Italien bangt

Padre Pio - ein Säurenheiliger?

Von Dirk Schümer, Venedig

Säure im Spiel? Die Wunden des Padro Pio

Säure im Spiel? Die Wunden des Padro Pio

25. Oktober 2007 Eine Mehrheit der Italiener hält keineswegs Jesus für die wichtigste Figur des Christentums. Seine Mutter Maria liegt in einer Umfrage noch vor dem Religionsstifter; doch unangefochten an Platz eins sonnt sich der frische Heilige Padre Pio in der großen Verehrung seiner Landsleute. Dieser süditalienische Kapuzinerpater wurde direkt nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Kloster zu San Giovanni Rotondo in Apulien als „lebender Heiliger“ verehrt, weil er an den Händen Stigmata vorweisen konnte, die blutenden Wunden des Gekreuzigten, und deswegen meist kleidsame Handschuhe trug. Sogar die praktische Gabe der Bilokation - also die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu wirken - wurde ihm zu Lebzeiten nachgesagt. Auch nach Padre Pios Tod 1968 ging die beispiellose Heiligengeschichte weiter: Papst Johannes Paul II., dem er 1947 eine glänzende kirchliche Karriere vorhergesagt hatte, ließ den bärtigen Heiler 2002 heiligsprechen. San Giovanni Rotondo ist ebenso wie Padre Pios Geburtsort Pietrelcina bei Benevent längst zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der Christenheit geworden.

Wenn der Historiker Sergio Luzzatto, der in Turin Neuere Geschichte lehrt, sich nun mit dem Heiligenkult um Padre Pio in einem Buch kritisch auseinandersetzt, dann ist im katholischen Italien die Polemik vorhersehbar. In dieser Woche erscheint bei Einaudi das dreihundertseitige Werk mit dem vielsagenden Untertitel „Wunder und Politik im Italien des zwanzigsten Jahrhunderts“. Luzzatto unterzieht dabei den mysteriösen Werdegang von Padre Pios Kult einer akribischen, quellenkritischen Lektüre. Mit einem Vorabdruck eröffnete der liberale „Corriere della Sera“, der regelmäßig auch katholischen Intellektuellen breiten Raum gibt, bereits die Debatte.

Die Giftbestellung ruht im Vatikan

Karosse eines stilbewussten Heiligen

Karosse eines stilbewussten Heiligen

Luzzatto, der sich mit Studien über den Personenkult des Duce und den einbalsamierten Körper des Risorgimento-Vordenkers Mazzini einen Namen als unkonventioneller Historiker moderner politischer Mythen gemacht hat, fixiert den Blick auf die Anfangsgeschichte des stigmatisierten Mönches. Um 1920 gab es bereits die regionale Verehrung Padre Pios, doch kann Luzzatto aus der kirchlichen Hierarchie, ja sogar aus dem Kapuzinerorden selbst kritische Kommentare zitieren, die Padre Pio - sein bürgerlicher Name lautet Francesco Forgione - als „fanatisch“ qualifizieren und sein Betragen an der Grenze zur Psychose einordnen.

Besondern beunruhigend für die Hierarchie bis Rom wurde das Zeugnis eines Apothekers aus der Provinzhauptstadt Foggia: Dottore Valentini Vista. Der respektable Mann sah sich als frommen Anhänger Pios und geriet durch die Pilgerfahrt einer Kusine, die ebenfalls eine Apotheke betrieb, in spirituellen Kontakt mit dem „lebenden Heiligen“. Der Apotheker wurde misstrauisch, als Pio sich über die Kusine direkt an ihn wandte und nach einem Fläschchen Karbolsäure fragte, vorgeblich zur Wundsterilisation bei jungen Mitbrüdern. Als Padre Pio - über Mittelsleute und unter Bitte um höchste Geheimhaltung - später noch eine vielfach tödliche Menge des Nervengiftes Veratrin bei ihm bestellte, verweigerte Vista die Lieferung und informierte seinen Bischof. Der meldete den Verdacht - samt der schriftlichen Gift-Bestellung Padre Pios, die noch heute in den Vatikanischen Archiven ruht - ergebnislos nach Rom weiter.

Der Gestank der Schwindelei

Luzzatto sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den blutenden und aufwendig verbundenen Stigmata Padre Pios und seiner Vorliebe für ätzende Flüssigkeiten. Mit Karbolsäure, das wusste auch der Apotheker Valentini Vista, kann man sich durchaus dauerhafte Wunden zufügen. Veratrin hingegen fand einst als muskellähmendes Insektengift, vorzugsweise gegen Läuse, Verwendung, wird von der Pharmazie aber auch als „äußerlich wirkendes Reizmittel“, das gegen Schmerz unempfindlich macht, beschrieben. Was der werdende Heilige mit einer Riesenmenge dieser Substanz anfangen wollte, mochte sich der katholische Apotheker offenbar lieber nicht vorstellen. Dazu kommt die naheliegende Frage, warum sich Padre Pio die obskuren Stoffe aus dem fernen Foggia umständlich, heimlich und illegal besorgen wollte, statt schlicht den Arzt seines Klosters um ein Rezept zu bitten. Luzzatto sieht die Sache durchaus ironisch: „Statt Veilchenduft, dem Aroma der Heiligkeit, scheint sich von der Zelle des Heiligen die Ausdünstung von Säure und Gift, der Gestank der Schwindelei, verbreitet zu haben.“

Nicht so sehr eine Attacke auf die blühende Heiligenverehrung als eine Darstellung der italienischen Gesellschaft, die - auch beim Kommunismus und Faschismus - bis heute tief vom Heiligenglauben und vom Körperkult durchtränkt ist, dürfte die Absicht des Historikers sein. Wie säkularisiert ist ein Italien, das - wie der Publizist Curzio Maltese jetzt beklagte - staatlicherseits eine Milliarde Euro jährlich für den fakultativen, doch ohne Alternative angebotenen Religionsunterricht an die katholische Kirche ausschüttet? Von einer echten Trennung von Staat und Kirche könne keine Rede sein, während im ebenfalls stark katholisch geprägten Spanien dieser Schnitt täglich zum Thema der Politik werde. In Italien breche die rechtlich heikle Großzügigkeit der linken Regierung zugunsten Katholizismus sogar noch die Rekorde aus der Berlusconi-Zeit.

Hang zur Säure

Der Verfassungsjurist Sergio Lariccia geht in der „Repubblica“ so weit, dem italienischen Staat seine laizistische Unparteilichkeit in Religionsfragen abzusprechen: „Die katholische Konfession ist bei uns gleicher als die anderen.“ Die zahlreichen, von linken wie rechten Regierungen immer weiter ausgebauten Privilegien für den Katholizismus verletzten nicht nur die italienische Verfassung, sondern sogar das Konkordat, welches Mussolini 1929 mit dem Kirchenstaat ausgehandelt hatte und das mit geringen Korrekturen heute noch Gültigkeit hat.

Dass die katholische Hierarchie, die Padre Pio als größtes Zugpferd ihrer Konfession in Italien und darüber hinaus zu schätzen lernte, wegen Luzzattos Funden dem chemisch begabten Pater die Ehren der Altäre absprechen wird, ist nicht zu erwarten. Erst 2004 wurde in San Giovanni Rotondo die riesige, von Renzo Piano entworfene Wallfahrtskirche eingeweiht. Die Geschäfte entwickelten sich so gut, dass Rom einen Supervisor ins schwerreiche Kapuzinerkloster von San Giovanni Rotondo entsenden musste. Dass ein Heiliger, der so viel bewirkt, in den Augen der Geschichte als masochistischer Zauberkünstler mit einem Hang zur ätzenden Säure dasteht - diese Version dürfte nicht unwidersprochen bleiben.

Man muss also auf die Gegenattacken des Vatikans und der agilen katholischen Politiker gespannt sein. Auch im Fernseh- und Radiosender, der sehr erfolgreich im Namen Padre Pios Italiens Äther erfüllt, keimt die Aufregung. Doch wie es sich für echte Heilige gehört, kommt Padre Pio sowieso erst nach seinem Tod, der alle juristischen Nachforschungen erschwert, so richtig in Fahrt. Derzeit steht im Internet der luxuriöse Mercedes-Oldtimer des stilbewussten Heiligen zur Auktion. Mit mindestens einer Million Euro Ertrag ist zu rechnen.

Text: F.A.Z., 26.10.2007, Nr. 249 / Seite 33
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche