Von Nils Minkmar
09. September 2006 In seinem bemerkenswerten neuen Buch ,Fragilité, berichtet der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière von einem Besuch in seiner alten Dorfkirche im Süden Frankreichs: Ein Samstag im Juli. Achtzehn Personen besuchen die Messe fünfzehn ältere Damen und drei Männer. Das Dorf hat fünfhundert Einwohner.
Der Priester ist Spanier. Mit einem Kollegen betreut er dreißig Dörfer, die Messe findet in Carrières Heimatdorf nur noch einmal im Monat statt. Sechzig Jahre zuvor hatte jedes Dorf seinen eigenen Pastor. Und er schreibt: Was man auch sagen mag, die christliche Religion stirbt - jedenfalls in ihrer populären Form. Bald wird davon nur noch Theologie übrig sein, ein Moment in der Glaubensgeschichte. Aus unserem großen leeren Haus, in dem nachts widrige Winde wehen, sind selbst die Gespenster entflohen.
Der Papst ist Kult
Was tritt an die Stelle des Christentums im Leben der Menschen? Carrière weist auf die zunehmende Zahl der Sekten hin: Viertausend sind es weltweit, und jede verteidigt ihre Wahrheit mit Zähnen und Klauen. Auch die kaum noch zu überschauende Zahl von Yoga- und Zen- und Spiritismus-Läden wäre hier zu berücksichtigen. Carrière resümiert: Die großen Kaufhäuser stehen am Rande der Krise, die kleinen Boutiquen müssen Kundschaft abweisen.
Wenn der Papst kommt, ist natürlich alles anders. Der Bayerische Rundfunk überschlägt sich, in launigen Fernsehbeiträgen werden Merchandising-Artikel gezeigt, sogar ein Tragerl aus urigem Holz mit sechs Flaschen Papst-Bier. Es erinnert an die Meister-Nußecken, die zur großen Zeit von Guildo Horn zu haben waren. Der Papst ist Kult, aber das hat mit jener Volksfrömmigkeit, die das Abendland jahrhundertelang prägte, nichts mehr zu tun.
Feiern, was das Zeug hält
Niemand hält einen Blitzableiter für Blasphemie. Niemand tröstet einen Kranken oder Unglücklichen mit dem Hinweis auf eine Ewigkeit im Paradies. Die Sorge um das eigene Seelenheil bereitet nur noch einer verschwindenden Minderheit schlaflose Nächte. Und wenn jemand Stimmen hört, geht man allgemein von einer psychischen Erkrankung aus statt von einer Besessenheit.
Der vom Jenseitsbezug abgekoppelte moralische Kern des Christentums ist in ein großes Ganzes eingeflossen, das so oft zitierte jüdisch-christliche Menschenbild oder christlich-humanistische Erbe, welches wiederum, wenn man danach fragt, zu einer Kurzformel des kategorischen Imperativs zusammenschnurrt. Zwar sind transzendente Verweise und Erklärungen alltäglich - Horoskope, der Spruch Es gibt keinen Zufall, der Glauben an früheres Leben et cetera -, aber nicht christlich. Das Hier und Jetzt, das Selbst, Freunde und Familie und ansonsten die Wissenschaft bergen alle Wünsche. Darum sind alle immerzu feierbereit: Nichts verpassen, feiern, was das Zeug hält. Wieso nicht auch den Papst?
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006
Bildmaterial: dpa