Von Mark Siemons, Peking
25. Juli 2007 Im Ausland ist China nun massiver als jemals zuvor vom Islamismus getroffen worden: Am Donnerstag vergangener Woche tötete in Pakistan ein Autobombenanschlag auf einen von Sicherheitskräften bewachten Konvoi chinesischer Arbeiter dreißig Menschen - die Chinesen selbst blieben unversehrt. Kurz zuvor aber waren bei Peshawar drei chinesische Ingenieure ermordet worden, und pakistanische Studenten hatten eine Gruppe chinesischer Prostituierter entführt. Es sieht so aus, als hätte China, kaum dass es als Global Player in Erscheinung tritt, mit ähnlichen islamistischen Anwürfen zu rechnen wie westliche Länder: von der Beschuldigung wirtschaftlicher Ausbeutung bis zum Vorwurf eines zu freizügigen Lebenswandels.
Im Inneren verhält es sich anders. Für die chinesische Öffentlichkeit war der 11. September 2001 nicht jene Zeitenwende, als die er im Westen von Anfang an galt. Weder offiziell noch inoffiziell geriet das vorherrschende Geschichtsgefühl vom unaufhaltsamen Aufstieg der eigenen Nation durch dieses interessiert beobachtete, aber doch sehr ferne Ereignis ins Wanken. Den von George Bush ausgerufenen weltweiten Krieg gegen den Terror machte sich die chinesische Regierung allerdings augenblicklich zu eigen und wendet die Formel seither auf den eigenen Kampf gegen muslimische Separatisten in der nordwestlichen Provinz Xinjiang an. Mit Erfolg: Inzwischen haben die Vereinigten Staaten die chinesische Einschätzung mehrerer uighurischer Verbände als terroristische Vereinigungen übernommen und halten sich im Übrigen mit Kritik am harschen Vorgehen Pekings in der Region sehr zurück.
Anders als die üblichen Islamismus-Verdächtigen
Nirgendwo anders, mit Ausnahme von Tibet, ist das Kontrollregime der Volksrepublik so straff wie in Xinjiang: Geheime Verhaftungen und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Medien und Moscheen werden streng überwacht und häufig geschlossen. Einer der von Peking reklamierten Gründe ist, dass man das Entstehen eines radikalen Islamismus unter den rebellischen Uighuren um jeden Preis verhindern will. Grundlos ist diese Sorge nicht. In den neunziger Jahren waren auch Uighuren - Peking spricht von mehr als tausend - in den afghanischen Trainingslagern von Al Qaida ausgebildet worden; zweiundzwanzig von ihnen landeten dann in Guantánamo. Einige waren schon in den achtziger Jahren nach Afghanistan gekommen, um am Kampf gegen die Russen teilzunehmen, andere waren aus der Volksrepublik geflohen. Und noch Ende 2006 hatte sich Ayman al-Zawahiri, der zweite Mann von Al Qaida, bei seinem Aufruf zum Widerstand gegen Fremdherrschaft über Muslime ausdrücklich auch auf den Westen Chinas bezogen.
Allerdings passen die uighurischen Muslime nicht in das Schema der üblichen Islamismus-Verdächtigen. Sie sind überwiegend proamerikanisch orientiert, hegen gegen andere Muslime in China die gleichen Vorbehalte wie gegen alle Han-Chinesen, und sie streben keinen Gottesstaat an, sondern größere kulturelle Autonomie, einige auch eine unabhängige und säkulare Republik Ost-Turkestan. Die meisten bekennen sich zur mystischen, toleranten Richtung des Sufismus und haben gegenüber Arabern Berührungsängste. Die Kette von Gewalttaten, die sich in den neunziger Jahren gegen die als Besatzer empfundenen Chinesen richtete, war eher vom Panturkismus als vom Islam inspiriert. Freilich sollen, wie der Xinjiang-Forscher Dru Gladney berichtet, unter den im Ausland über das Internet operierenden Strippenziehern des Separatismus radikale Religionsvorstellungen in jüngster Zeit an Anziehungskraft gewinnen.
Neun Millionen Angehörige der Hui-Nationalität
China ist ein Schulbeispiel dafür, wie der Islam in bestimmten kulturellen, politischen und ökonomischen Konstellationen zum Problem wird, in anderen dagegen nicht. Die Uighuren stellen nur sieben bis acht Millionen der etwa zwanzig Millionen Muslime, die in der Volksrepublik leben - mehr als in jedem anderen nichtislamischen Land. Neun Millionen gehören der über mehrere Provinzen verstreuten Hui-Nationalität an. Zwischen dem siebten und zwölften Jahrhundert war der Islam über die Seidenstraße nach China gelangt; seither haben sich die Muslime, obwohl sie wegen einiger unchinesischer Sitten (Beschneidung, Verzicht auf Schweinefleisch) immer etwas Fremdes behielten, weitgehend sinisiert, was sich etwa in der an die Umgebung angelehnten Moscheen-Architektur zeigt oder in den mit daoistischen, buddhistischen und konfuzianischen Elementen durchsetzten Texten muslimischer Gelehrter der Ming- und Qing-Zeit.
Im neunzehnten Jahrhundert gab es allerdings mehrere lokale Aufstände. Und die Kommunisten etikettierten die Muslime schon in Yanan, also vor Maos Machtübernahme, als Hui, als eigene nationale Minderheit, und fügten sie so in ihr nationales Schema ein. Dadurch wurden religiöse Gebräuche wie Kopftuch und eigene Feiertage als folkloristische Eigenheiten tolerierbar. Chinesen, die zum Islam übertreten, wechseln folglich auch ihre ethnische Zugehörigkeit und werden Hui.
Das könnte zur Radikalisierung in Xinjiang beitragen
Konflikte mit den Hui sind außerhalb der Kulturrevolution nur sporadisch bekanntgeworden. Anfang der neunziger Jahre gab es mehrfach Demonstrationen wegen angeblich sittenloser oder islamfeindlicher Bücher. Die chinesische Regierung versucht bei ihrer Veröffentlichungspolitik allen denkbaren Empfindlichkeiten aus dem Weg zu gehen und hat etwa auch im laufenden Jahr des Schweins Werbeagenturen angewiesen, auf Schweinedarstellungen zu verzichten, um muslimische Gefühle nicht zu verletzen. So wird auch der Islam in der Öffentlichkeit generell nicht zum Thema gemacht.
Die Lage in Xinjiang birgt dagegen unabsehbar viel Sprengstoff - unabsehbar auch deshalb, weil die dort besonders restriktive Nachrichtenpolitik verlässliche Einschätzungen schwierig macht. Wie beunruhigt Peking ist, zeigt sich schon daran, dass es 1996 eine Organisation namens Schanghai 5 nicht zuletzt zu dem Zweck gründete, Russland und die zentralasiatischen muslimischen Republiken bei der Rebellenbekämpfung einzubinden. Uighuren fühlen sich, seitdem sie nur noch vierzig Prozent der Bevölkerung in Xinjiang stellen (einst waren es neunzig) und die alle Schlüsselpositionen besetzende neue Mehrheit der Han-Chinesen sie ihre Verachtung häufig spüren lässt, fremd im eigenen Land. Die Reihe von Gewaltakten - die 1997 mit einigen Bombenanschlägen sogar die Nähe des Regierungssitzes in Peking erreichten - ist zwar seit einigen Jahren zur Ruhe gekommen. Doch noch in diesem Januar verkündete die Regierung, sie habe ein Separatistenlager ausgehoben und dabei sechzehn Terroristen getötet. Der Sinologe Dru Gladney fürchtet, dass gerade die um Kulturen jenseits des eigenen Fortschrittsmodells unbekümmerte Art von Integration, die China in Xinjiang vollzieht, zu einer Radikalisierung beitragen könnte.
Text: F.A.Z., 26.07.2007, Nr. 171 / Seite 31
Bildmaterial: AP