Von Dietmar Dath
08. November 2005 Wenn ich könnte, erklärte Bill Richardson, der Gouverneur des Staates New Mexico, als man ihn fragte, wie er die Grenzstädte befrieden wolle, in denen seine Sicherheitskräfte gerade von Mord und Totschlag übermannt wurden, würde ich sie dem Erdboden gleichmachen.
Das war lange nach Los Angeles 1992, aber kurz vor New Orleans und Paris - eine Wegmarke auf der Reise ins globale gangland; eine Station bloß, wie die Erklärung des Ausnahmezustands in der unter Richardsons Zugriff gestellten Grenzregion zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten am Freitag, dem 12. August des laufenden Jahres; wie die Blutenden am spanischen Zaun von Ceuta; wie die mit Sprengstoff Ermordeten von London.
Je nachdem, wie nahe dergleichen den Wohnbezirken westlich-nördlicher Verwaltungs- und Medienkommandeure rückt, handelt es sich bei den Leuten, die dies anzetteln, um tragische Gestalten, die Ärmsten der Armen - so schreibt und redet man hier, wenn sie noch an der Grenze abgefangen und interniert oder zurückgeschickt werden können - oder aber Ganoven und Abschaum, la racaille - so deutlich darf der Minister Nicolas Sarkozy werden, wenn nahe der Hauptstadt die Brandbeschleuniger spritzen.
Das Pack und die Kanaille
Die Bestie, der Abschaum: das war seit dem späten achtzehnten Jahrhundert in Frankreich und allen an dessen Vorbild orientierten bürgerlichen Republiken vor allem derjenige Teil der Sozietät, der handgreiflich die sogenannte soziale Frage stellte - womit alles gemeint war, was mit Produktion, Verteilung und Verbrauch des durch die moderne Industrie geschaffenen gesamtgesellschaftlichen Reichtums zu tun hatte. Der tobende Mob mußte sich bis zum Untergang des real existierenden Sozialismus nirgendwo auf der Welt wehrlos als Pöbel und Schlimmeres beleidigen lassen, denn solange es eine Systemkonkurrenz gab, erwiderten linke Schreibtischgeneräle diese Beleidigungen. Das Lumpenproletariat ist also Pack? Nein, spuckte Marx zurück, es wird jetzt vielmehr aufgeräumt mit der bürgerlichen Kanaille.
Beide, die schmutzige Revolution und die saubere Bourgeoisie, hielten einander für das Allerletzte - die Sache war symmetrisch, weil sie sich je selbst als Parteien verstanden, die einen universalen Geltungsanspruch für ihre jeweilige Idee von Vergesellschaftung erhoben, der nach der Entscheidung der Machtfrage abgegolten werden sollte. Was heute an Richardsons Grenze und in Blanc-Mesnil geschieht, hätte jene Linke als brodelnden Sumpf des Blanquismus (Lenin), will sagen als perspektivlosen Wahnsinn wahrgenommen.
Rache und Respekt
Es geht den weltweiten Vorstadtverwüstern nämlich nicht mehr um andere Republiken, sondern überall um etwas fast beliebig Verschiedenes und doch allerwege um dasselbe: Die Leute in Watts, Los Angeles und New Orleans nehmen subjektiv Rache für weißen Rassismus, die mexikanischen Migranten fordern Teilhabe am american dream, die jungen Intifada-Palästinenser - auch Israel ist ein Wohlstandsland - wollen den eigenen Staat, die in Paris Wütenden einfach Respekt. Weil der alteingesessene Spießer, der Osama aus dem Fernsehen kennt, dabei anfängt, zu zittern, preisen die Jugendlichen vor Paris außerdem Allah. Anderswo, von Norwegen bis Deutschland, malt man zum selben Zweck Hakenkreuze an Kirchen.
Gemeinsam sind den Furien die miesen Erwerbsaussichten. Warum soll sich darauf nicht jeder ethnische oder religiöse Zufallshaufen seinen eigenen ideologischen Reim machen? Schließlich wurden auch große Handelskriege um Einflußzonen der Vergangenheit als Religions- und Kulturkämpfe geführt.
Keine Festung Europa
Es geht um etwas, das verniedlichend Integrationsproblem genannt wird. Der Glaube, man könne dem mit Feinabstimmungen zwischen ius solis und ius sanguinis und anderen staatsbürgerlichen Freischwimmerzeugnissen zu Leibe rücken, verwechselt die Rechtsformen der bürgerlichen Vergesellschaftung mit deren Inhalt. Ein Bürger ist zuerst Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Aktien- oder Grundbesitzer, erst dann Franzose oder Israeli. Sobald die so gezogenen sozialen Grenzen innerstaatlich zu territorialen werden, entstehen auf der einen Seite Slums und auf der anderen gated communities, geschützte Wohnviertel der Wohlhabenden. Bis die sich herausgebildet haben und sicherheitspolitisch ordentlich parzelliert sind, brennen Barrikaden. Das Ergebnis aber ist nichts Dämonisches, keine Festung Europa oder sonst ein Fantasy-Kitsch, sondern das Ensemble ganz normaler nordamerikanischer Verhältnisse. Als Ökonomen wie Joseph Schumpeter die Innovationskrise entdeckten, nämlich die Tatsache, daß alles, was die Produktivität erhöht, auch Kosten schafft, nämlich die zur Abfindung überflüssig gewordener Arbeitskräfte, dachten sie nicht gleich daran, daß zu diesen Modernisierungskosten zunehmend solche für Polizei, Miliz und Gefängnis gehören würden.
Im Krieg der modischen Ethnien gibt es keine Sieger außer dem Prinzip der Bande: Als die Asylbewerber aus Hoyerswerda fortgeschafft waren, gingen die rechten Jugendlichen auf jene Alten los, die ihnen eben noch applaudiert hatten. Das erste, was Skinheadbanden von Berlin bis Duisburg organisieren, wenn sie eine national befreite Zone erobert haben, ist der Drogenhandel. Medien, die solchen Banden suggerieren, sie hätten politisch realisierbare Forderungen - Ausländer raus, Mehr Respekt -, schaffen damit einen Zyklus von Aufbegehren und Erschlaffung in den Elendsgürteln (Elend muß nicht schmutzig sein, aussichtslos verhängte Tristesse genügt).
Man wütet, nichts bessert sich, also läßt es nach. Dann ergibt sich irgendein neuer Anlaß, man wütet wieder und so fort. So lernt auch der sogenannte Abschaum, was Konjunktur bedeutet. Wenn eine Gesellschaft, die so hochindustrialisiert ist wie die hiesige, keine andere Form des Gesellschaftszusammenhangs erfinden kann als die Lohnarbeit, muß sie mit solchen Zyklen leben. Erst wenn der letzte Mülleimer abgefackelt ist, wird die Volkswirtschaftslehre begreifen, daß man überzählige Lohndrücker nicht wegschmeißen kann.
Text: F.A.Z., 09.11.2005, Nr. 261 / Seite 39
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