Nach dem Referendum

Herzzerreißend, eine Katastrophe

“Eine ziemliche Katastrophe“: Elfriede Jelinek

"Eine ziemliche Katastrophe": Elfriede Jelinek

31. Mai 2005 Enttäuschung und Erschütterung: Europäische Schriftsteller und Intellektuelle wie Elfriede Jelinek und Cees Nooteboom kommentieren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung.

Elfriede Jelinek: Fataler Denkzettel

Es ist eine ziemliche Katastrophe, daß das Referendum in Frankreich so ausgegangen ist. Das Beste an der Verfassung wäre ja gewesen, daß es sie überhaupt gibt, und das Wichtigste an ihr, daß sie gemeinschaftsbildende Kraft entwickeln beziehungsweise mobilisieren hätte können. Dafür wäre es höchste Zeit; denn es finden immer noch europäische Wahlen statt, bei denen die Wähler ihren eigenen Regierungen einen Denkzettel verpassen wollen. Alle Details dieser Verfassung wären ja nachträglich, in einem gemeinsamen politischen Prozeß, verhandelbar gewesen.

Es ist sehr kurzsichtig, diese Verfassung einfach im ganzen zurückzuweisen, teilweise mit rechtem Chauvinismus, teilweise mit öden Klassenkampfparolen, die in dieser Frage bestimmt nicht angebracht sind, damit wäre jede Verfassung überfordert. Ich meine, daß ab sofort die staatlichen Medien die Hälfte ihrer Nachrichten als Europa-Nachrichten senden müßten und nur noch eine Hälfte für nationale Fragen reserviert bleiben sollte. Die meisten Bürger, die da abgestimmt haben, wissen ja gar nicht, worüber sie abgestimmt haben, das ist in meinen Augen das Problem.

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek erhielt 2004 den Literaturnobelpreis.

Cees Nooteboom: Die große Gefahr

Das Ergebnis macht mich sehr traurig. Es zeigt die Unsicherheit der Franzosen über ihre Rolle in Europa. Wir Holländer hatten viel Zeit, uns daran zu gewöhnen, daß wir keine Großmacht mehr sind. Die Franzosen aber haben nicht verwunden, daß ihr Einfluß - und die Bedeutung ihrer Sprache - abgenommen hat, daß der Kriegsverlierer Deutschland einflußreicher geworden und die grande nation an die Peripherie gerückt ist. Und nun machen sie ihrem Unmut in so einer Reaktion Luft. Es ist wirklich absurd, wenn das „Nein“ in Frankreich wie ein Sieg, ja wie eine Revolution gefeiert wird. Es ist das Gegenteil, die Verhinderung des Fortschritts.

Vor allem ist es auch ein Schlag ins Gesicht der neuen Mitglieder im Osten, denen nun, ein Jahr nach ihrem Beitritt, eine führende europäische Nation sagt: Wir wollen euch nicht. Das gilt auch für die Türkei, deren Beitritt eine große Chance wäre und den ich unbedingt befürworte. Ein Referendum ist ein unglückliches Instrument, wahrscheinlich würde man auch die Todesstrafe wieder einführen, wenn das Volk darüber abstimmen dürfte. Wir Holländer sind zwar eigenständig genug, uns bei der bevorstehenden Abstimmung nicht vom französischen Ergebnis beeinflussen zu lassen, aber das Rennen ist offen. Auch hierzulande wurden viele diffuse Ängste geschürt, von den extremen Rechten wie von den Linken gleichermaßen.

Eine große Rolle spielen hier antiislamische Ressentiments. Dabei hat die Verfassung mit der Frage eines EU-Beitritts der Türkei gar nicht direkt zu tun. Es ist zu befürchten, daß die Menschen in Europa nur auf die angeblich bestehenden kleinen Gefahren starren und die große, die wirkliche Gefahr aus dem Blick verlieren: daß ein stagnierendes Europa ökonomisch gegenüber China, den Vereinigten Staaten oder auch Indien in den kommenden Jahrzehnten hoffnungslos zurückfällt und sich dann die Menschen erst recht radikalen Strömungen zuwenden. Die geistige und kulturelle Welt hat die EU nicht nötig, denn sie hat sich immer schon als Einheit verstanden. Doch wir brauchen eine wirtschaftliche Einigung, um auch in Zukunft eine bedeutende Rolle in der Welt spielen zu können. Ich selbst werde jedenfalls von einer Auslandsreise eigens zurückkommen, um mit „Ja“ zu stimmen.

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom wurde 1933 in Den Haag geboren; er lebt heute in Amsterdam und auf Menorca. In diesem Frühjahr wurde die achtbändige Ausgabe seiner gesammelten Werke im Suhrkamp Verlag mit den Reiseschriften und Feuilletons abgeschlossen.

Viktor Jerofejew: Nackter Hintern

Ungeachtet meiner Liebe zu Frankreich kommt es mir so vor, als habe das Land am Sonntag einen unanständigen Laut von sich gegeben und damit die Luft in Europa gründlich verdorben. Das bedeutet nicht, daß Europa an dem schlechten Geruch zugrunde gehen wird. Aber eine Zeitlang wird es sich die Nase zuhalten müssen. Die Franzosen haben sich verhalten wie Provinzler, voll Hochmut und Widerwillen ihren Nachbarn gegenüber. Nur um der eigenen Regierung den nackten Hintern entgegenzustrecken, haben sie die Zukunft Europas in ein falsches Licht gerückt. Es muß offenbar noch Zeit vergehen, bis sich die Franzosen zu besseren Europäern wandeln. Aber ihnen bleibt schlicht keine andere Wahl.

Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, zählt zu den wichtigsten Schriftstellern Rußlands. 2004 erschien sein Roman „Der gute Stalin“.

Hugo Loetscher: Polenta für alle

Ich bin zutiefst enttäuscht und hoffe nur, daß der Ausgang der Abstimmung keinen negativen Einfluß auf die Schweiz haben wird, die am kommenden Sonntag über ihren Beitritt nicht nur zur Europäischen Union, sondern zu „Schengen“ entscheiden wird. Die Schweiz ist für mich in Europa angelegt. Ich war gerade in Rumänien. Da hat man mir Polenta serviert. Für mich ist Polenta mit dem Tessin verbunden, sie kam aus Italien - und zuvor aus der Türkei nach Venedig. Polenta in Bukarest? Natürlich - sie kam einfach auf einer anderen Route dahin. Polenta ist eine europäische Klammer. Man sollte diese alltäglichen Aspekte und Gemeinsamkeiten nicht vernachlässigen. Heute sind die Probleme überall die gleichen - und sie werden auf eine sehr ähnliche Art nicht gelöst. Man kann die Angst vor dem Sozialabbau und der wilden Konkurrenz ja durchaus begreifen.

Gleichwohl ist die Entwicklung sehr gefährlich: Einzelne Gruppen stehen im Vordergrund. Partikulare und immer mehr wieder nationale Interessen werden egoistisch vertreten und verstellen den Blick auf das Ganze. Die großen - auch historischen - Zusammenhänge werden nicht mehr gesehen. Die „Grande Nation“ fühlt sich in die Ecke gedrängt, England, das frühere „Empire“, ist eine Europa vorgelagerte Insel geworden da sind Vorbehalte psychologisch nachvollziehbar. Ich denke, daß die großen Probleme - Arbeitslosigkeit, Renten, Gesundheitskosten - durchaus im europäischen Rahmen angegangen werden müssen.

Ich habe in früheren Jahren Unterschriften für den Beitritt der Schweiz noch zum Europarat gesammelt und viele Abfuhren bekommen. Europa - das waren zunächst einmal Frankreich und Deutschland. Wir dürfen bei allen Rückschlägen auch die Fortschritte nicht verkennen. Die ständige Erweiterung hat etwas Schwindelerregendes, auch wenn sie der historischen Logik entspricht. Das Projekt der Vereinigten Staaten von Europa ist sehr viel schwieriger zu realisieren, als es der Zusammenschluß der Vereinigten Staaten war. Die ethnischen, kulturellen, politischen Unterschiede sind in der Alten Welt sehr viel größer. Ganz abgesehen von den historischen Konflikten und Kriegen, die dem Aufbau Europas vorausgingen.

Hugo Loetscher, geboren 1929, lebt als Schriftsteller in Zürich.

Michael Frayn: Herzzerreißend

Ich bin sehr, sehr traurig, ja regelrecht erschüttert über das Ergebnis des Referendums in Frankreich. Eine starke, leistungsfähige und funktionierende Europäische Union ist für jeden von uns nicht nur wünschenswert, sondern geradezu unerläßlich. Erst neulich befand ich mich in den Vereinigten Staaten, wo ich zufällig eine Radiosendung hörte, in der sich die Teilnehmer sehr darüber beschwerten, daß die Europäische Union im Welthandel immer mehr den Ton angeben und die Bedingungen diktieren würde.

Ich habe mich über diese aufgebrachten amerikanischen Stimmen sehr gefreut. Nicht nur aus unserer europäischen Perspektive, sondern auch in den Augen der Welt hat sich die EU politisch und ökonomisch als Gegengewicht zu den einst übermächtigen Vereinigten Staaten etabliert. Dieses Machtgefüge, in dem nicht mehr eine Nation allein das Sagen hat, darf nicht in Gefahr geraten. Zwar ist Großbritannien durch die Absage der Franzosen nun wohl um eine millionenteure Volksabstimmung zur EU-Verfassung herumgekommen, die aufgrund des zwiespältigen britischen Verhältnisses zu Europa ebenfalls einen heiklen Ausgang hätte nehmen können, doch das ändert nichts an meinem Entsetzen über das französische Wahlergebnis. Die Nachricht ist herzzerreißend.

Der britische Schriftsteller und Dramatiker Michael Frayn, geboren 1933, veröffentlichte auf deutsch zuletzt den Roman „Das Spionagespiel“.

Adam Krzeminski: Schizophrene Lage

In Polen sind nach den jüngsten Umfragen 51 Prozent der Bevölkerung für die Verfassung und nur 19 Prozent dagegen. Das ist eigentlich ein klarer Fall. Aber die Politiker der Rechten verstecken sind hinter den Franzosen und jubeln - nicht nur insgeheim. Die Lage ist ziemlich schizophren. Wir haben die französischen Vorbehalte gegen Polen und den inzwischen berühmten „polnischen Klempner“ sehr wohl zur Kenntnis genommen. Aber das war ganz gewiß nicht das Hauptargument für das Nein. Unvergessen sind hier die Ausfälle Chiracs, der Polen beschimpfte, weil es an der Seite der Amerikaner in den Irak gegen Saddam Hussein zog. Das wird immer wieder erwähnt in den Kommentaren. Und zumindest latent ist natürlich immer auch 1940 präsent.

Die Franzosen gelten als Partner, auf die man im Ernstfall nicht unbedingt zählen kann und die sich in der Stunde der Wahrheit der Verantwortung entziehen. Wir werden in Polen gegen die Politiker der Rechten - ablehnende Tendenzen gibt es auch auf der Linken, aber sie fallen kaum ins Gewicht - kämpfen, und wir wollen unbedingt die Abstimmung. Polen und die anderen osteuropäischen Länder werden mit ihrem Ja zeigen, daß sie für die Vertiefung der Europäischen Union sind. Und sie werden Druck auf Frankreich ausüben.

Adam Krzeminski gehört zu den bekanntesten Intellektuellen Polens und ist Leitartikler der Zeitschrift „Polityka“.

Emmanuel Todd: Nationales Eigentor

Beim Maastricht-Referendum war ich für ein Nein, ich habe den Euro bekämpft und bin inzwischen von seinem Nutzen überzeugt: weil sich die Welt und die Wirtschaft verändert haben. Die französische Ablehnung der Verfassung zeigt, wie sehr bei uns die politische Tradition intakt ist. Der Egalitarismus lebt. Das Volk sagt nein, und das ist sein gutes Recht. Nur - diese nationale Tradition steht im Widerspruch zu den ökonomischen und sozialen Realitäten. Die Wirtschaftsprozesse kennen keine nationalen Grenzen mehr. Die Anführer des Neins werden gegen diese Mauer auflaufen - und völlig hilflos bleiben.

Zur Lösung ihrer Widersprüche und der anstehenden Probleme haben sie kein Programm. Sie lehnen den „Liberalismus“ ab. Die von ihnen gewünschte Einschränkung des freien Handels - mit mehr Protektionismus - könnte nur auf europäischer Ebene durchgesetzt werden. Nur Europa kann die Institutionen begründen, die im internationalen Konkurrenzkampf etwas taugen. Das Nein ist ein brillantes Eigentor der Gegner. Es ist moralisch verwerflich und strategisch völlig falsch, die Polen als unsere Gegner hinzustellen. Erstens sind wir ihnen noch etwas schuldig. Und zweitens ist Polen für Deutschland ein wichtiger Partner. Deutschland und Osteuropa könnten versucht sein, den Wirtschaftsraum nach dem Nein der Franzosen neu - und auf einem höheren Niveau - zu ordnen.

Das Nein ist ein Affront für Deutschland. Gleichzeitig muß man feststellen, daß die Gegner des Neins die historische Wiedervereinigung Europas - durch die Ost-Erweiterung - nicht begriffen haben und auf das deutsch-französische Kerneuropa setzen. Es wurden keine historische Ängste vor Deutschland mobilisiert, und das ist neu. Doch die Gegner der Verfassung verkennen, daß Deutschland seit dem Krieg und seit der Wiedervereinigung ihre eigene enge nationale Sicht nicht teilt.

Emmanuel Todd lehrt am Institut National des Etudes Demographiques.



Text: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite 35
Bildmaterial: AP, Archiv, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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