Kehlmann reiht sich mit seinen Äußerungen in die Reihe der Kritiker von Grass ein. Bei ihnen allen spielt für Gehalt und Berechtigung der Kritik eine wesentliche Rolle, wie gut die Kenntnis oder gar Verbindung zum Schriftsteller ist, der da gescholten wird. Sofern eine persönliche Bekanntschaft zwischen Grass und Kehlmann die von letzterem geäußerte Interpretation stützt, ist diese als persönliche Ansicht zu werten und als freie Meinungsäußerung tolerieren.
Sofern Kehlmann allerdings Grass nur indirekt kennt, muß er sich die Frage nach seinen Motiven gefallen lassen. Kann es etwas anderes sein als von der ihm unbekannten Wirklichkeit entfernte Spekulation, wenn Kehlmann glaubt äußern zu müssen, Grass habe von früh an den Nobelpreis im Auge gehabt? Wenn Kehlmann dies nicht aus originärer Quelle weiß, also von Grass direkt, so scheint es verwerflich, derlei Spekulation öffentlich über einen „Kollegen“ von sich zu geben und diesem als Verhaltensmotiv zu unterstellen. Es erhebt sich gar die Frage, was mit dieser Äußerung bezweckt wird. Schließlich ist sie kaum mehr als eine Wiederholung der bereits von anderen Kommentatoren vorgetragenen Kritik. Ist Kehlmanns Meinung gefragt und von wem? Oder ist es simple Selbstdarstellung?
Fahren Sie auch immer noch mit einer Deutschlandfahne an Ihrem Auto herum? Oder hat die Fahne irgendwo einen Ehrenplatz? Oder haben Sie sie irgendwo hin weggeräumt, um sie beim nächsten Großevent wieder herauszuholen? Oder haben Sie sie wegen der causa Grassi (Genitiv Singular von Grassus, nicht von Krassus) verschämt ins hinterste Eck der Wohnung versteckt? Das ist, glaube ich, die am wenigsten wahrnehmbare Reaktion in der Öffentlichkeit, dass es eine Generation gab, die sich schämte, Deutscher zu sein. Verschämt bekannte man sich nur zu einem Verfassungspatriotismus, zum Patriotismus des Grundgesetzes, das die Erfahrungen der NS-Zeit mit verarbeitet hat, z.B. das Recht auf Asyl. An diesem Recht wird ja kräftig gesägt. Es ist ja durch das Schengener Abkommen mit dem Zugang über ein Drittland sowieso schon sehr einschränkt. Als Jugendlicher wollte Grass seinem Vaterland in der U-Bootflotte dienen.Dann hat er sich sechzig Jahre geschämt. Das jetzt mit dem leichter und vergnügter erlebte Nationalismus des Deutschen Volkes während des Fußball-WM zu verbinden, ist die Aufgabe. Ein durch die Geschichte gereifter und diese nicht vergessender Patriotismus tut Not. Vielleicht mit einer eingebauten Scham?
