Von Lasantha Wickrematunge
15. Januar 2009 Kein Beruf verlangt von einem, dass man sein Leben für ihn lässt. Das tut nur die Armee und, in Sri Lanka, der Journalismus. Im Lauf der letzten Jahre sind die unabhängigen Medien des Landes immer stärker unter Beschuss geraten. Medienhäuser sind angegriffen worden: angezündet, bombardiert, abgesperrt, genötigt. Unzählige Journalisten sind drangsaliert, bedroht und getötet worden. Mir war es eine Ehre, in diese Kategorien zu passen – und nun vor allem zur letzteren.
Ich bin schon lange im Journalismus. 2009 wird The Sunday Leader“ fünfzehn Jahre alt. Vieles hat sich in diesen fünfzehn Jahren verändert in Sri Lanka, und ich muss nicht eigens betonen, dass der größere Teil dieser Veränderungen zum Schlechten war. Wir befinden uns in einem Bürgerkrieg, der brutal und rücksichtslos von Leuten geführt wird, deren Blutdurst keine Grenzen kennt. Terror, ob von Terroristen oder vom Staat ausgehend, ist Teil unseres Alltags. Mehr noch: Das Morden ist zum Hauptwerkzeug geworden, mit dem der Staat versucht, die Organe der Freiheit zu überwachen. Heute sind es die Journalisten, morgen werden es die Richter sein.
Ist das Risiko die Sache überhaupt wert?
Warum gehen wir dann überhaupt dieser Arbeit nach? Das frage ich mich oft. Immerhin bin ich auch ein Ehemann und Vater dreier wundervoller Kinder. Ich habe Verantwortung und Verpflichtungen, die über meinen Beruf hinausgehen. Ist das Risiko, das ich eingehe, die Sache überhaupt wert? Viele sagen mir, dass es das nicht ist. Freunde raten mir, Anwalt zu werden, und das verspricht einem, weiß Gott, einen besseren Lebensunterhalt. Andere wiederum, darunter Politiker beider Seiten, haben immer wieder versucht, mich in die Politik zu ziehen, und gingen sogar so weit, dass sie mir ein Ministerium meiner Wahl anboten. Diplomaten, die das Risiko, dem Journalisten in Sri Lanka ausgesetzt sind, verstehen, haben mir Bleiberecht in ihren Ländern versprochen. Weswegen auch immer ich in Sri Lanka geblieben bin, nicht weil ich keine andere Wahl gehabt hätte.
Es gibt aber eine besondere Art von Berufung, die hohe Würden, Ruhm, Glanz und Sicherheit noch weit übertrifft. Das ist der Ruf des Gewissens.
Die Zeitung The Sunday Leader“ war schon immer ein kontroverses Blatt, eben weil wir sagen, wie wir die Dinge sehen: Egal, um was es geht, ob um einen Dieb oder um einen Mörder, wir nennen ihn beim Namen. Wir verstecken uns nicht hinter beschönigenden Beschreibungen. Investigative Artikel, die wir drucken, sind immer von klaren Indizien und Fakten gedeckt, was wir nicht zuletzt Bürgern zu verdanken haben, die ihr Leben riskieren. Wir haben Skandal um Skandal aufgedeckt. Nicht ein Mal in fünfzehn Jahren hat uns jemand strafrechtlich verfolgen und der Unwahrheit überführen können.
Der größte Stachel in ihrem Fleisch
Viele vermuten, der Sunday Leader“ habe eine politische Agenda: Aber das stimmt nicht. Wenn wir der Regierung kritischer gegenüberstehen als der Opposition, dann nur, weil es andersherum wenig Sinn hätte. Denken Sie daran, dass wir in den wenigen Jahren unseres Bestehens, in denen die UNP an der Macht war, der größte Stachel in ihrem Fleisch waren, indem wir Maßlosigkeit und Korruption offengelegt haben, wo immer sie auftauchten. Und natürlich haben die beschämenden Dinge, die wir offenbart haben, den Niedergang dieser Regierung befördert.
Es ist bekannt, dass ich zweimal brutal überfallen wurde, mein Haus wurde mit Maschinengewehren beschossen. Trotz der scheinheiligen Versicherungen der Regierung gab es nie ernsthafte Ermittlungen gegen die Attentäter; diese wurden nie festgenommen. Ich habe also Grund zur Annahme, dass die Angriffe von der Regierung unterstützt wurden. Wenn ich also ermordet werde, wird es die Regierung sein, die mich ermordet hat. Die Ironie an der Geschichte ist – und das ist den meisten in der Öffentlichkeit nicht bekannt –, dass Mahinda (der Präsident) und ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert Freunde sind. Ich vermute, dass ich einer der wenigen bin, die ihn mit dem Vornamen ansprechen. Es vergeht kaum ein Monat, in dem wir uns nicht sehen – unter vier Augen, oder mit engen Freunden spät abends im Haus des Präsidenten. Dort tauschen wir Gedanken aus, diskutieren über Politik oder die gute alte Zeit. Einige persönliche Worte an ihn sind deshalb wohl hier angebracht.
Auch dein Leben hängt davon ab
Du hast mir selbst gesagt, dass du nicht nach der Präsidentschaft gierst; dass du gar keine Sehnsucht nach ihr hattest, sondern sie dir in den Schoß gefallen sei. Du hast mir erzählt, dass deine Söhne dir die größte Freude sind, dass du die Zeit mit ihnen liebst und deine Brüder die Staatsmaschinerie bedienen lässt. Jetzt wird allmählich klar, dass diese Maschine so gut funktioniert, dass meine Söhne und Töchter bald keinen Vater mehr haben werden. Ich weiß, dass du nach meinem Tod wieder deine Scheinheiligkeiten von dir geben und die Polizei zu gründlichen Ermittlungen aufrufen wirst. Aber wie bei allen vergangenen Ermittlungen wird auch diesmal nichts dabei herauskommen. Um ehrlich zu sein, wissen wir beide, wer hinter meinem Tod stecken wird, aber nicht wagen, seinen Namen auszusprechen. Nicht nur mein Leben, sondern auch deines hängt davon ab.
Bei den Lesern des Sunday Leader“ möchte ich mich dafür bedanken, dass sie unsere Mission unterstützen. Wir haben unpopuläre Fälle vorgestellt, wir sind für diejenigen eingetreten, die sich nicht selbst vertreten können, wir sind die Großen und Mächtigen angegangen, die von ihrer Macht so berauscht sind, dass sie ihre Wurzeln vergessen haben, wir haben die Korruption und Verschwendung von Steuergeldern angeklagt, und wir haben dafür gesorgt, dass Sie – was auch immer die Propaganda des Tages verkündete – die gegenteilige Ansicht hören konnten. Dafür habe ich und hat meine Familie nun den Preis bezahlt, vom dem ich seit langer Zeit wusste, dass ich ihn bezahlen muss. Ich bin – und war es immer – dafür bereit. Ich habe keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Ich will, dass mein Mörder weiß, dass ich nicht ein solcher Feigling bin wie er. Was bin ich als einer unter so vielen? Es ist seit langem vorhergesagt worden, dass mein Leben genommen würde und von wem. Nur der Zeitpunkt war noch offen.
Ich war in den Kampf nicht allein
Dass der Sunday Leader“ den gerechten Kampf fortführt, ist genauso sicher. Denn ich war in diesen Kampf nicht allein. Viele von uns müssen noch ermordet werden, bevor der Leader“ seinen Geist aufgibt. Ich hoffe, dass meine Ermordung nicht als Niederlage der Freiheit gesehen wird, sondern als Ansporn für diejenigen, die überleben, um weiterzukämpfen. Ich hoffe auch, dass es unserem Präsidenten die Augen dafür öffnet, dass, ganz gleich, wie viele Menschen im Namen des Patriotismus abgeschlachtet werden, der Geist der Menschlichkeit wachsen wird.
Die Leute fragen mich oft, warum ich ein solches Risiko eingehe, und sagen mir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich umgelegt werde. Ich weiß – es ist unausweichlich. Aber wenn wir nicht frei sprechen, wird niemand übrig sein, es für die zu tun, die es nicht können. Der deutsche Theologe Martin Niemöller hat dafür ein Beispiel gegeben, das mich in meiner journalistischen Karriere begleitet. In seiner Jugend war er Antisemit und bewunderte Hitler. Als die Nationalsozialisten jedoch in Deutschland die Macht ergriffen, erkannte er, was deren Ideologie war: Es ging nicht nur um die Vernichtung der Juden, sondern um die Vernichtung aller Andersdenkenden. Niemöller sagte seine Meinung und wurde von 1937 bis 1945 in den Konzentrationslagern von Sachsenhausen und Dachau inhaftiert. In seiner Gefangenschaft schrieb er ein Gedicht, das mich seit den Tagen meiner Jugend beeindruckt: Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Es sollte keinen Zweifel daran geben, dass die Opfer, die Journalisten bringen, nicht für sie selbst, ihren Ruhm oder Geld erbracht werden – sie werden erbracht für Sie, die Leser. Ob Sie dieses Opfer immer verdienen, steht auf meinem anderen Blatt. Was mich angeht, Gott weiß, dass ich es versucht habe.
Siehe auch: Nach Journalistenmord: Verschwörungstheorien in Sri Lanka
Ein Mord am hellichten Tag
Noch kurz vor seinem Tod hatte sich Lasantha Wickrematunge an schwarzen Späßen über seine missliche Lage beteiligt und Erstaunen darüber bekundet, dass er seinen letzten Artikel überlebt hat. Am vergangenen Donnerstag büßte er nun für seine Arbeit. Am helllichten Tage stoppten bewaffnete Männer sein Auto in Sri Lankas Hauptstadt Colombo und eröffneten das Feuer auf ihn; kurz darauf erlag er seinen Kopfverletzungen im Krankenhaus. Wickrematunge, um den auch an diesem Mittwoch wieder zahlreiche Menschen öffentlich trauerten, wurde 52 Jahre alt und hinterlässt drei Kinder.
Dass das Attentat in einem Sicherheitsbezirk - nahe einer Armeeeinrichtung - geschah, nährt den Verdacht, dass staatliche Stellen hinter dem Mord stecken. Mehr als ein Dutzend Journalisten ist in den letzten drei Jahren in Sri Lanka ermordet worden, fast alle hatten kritisch über die Regierung von Präsident Mahinda Rajapakse geschrieben. Wickrematunge, der den Sunday Leader vor fünfzehn Jahren gegründet und seither geleitet hat, war bekannt für seine furchtlosen Angriffe auf den Staatspräsidenten, den er persönlich kannte und mit Vornamen ansprach. Er kommentierte die Korruption in der Regierung und den Krieg gegen die tamilischen Rebellen, der sich Mittel bedient, die einem demokratischen Staat nicht angemessen sind.
Ein Freund der Rebellen war Wickrematunge nicht; als blutdurstig und skrupellos bezeichnet er sie in seinem letzten Artikel, der am Sonntag posthum veröffentlicht wurde. Der Text, der einem Vermächtnis gleichkommt und den wir in Auszügen dokumentieren, nennt seine Mörder beim Namen. Er ist ein Dokument mutigen Journalismus, entstanden in einem Staat, der im Schatten der Weltöffentlichkeit die offene Gesellschaft demontiert. Jochen Buchsteiner
Aus dem Englischen von Mara Delius, Til Huber und Michael Hanfeld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS