Idomeneo-Absetzung

Nur Mut!

Von Heinrich Wefing

Allein im Dunkel: Kirsten Harms

Allein im Dunkel: Kirsten Harms

28. September 2006 Nun also wollen Bundesinnenminister Schäuble und die Mitglieder der Deutschen Islam-Konferenz, Berlins Kultursenator Flierl und überhaupt alle Kunstfreunde der Republik die Neuenfels-Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ in der Deutschen Oper Berlin sehen, deren Absetzung durch die Intendantin Kirsten Harms für weltweite Proteste gesorgt hat. Das ist, nach dem Sturm der Entrüstung der vergangenen Tage, die erste und einzige vernünftige Forderung. Das Stück muß gespielt werden, möglichst bald.

Wenn nicht in der Deutschen Oper, dann eben an einem anderen Ort - und sei es irgendeine Berliner Industrieruine. Was aber sagt Innensenator Eckhardt Körting (SPD) dazu, der Polizeiminister und Chefrisikoanalytiker der Hauptstadt? Er verspricht: Kein Problem, können wir machen, für die Sicherheit der Aufführung und des Publikums werden wir schon sorgen. Man ist geneigt, sich die Ohren zu reiben: Wie bitte?

In die Ironiefalle getappt

War nicht eben noch von „unkalkulierbaren Risiken“ die Rede? War es nicht Körting selbst gewesen, der in einem Telefonat mit Kirsten Harms an deren Urlaubsort dahingeschnoddert hatte, er liebe die Deutsche Oper und wolle den Tag nicht erleben, an dem sie nicht mehr stehe? Schon, schon, so der Senator halbwegs zerknirscht, aber das sei mitnichten eine Bombenwarnung gewesen, sondern nur flapsige Ironie. Jeder seiner Mitarbeiter, sagt er, hätte das sofort richtig verstanden. Nun ist Frau Harms keine Mitarbeiterin des Innensenators und ein Gespräch über drohende islamistische Anschläge wohl auch nicht zwingend ironieverdächtig. Tatsächlich hat Körting mittlerweile einräumen müssen, daß für die Sicherheit der Deutschen Oper, für ihr Gebäude an der Charlottenburger Bismarckstraße, für ihre Aufführungen und ihr Publikum zu keinem Zeitpunkt eine auch nur halbwegs akute Gefahr bestanden habe. Die Fachleute des Landeskriminalamtes waren, so ist ihrer „abstrakten“ Bedrohungsanalyse zu entnehmen, vielmehr in Sorge vor anti-deutschen Ausschreitungen im Ausland, sie befürchteten brennende Fahnen oder Anschläge auf Botschaften, wie während des Karikaturenstreits.

Kirsten Harms aber ist in die Ironiefalle getappt. Sie hat die bedrohlich klingenden Worte des Senators ernst genommen, so ernst, daß sie nach Gesprächen mit Hans Neuenfels, dem Regisseur der vermeintlich riskanten Inszenierung, deren für November geplante Wiederaufnahme kurzerhand absagte, statt dessen „La Traviata“ ansetzte und über diesen Schritt bereits Anfang September sowohl Kultursenator Flierl (PDS) als auch den Generaldirektor der Opernstiftung Berlin, Michael Schindhelm, informierte, in gleichlautenden Schreiben. Flierl erklärt nun, dieser Brief sei am 11. September in seinem Haus eingegangen, er habe ihn aber erst zehn Tage später zur Kenntnis genommen. Zwischendurch war Wahlkampf in Berlin, der Senator hatte an fundamentalen Debatten teilnehmen müssen, an einem Gespräch etwa zum Thema: „Wie intelligent darf Politik sein?“ Eine interessante Fragestellung, die hoffentlich nicht ebenfalls ironisch gemeint war.

Ist der Mut nur geborgt?

Nun mag man Harms durchaus zugute halten, sie sei ein Opfer fahrlässiger Panikmache des Innensenators geworden, habe anschließend in ehrlicher Furcht um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter gehandelt, wie das inzwischen einige Sympathisanten tun; der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu etwa erklärte, er habe „hohen Respekt“ für die Entscheidung der Intendantin. Aber weder ihr noch Körting, weder Flierl noch Schindhelm scheint bei all dem Trubel die ungeheure Tragweite dieses voreiligen Rückzugs klargeworden zu sein. Niemand hat sich offenbar bewußtgemacht, daß ein solcher Schritt einer Einladung an Hitzköpfe und Radikalisierer gleichkommt, künftig nicht nur die Spielpläne der Opern zu diktieren, sondern alle öffentlichen Äußerungen der Meinungsfreiheit. Diese Folgen nicht bedacht, sie nicht erörtert zu haben, und sei es intern; vielmehr zu entscheiden, die Angelegenheit stillschweigend auf dem Postwege zu erledigen - das läßt an der Kompetenz aller Akteure zweifeln. So, wie sich die Vorgeschichte der „Idomeneo“-Absetzung inzwischen entfaltet hat, steht Kirsten Harms längst nicht mehr allein.

Dennoch hat der Skandal, nebenbei und hinterrücks, auch etwas Gutes. Die Einhelligkeit, mit der die Absetzung dieser Operninszenierung kritisiert wurde, befestigt den Konsens, Anfechtungen der Meinungsfreiheit, gleich welcher Art, nicht weichen zu wollen. Das war in den letzten Jahren, gerade mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Minderheiten, durchaus nicht immer so. Daß jetzt in dieser Frage Angela Merkel und Christoph Schlingensief ebenso einer Meinung sind wie Klaus Staeck und Peter Ramsauer, die „Bild“-Zeitung und die „New York Times“, das ist beispiellos. Es hat sogar etwas Irritierendes: Könnte es sein, der allseits munter bekundete Mut ist bei einigen nur ausgeborgt? Und dennoch: Hinter diese Bekundungen kann so schnell niemand mehr zurück. An die Einigkeit und Entschlossenheit, mit der nahezu alle Repräsentanten von Staat und Gesellschaft derzeit die Freiheit der Kunst und des Wortes verteidigen, wird man sie eines Tages erinnern dürfen. Eine Gelegenheit dazu kommt vielleicht früher, als uns lieb ist.



Text: F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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