrung Älterer nicht länger durch Frühpensionierung entsorgt werden darf, hat sich herumgesprochen, doch fallen Investitionen in ihre Weiterbildung an. Bleiben die Frauen.

Bildung, Energie und Motivation

Sie werden auf dem Arbeitsmarkt begehrt sein, weil sie in großer Zahl Bildung, Energie und Motivation frei Haus mitbringen. Darin unterscheiden sie sich zugleich in wachsendem Maß vom anderen Geschlecht. Derzeit arbeitet knapp die Hälfte der Frauen zwischen fünfzehn und vierundsechzig Jahren Vollzeit, summiert man Teilzeitjobs zu „Vollzeitäquivalenten“. Im Gegensatz dazu sind einundsiebzig Prozent der Männer erwerbstätig. Dieser Status quo verbirgt indes die Qualifikationskrise der Männerwelt. Die Erwerbsquote der Männer ist seit Jahren in einem derartig steilen Sinkflug, daß das Schweigen über das eigene Geschlecht als männertypische Reaktion nicht mehr ausreicht.

„Während das Bildungsniveau von Männern stagniert, steigt es bei Frauen weiter“, schreibt das Berliner Familienministerium. Im demographischen Umbruch wird sichtbar, was bisher durch männliche Rituale im Wirtschaftsleben und prämoderne Zustände in der Kinderbetreuung nur maskiert wurde. Seit Frauen sich an Schulen und Universitäten entfalten können, ist ihr Aufstieg phänomenal. Anfang der sechziger Jahre waren sechzig Prozent der Gymnasiasten Jungen und vierzig Prozent Mädchen. Heute haben sich die Verhältnisse beinahe umgekehrt. 2004 besuchten vierzig Prozent der siebzehn- bis achtzehnjährigen Mädchen die gymnasiale Oberstufe, aber nur dreißig Prozent der Jungen. An den Hauptschulen ist der Jungenanteil auf siebenundfünfzig Prozent gewachsen. Besonders in Ostdeutschland ist die Mehrzahl der Schulabbrecher männlich.

Frauen studieren zielstrebiger

Im Pisa-Test lagen Mädchen zwar in Mathematik hinter Jungen zurück, doch ihr Vorsprung bei der Lesekompetenz war mehr als doppelt so groß. Die Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften fielen nur noch marginal aus. Frauen stellen inzwischen die Hälfte der Studierenden und Absolventen an deutschen Hochschulen. Eine Umfrage der TU Darmstadt unter mehreren tausend Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen hat ergeben, daß Frauen zielstrebiger studieren und häufiger Auslandssemester einlegen.

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, daß „junge Frauen künftig weiter aufholen, denn sie haben die Bildungsdefizite in den letzten Jahrzehnten nicht nur verringert, sondern die jungen Männer in weiten Bereichen der allgemeinen wie beruflichen Bildung bereits überholt“. Der Frauenanteil an den Fachkräften werde „deutlich ansteigen“.

Beherzteres Zugreifen

Frauen ergreifen im Durchschnitt beherzter neue Chancen als junge Männer: So sind aus Ostdeutschland seit Beginn der Wirtschaftsflaute deutlich mehr Frauen in die starken Wirtschaftsregionen des Westens abgewandert. Zugute kommt Frauen auch, daß sie den Dienstleistungssektor dominieren, neben der Technologiebranche das zweite gegen Globalisierung resistente Feld, dem der Aufstieg Indiens und Chinas wenig anhaben kann. Ausbildungsstatistiker verzeichnen einen deutlichen Trend: Gerade jene Ausbildungen in höherwertigen Dienstleistungsberufen, für die junge Frauen sich häufiger als junge Männer entscheiden, erhöhen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Nun kann man einwenden, daß der größte Fleiß und die besten Noten nichts helfen, wenn andere Qualitäten fehlen, die Männer sich zurechnen: Biß, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer. Wo sich der Arbeitsmarkt der Zukunft konturiert, stehen inzwischen aber Männer als das schwächere Geschlecht da. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen wuchs zwischen 1991 und 2004 um rund 1,1 Millionen, während die Zahl der erwerbstätigen Männer um rund 1,4 Millionen sank.

Die einfachen Jobs verschwinden

Seit 1991 sind in Industrie, Bergbau, Baugewerbe und anderswo zweieinhalb Millionen einfache Jobs verschwunden. Betroffen davon sind hauptsächlich Männer. In derselben Zeit entstanden 1,5 Millionen neue Stellen für Akademiker. Knapp sechzig Prozent dieser neuen Stellen haben Frauen eingenommen. Die Zahl berufstätiger Akademikerinnen ist seit 1991 um siebzig Prozent gewachsen, der Zuwachs bei Männern betrug dreiundzwanzig Prozent.

Schon diskutieren die Fachkreise, ob Frauen Männer mittelfristig aus dem Arbeitsmarkt verdrängen. Vorerst wird eine derart radikale Vorstellung verneint. Aus mehreren Gründen: Obwohl ihnen der Vormarsch in Männerdomänen wie Jura, Betriebswirtschaft und Medizin längst glückt, meiden Frauen noch innovative Wachstumsbranchen. In Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik stagniert der weibliche Anteil an Studierenden bei rund einem Drittel, und nur jeder fünfte Nachwuchsingenieur ist eine Frau.

Untätige Familienväter

Zum anderen beginnt der Umbruch erst im Jahr 2010, die wirklich radikale Phase des Bewußtseinswandels steht noch aus. So wird manch frischgebackene Mutter vom Personalchef behandelt, als wäre sie nach einem Unfall behindert. Betreuungsangebote, die mehr als Halbtagsarbeit erlauben, fallen im Westen so marginal aus, als würden Kleinkinder beim Spielen mit anderen Schaden nehmen. Und zu viele Männer geben durch Untätigkeit im Familienalltag zu verstehen, daß sie mehr Geld nach Hause bringen als ihre Partnerinnen, was wiederum deren Leistung am Arbeitsplatz mindert.

Es sind aber nur vier Jahre bis zur Umkehr der demographischen Verhältnisse. Die Nachfrage nach qualifizierten Frauen dürfte dann sukzessive jene „gläserne Decke“ durchlöchern, die bislang ihre Laufbahnen hemmte. Unternehmer werden lieber künftige Mütter einstellen, als ihre Bilanzen durch Fachkräftemangel zu ruinieren. Personaljäger werden nicht nur schicke Dienstautos zusagen, sondern Plätze in pädagogisch exzellenten Kindergärten.

Ihnen wird die Welt zu Füßen liegen

Und die Männer? Sie werden sich nicht mehr dadurch definieren können, daß ihre Partnerinnen finanziell abhängig sind und daß Frauen am Arbeitsplatz keine Konkurrenz darstellen. Ob nun genau das eine Krise der Männlichkeit bedeutet, ob weibliche Gleichrangigkeit oder berufliche Überlegenheit sich mit der männlichen Psyche nicht verträgt, werden sie herausfinden müssen. Daß es aber längst eine Krise der Männlichkeit gibt, legen die Zahlen der Bildungsstatistik ebenso nahe wie die Tatsache, daß der Kinderwunsch von Männern wesentlich stärker gesunken ist als der von Frauen.

Der Umbruch wird am heftigsten die Frauen selbst treffen. Ihnen wird die Welt zu Füßen liegen, aber sie werden zugleich ganz neue Erfahrungen machen: Es ist nicht schöner, von einer Chefin zusammengefaltet zu werden. Für ausbleibenden Aufstieg steht die Ausrede von der Benachteiligung der Frau nicht länger zur Verfügung. Und vorbei sind die Zeiten, in denen man auch wieder aufhören kann mit der Arbeit, weil ja der Mann da ist.



Text: F.A.Z., 07.06.2006, Nr. 130 / Seite 35
Bildmaterial: rem/Cinetext

 
 
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