Italien

Späte Gerechtigkeit für einen Rassisten?

Von Dirk Schümer, Venedig

Würdiger Namenspatron? Giorgio Almirante

Würdiger Namenspatron? Giorgio Almirante

13. Juni 2008 Elf Straßen und Plätze in Italien, vorwiegend in Kleinstädten des Mezzogiorno, sind nach Giorgio Almirante benannt worden. Warum die landesweite Aufregung, wenn nun auch die Hauptstadt Rom sich anschließen will? Es gibt freilich einen Schönheitsfehler: Der Geehrte ist ein Faschist. Almirante war Mitgründer und bis 1988 Vorsitzender des Movimento Sociale Italiano, und dieses MSI diente als politisches Auffangbecken für verstockte Anhänger Mussolinis. Wie die allermeisten Mitglieder hatte auch Almirante, Sohn eines berühmten Schauspielers und Stummfilmregisseurs, eine wenig appetitliche politische Vorgeschichte. Wie der Duce begann er seine Laufbahn als Journalist, leitete eine faschistische Postille und machte eifrig Propaganda für die Rassenpolitik des Regimes.

Almirante unterzeichnete 1938 das rassistische Manifest der Schwarzhemden und schrieb für die aus diesem Anlass gegründete Zeitschrift „Difesa della razza“ (Verteidigung der Rasse) antisemitische Hetzartikel: „Der Rassismus muss zum täglichen Brot für alle werden. Wir alle müssen im Bewusstsein unserer Rasse leben, sonst spielen wir das Spiel der Mischlinge und der Juden.“ Einer wie Almirante, der dergleichen schrieb und später bei den Truppen der Repubblica di Salò, also den fanatischsten und letzten Getreuen Mussolinis, hohe Posten betreute und blutige Razzien gegen Partisanen in der Toskana leitete, scheint ein schlechtes Vorbild der italienischen Jugend zu sein.

Schlacht ums Monopol der Erinnerungen

Doch Roms Bürgermeister Gianni Alemanno, einst selber Aktivist des MSI, ist Funktionär der Nachfolgepartei Alleanza Nazionale. Um auch im Ausland – vorzugsweise in Amerika und Israel – als rechtskonservative Volksbewegung akzeptiert zu sein, hat sich Almirantes Nachfolger Gianfranco Fini schon vor Jahren vom Antisemitismus distanziert; Bürgermeister Alemanno legte nach seiner Wahl sogleich Kränze im Getto und an Mahnmalen hingerichteter Partisanen nieder. Fini, lange Außenminister und heute Parlamentspräsident, ging in einem Interview sogar so weit, zu bekennen, 1943 sei der Widerstand gegen Mussolini wohl die moralisch anständigere Wahl gewesen.

Beim langen Rudern von Extremismus und Hass zur Demokratie ist die ehemals faschistoide „AN“ also – zumindest an der Oberfläche – weit vorangekommen. Dass Alemanno dennoch den schwer belasteten Almirante ehren möchte, ist eine Folge der „Schlacht um das Monopol der Erinnerungen an den Bürgerkrieg“, von welcher der Historiker Sergio Luzzatto in seinem – jetzt auch ins Deutsche übersetzten – Meisterwerk über Mussolinis „Leben nach dem Tod“ schreibt.

Streit um die Deutungshoheit

Schon 1945 begann der Streit um die Deutungshoheit gegen die siegreichen Partisanen. Der antikommunistische, zuvor faschistische Publizist Indro Montanelli stand bei den Verharmlosern des Regimes in vorderster Reihe, als er damals sein Werk vom „Ehrenmann Mussolini“ veröffentlichte. Doch während Mussolinis geschändete Leiche aus dem anonymen Mailänder Grab gestohlen, später zehn Jahre vom Staat versteckt und schließlich mit abstoßenden Massenritualen in sein Familiengrab in Predappio gesenkt wurde, konnten es seine Anhänger nicht verwinden, fortwährend als Sündenböcke des Bürgerkriegs herzuhalten. Ihr Kampf um Anerkennung dauert bis heute.

Der Versuch, Almirante zu den Altären der Demokratie zu erheben, steht im Einklang mit der Strategie der Postfaschisten: Indem man mit Stolz auf die demokratische Einbindung – immerhin saß Almirante vierzig Jahre lang im Parlament – die eigenen Anführer ehrt, nivelliert sich schließlich aus der Perspektive der Nachgeborenen jede Schuld vor 1945. Partisan oder Schwarzhemd sollen beim staatlichen Gedenken schließlich in derselben Kompanie marschieren. Die Rechten begreifen dies als Normalisierung, als späten Akt der Gerechtigkeit gegenüber Menschen, die wie Almirante allzeit für knapp zehn Prozent der Wählerstimmen gut waren. Dafür wurde ihm nach seinem Tod 1988 sogar von den Chefs der kommunistischen Partei Ehre erwiesen.

Verzeihen an der Bahre

Dies Verzeihen an der Bahre gehört zur politischen Kultur Italiens, die der Katholizismus geprägt hat. Man bannt die Geister nicht durch Tabuisierung, sondern durch Einbeziehen in die nationale Großfamilie. Ein Hitler-Mausoleum in Braunau ist undenkbar, aber Mussolinis Familiengruft dient seit 1957 als faschistische Weihestätte. Und es passt gut, dass die resolute Ehefrau Rachele dort neben ihrem verehrten Hausduce liegen darf. Einzig die Geliebte Clara Petacci, mit welcher der Diktator in deutschem Luftwaffenmantel in die Schweiz zu fliehen versuchte, bleibt von jedem offiziellen Gedenken ausgeschlossen.

In Rom, wo bereits der linke Bürgermeister Veltroni eine Straße nach einem ermordeten faschistischen Straßenkämpfer der siebziger Jahre benennen ließ, ist die jüdische Gemeinde über die geplante Ehrung des bekennenden Antisemiten Almirante außer sich. Im Parlament verlas Emanuele Fiano, ein Abgeordneter jüdischen Glaubens, die übelsten Passagen aus Hetzartikeln Almirantes und zwang den Parlamentspräsidenten Fini zur Distanzierung von diesen „schändlichen Sätzen“, die sein großer Förderer und Amtsvorgänger 1938 stolz unterzeichnet hatte.

Schicksale fanatischer Faschisten

Durch den politischen Aufschwung der Nachfolgepartei Alleanza Nazionale kommt nun aber gezielt Bewegung in die Erinnerung. In diesen Wochen erschien das Buch „Die Waisen von Salò“, in welchem der Journalist Antonio Carioti Schicksale fanatischer Faschisten in der Demokratie nachzeichnet. Und in einem Geschichtsthriller von Enrico Brizzi darf der Duce sogar unbehelligt weiterleben. „L’inattesa piega“ (Die unerwartete Falte) handelt von einem greisen Mussolini, lange nach dem imaginierten Sieg der Faschisten über Hitlerdeutschland an der Seite der britischen Alliierten; der Erzähler ist Sportreporter bei den äthiopisch-eriträischen Fußballmeisterschaften.

Mit solch makabrer Komik mogelt sich die Diktatur der Schwarzhemden seit je durch viele Geschichtsbücher. Auftritte wie der jämmerliche Fluchtversuch des Duce mit der Geliebten oder die endgültige Beerdigung Mussolinis machten es leicht, der Ideologie operettenhafte Züge zu attestieren – und damit ihren kriegerischen Expansionsdrang gewaltig zu verharmlosen. Luzzatto schildert, wie die 1957 zu Mussolinis Grablege nach Predappio angereisten Anhänger am Eingang des Friedhofs von Carabinieri gezwungen wurden, ihre schwarzen Hemden auszuziehen. Bei der Trauerfeier des „größten Italieners aller Zeiten“ grölten dann Hunderte Männer im Unterhemd die alten Hymnen.

Genau so, als eines Hanswursts einer untergegangenen Ideologie, durfte man sich bisher auch Giorgio Almirantes erinnern. Seine Adepten, allesamt Nachgeborene des Regimes, wollen ihn nun jedoch als großen Staatsmann ehren, weil sie selber ernst genommen werden wollen. Der Sprung über den Abgrund, der sich zwischen der blutigen Operette der Diktatur und dem nüchternen Alltag der Demokratie auftut, wird den italienischen Rechten noch lange zu schaffen machen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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