Türkische Reaktionen

Unser Erster

Von Ali Yumusak

Die Türkei hat einen neuen Helden

Die Türkei hat einen neuen Helden

13. Oktober 2006 Die türkischen Medien haben auf die Verleihung des Literaturnobelpreises an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk sehr unterschiedlich reagiert. Weil gestern das französische Parlament auch einem Gesetzesentwurf zugestimmt hat, der das Leugnen des Völkermords der Türken an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs unter Strafe stellt, rückte die Meldung über Orhan Pamuk in die zweite Reihe. Aber in einigen Kommentaren wird bereits die Preisverleihung mit dem Völkermord an Armeniern in Verbindung gebracht.

Die auflagenstärkste türkische Tageszeitung „Hürriyet“ meldete Pamuks Auszeichnung auf ihrer Internetseite mit der Überschrift „Erster Türke mit dem Nobelpreis“. Dazu hat das Blatt Reaktionen von anderen landesweit bekannten Schriftstellern eingeholt. Der hauseigene Kolumnist Özdemir Ince meint, Pamuk sei gar kein besonderer Autor, er habe den Nobelpreis nur deshalb bekommen, weil er den angeblichen Völkermord von Türken an Armeniern bestätigt habe. Es gehe hier nicht um Literatur, sondern um eine Aktion gegen die Türken: „Mit diesem Preis wurde die türkische Geschichte bestraft, ich schäme mich dafür. Das mußte ich zur Sprache bringen.“

Förderlich für den EU-Beitritt

In der Türkei wird man sehr aufmerksam die Reaktionen im Westen verfolgen. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn, der für die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union eintritt, hat die Verleihung des Nobelpreises an Pamuk begrüßt und hält sie auch dem Bestreben der Türkei, in die EU zu kommen, für förderlich. Er sieht die liberalen Kräfte im Lande gestärkt: „Das ist eine gute Nachricht für die Welt der Literatur, aber auch eine gute Nachricht für die Freiheit der Kunst.“

Die als Kritikerin eines militanten Islam hervorgetretene deutsch-türkische Schriftstellerin Necla Kelec hat ihrer Hoffnung Ausdruck gegeben, „daß jetzt auch die Gesellschaft in der Türkei erkennt, daß Großes nur in der Freiheit entsteht und daß endlich aufgehört wird, Schriftsteller bei kritischen Tönen wegen ,Verunglimpfung des Türkentums' zu verfolgen“, wie es auch Pamuk im letzten Jahr erleben mußte.

Die liberale türkische Zeitung „Milliyet“ hat die Meldung kommentarlos mit der Überschrift „Der Literaturnobelpreis gehört Orhan Pamuk“ wiedergegeben. Die Zeitung listet auch die bis jetzt an Pamuk verliehenen Preise auf, darunter erst im letzten Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Kurz und kommentarlos

Den immerhin hatte 1997 vor Pamuk schon ein anderer türkischer Schriftsteller erhalten: der kurdischstämmige türkische Schriftsteller Yasar Kemal. Der dreiundachtzigjährige Kemal hat anläßlich der Nobelpreisverleihung nun die Leidenschaft und die Standhaftigkeit seines Kollegen gelobt: „Ich vertraue darauf, daß Orhan Pamuk neue Romane mit der bisher gezeigten Leidenschaft schreiben wird.“

Die islamisch-nationalistische „Türkiye“und die islamisch-liberale „Zaman“ haben die Meldung von der Preisvergabe gleichfalls kurz und kommentarlos wiedergegeben. Wobei die „Zaman“ in ihrer Leserbrief-Rubrik die Meinung vertreten läßt: „Es ist kein Zufall, daß die Nationalversammlung in Frankreich den angeblichen Völkermord unter Strafe stellt und am gleichen Tag Orhan Pamuk den Nobelpreis bekommt!“

Dagegen hat das regierungnahe Blatt „Yeni Safak“ den Vorsitzenden des türkischen Verleger-Verbands, Cetin Tüzüner, zu Wort kommen lassen, der stolz erklärt: „Es ist eine große Freude für alle türkischen Autoren und Verleger. Von jetzt an wird die türkische Literatur weltweit mehr Interesse finden, und die Bücher von türkischen Autoren werden in andere Sprachen übersetzt.“

Preisvergabe nutzt der kulturellen Annäherung

Das Massenblatt „Star“ betont erfreut, daß Orhan Pamuk den wichtigsten Literaturpreis der Welt bekommt. Dabei zeigt sich die Zeitung besonders stolz über die Tarsache, daß der Text mit der Bekanntgabe des diesjährigen Gewinners vom Nobelpreiskomitee auch auf türkisch veröffentlich worden ist.

In Deutschland zeigt sich der Direktor des in Essen angesiedelten „Zentrums für Türkeistudien“, Faruk Sen, hocherfreut über die Verleihung des Literaturnobelpreises an Orhan Pamuk: „Diese Entscheidung paßt hervorragend in die Zeit. Pamuks Werk beweist, daß der Dialog der Kulturen nicht nur lebendig ist, sondern Literatur und Kunst ersten Ranges hervorbringt. Ich freue mich sehr für Pamuk, daß sein unbeirrter Weg der literarischen Bewältigung kultureller Differenz auf diese Weise belohnt wird.“

Sen weist darauf hin, daß der Preis zudem das Interesse an türkischer Literatur auch in Deutschland erhöhen werde, was ein willkommener Nebeneffekt der Entscheidung sei. Damit nutze die Preisvergabe ganz unmittelbar auch der Annäherung zwischen Deutschen und türkischen Zuwanderern. Politisch sei die Vergabe des Nobelpreises an Pamuk ein wichtiges Signal, das gleichermaßen die weitere Öffnung der Türkei nach Europa unterstützen, aber auch das Ansehen der türkischen Kultur im Westen stärken werde.



Text: F.A.Z., 13.10.2006, Nr. 238 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche