22. September 2006 Ein Albtraum sei diese Schule, murmelte ein Sicherheitsmann am Schultor. Er hatte nach eigenem Bekunden noch nie zuvor eine Schule wie diese erlebt, gelegen im Berliner Bezirk Neukölln, der seit dem Rütli-Skandal für alles steht, was schiefgegangen ist im einst hochgerühmten deutschen Bildungswesen. Als der Bundespräsident eintraf, war die Lage in der Kepler-Hauptschule beruhigt, kein aggressives Pausengeschrei störte den festlichen Mittag, und sogar die Sicherheitsleute waren wieder gelassen. Sechzig Schüler durften sich unter die Gäste mischen, um den präsidialen Ratschlägen zu lauschen, wie künftig alles besser werden könnte und was dabei zu beachten sei.
Die anderen, die Ausgelesenen, hatten sich eine Straßenecke weiter zusammengefunden und maulten und motzten, waren neidisch auf die Schulkameraden, die jetzt da waren, wo jede Menge Fernsehkameras warteten. Sie, die sich als Verlierer schon mit sechzehn, siebzehn Jahren fühlen, erwarteten sich rein gar nichts von diesem symbolischen Akt. Nicht, daß sie auch nur im geringsten eine Vorstellung davon gehabt hätten, worum es in der Rede des Präsidenten gehen sollte; und hätten sie zuhören dürfen oder müssen, geändert hätte das nichts.
Eine große Blase
Horst Köhler breitete fünfundvierzig Minuten lang vor seinen überwiegend professionellen Zuhörern das aus, was man an Gemeinplätzen zum Thema Bildung und Lernen, Familie und Kindergarten, Lehrstellenmangel und Reformstau häufig zu hören bekommt. Es war ein Appell an alle und niemanden, kein Lehrer erfuhr hier etwas, was er nicht ohnehin schon weiß. Vom Humboldtschen Bildungsideal bis zur Sendung mit der Maus und der Aufforderung an Eltern, ihren Kindern Geschichten vorzulesen, wurde routiniert alles abgespult, was des Präsidenten Redenschreiber für nützlich genug hielten, um die große Blase rund um Köhlers Leitsatz Bildung für alle zu füllen.
Wir brauchen mehr Akademiker, sie müssen schneller studieren; Fächer wie Sport, Musik und Kunst dürfen nicht ins Hintertreffen geraten, bringen sie doch Vernunft und Gefühl zusammen; Schüler sollten die Natur nicht nur aus dem Lehrbuch kennenlernen, sondern sie auch einmal unter freiem Himmel studieren; natürlich haben Hauptschulen Probleme, doch machen es sich manche (wer, das blieb im dunkeln) zu leicht und reichten schwierige Schüler allzu rasch von einer Schule zur anderen. Allen diesen Beschwörungen der großen Herausforderung an uns alle, allen Formeln vom Lesen, Schreiben, Rechnen, die der Grundstock für alles seien, fehlte jede Verbindung mit den vom Redner eingangs erwähnten Fakten: 80.000 Jungen und Mädchen erreichten auch im vergangenen Jahr hierzulande keinen Abschluß, noch einmal 30.000 fanden trotz Schulabschluß keine Lehrstelle. Nur einem der einundfünfzig Kepler-Absolventen dieses Jahres ist es gelungen, diese Hürde zu nehmen.
Was kommt danach
Eine explosive Verliererschicht wächst da heran, der mit onkelhaftem Zuspruch - Wissen, Wertebewußtsein, lebenslanges Lernen, Kanon, bessere Integration! - nicht beizukommen ist. Kein Wort, vor allem kein Gedanke dazu, wie dem abzuhelfen sei, nicht einmal gestreift wurden die Ursachen dieser Entwicklung. Die symbolische Geste, diese Rede an einem Ort zu halten, an dem sich alle Nöte dieses Landes konzentrieren, sie lief ins Leere. Die lobenden Worte des Arbeitgeberpräsidenten Hundt, wonach dieser Besuch im Chaos des wirklichen Lebens ein Zeichen gesetzt hat und Hauptschulen einfach großartig sind, weil sie so enorm viel leisteten für die Integration junger Menschen in das Arbeitsleben - sie müßten vielen wie Hohn geklungen haben, hätten sie denn zugehört.
Den Lehrern, die sich immer wieder der schier unlösbaren Aufgabe stellen, aus der Schar ihnen anvertrauter potentieller jugendlicher Verlierer wenigstens einige zu retten, kann diese Rede bestenfalls ein Trost sein. Aber mehr eben auch nicht. Jahr um Jahr schicken sie ihre Schüler ins Leben; im günstigsten Fall mit einem Abschlußzeugnis, das jedoch alsbald seinen Wert verliert, spätestens dann, wenn potentielle Arbeitgeber Bewerbungen sortieren und sich nur in Ausnahmefällen für einen Jungen von einer Hauptschule in Neukölln entscheiden, solange sie andere zur Auswahl haben.
Ein paar Stunden lang ist gestern in der Zwillingestraße, Berlin-Neukölln, der Lauf des Lebens angehalten worden. Es gab Häppchen von der schuleigenen Cateringfirma, mit Hingabe seit dem frühen Morgen von Schülern für den hohen Gast und seine Begleiter zubereitet - doch was kommt danach? Eine Frage, die der Präsident in seiner Rede häufig stellte, eine Antwort blieb er schuldig. Köhlers Rede am sozialen Brennpunkt erinnerte an die Besuche feiner Damen im Kriegslazarett - es ist gut gemeint, aber wirklich helfen tut es nicht.
Text: F.A.Z., 22.09.2006, Nr. 221 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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