Von Nils Minkmar und Volker Weidermann
26. April 2008 m Sonntag wird über Tempelhof abgestimmt. Doch was ist der legendäre Flughafen: Ein mit Erinnerungen durchsetztes Versprechen auf ein schwereloses Leben oder Mahnmal für die menschliche Unfähigkeit, Utopien zu leben. Soll Tempelhof in Zukunft wieder eine größere Rolle spielen?
PRO:
Zu den bedenklichsten Entwicklungen unserer Zeit gehört der Großflughafen. Man wird da, vom Kleinkind bis zur Oma, zur Begrüßung gleich mal als zu allem entschlossener Massenmörder empfangen. Und mit welchem Scharfsinn: Gauner, die eines der großen Terrorattentate unserer Zeit exakt replizieren wollten, na, die hätten keine Chance.
Ich Kriminalhirn hatte es in Dublin beinah vermocht, ein, wie mir der Beamte tonlos mitteilte, scharfes metallisches Objekt“ an Bord zu schmuggeln: so ein Namensschildchen für Tagungsteilnehmer. Umgebogen und in den falschen Händen – nicht auszudenken, wie man einen Piloten zu pieksen vermöchte. Gut ist auch, wenn hinter der Kontrolle gleich noch eine Kontrolle kommt und man in der Wartezone mit Businessnachrichten auf Plasmabildschirmen so beschallt wird, dass man sich gar nicht auf die eigenen kriminellen Gedanken zu konzentrieren vermag.
Kurz nach dem Tod meines französischen Großvaters wollte ich mit zwei Bildern aus seinem Nachlass fliegen, das erforderte die Sondergenehmigung des Flugkapitäns. Klar, die Dinger hatten scharfe Kanten, da hätte ich mit bösen Beulen drohen können. Mein Opa war selbst mal Pilot gewesen im Krieg, in derselben Staffel wie Saint-Exupéry übrigens. Passabler Dichter, lausiger Flieger“, lautete sein Urteil, und dass der auch ganz ohne deutsche Hilfe abgestürzt sein dürfte. Die Luftwaffe hatte meinem Opa mal die Maschine zerschossen, es gibt noch ein Foto von ihm im Wrack. Wenn es sonntags regnete, fuhr er trotzdem gern mit mir zum Flughafen von Bordeaux, kaum größer als Tempelhof. Es war für ihn ein Ort des Versprechens auf ein schwereloses Leben und eine Welt ohne Grenzen. Und man bekam auch sonntags eine Zeitung. Nils Minkmar
CONTRA:
Wenn man mal einen Tag freihat, um sich mal etwas total Verrücktes vorzustellen, dann könnte man sich ja zum Beispiel vielleicht einmal so etwas vorstellen: Es könnte ja durch irgendeinen Glücksfall geschehen, dass mitten in einer mitteleuropäischen Millionenmetropole eine gigantische Brachfläche plötzlich frei würde, so groß wie eine kleine Stadt. Nicht durch Krieg oder Zerstörung, einfach so, weil Platz ist und weil man vielleicht vor vierzehn Jahren in einen Vertrag geschrieben hat, dass man einen neuen Flughafen baut, draußen vor den Toren der Stadt, und der alte im Zentrum, der wird dann geschlossen.
Und auf dieser gigantischen Freifläche wäre nun praktisch alles möglich. Ein freies Stück Landschaft, Freiheit, Utopie, mitten in der Stadt. Und nun denkt man ja, dass die ganze Stadt, die Regierung, die Bevölkerung nun diese vierzehn Jahre dazu nutzen würden, diesen Wahnsinnstraum mit Leben, mit wahren Möglichkeiten zu füllen: mit Stränden, Seen, Wäldchen, Cafés, Wohnmöglichkeiten, Sportmöglichkeiten, Studiermöglichkeiten. Alles kann gedacht werden auf diesem großen, freien Raum. Alles ist möglich.
Und wie erbärmlich ist eine Wirklichkeit, in der in diesen vierzehn Jahren überhaupt gar nichts gedacht, überhaupt gar nichts geplant wurde und jetzt diese lächerliche Stadt mit lächerlichen Riesenplakaten zugepflastert ist, mehr als zu jeder Senatswahl, mit Plakaten, auf denen, von Flugunternehmen gesponsert, der Slogan prangt: Alle Macht geht vom Volke aus. Auf was für einen erbärmlichen Hund ist die sogenannte direkte Demokratie eigentlich gekommen, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat? Was für ein schlechter Witz, was für eine Utopieverhöhnung ist diese Abstimmung! Volker Weidermann
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP