02. Mai 2006 Mir blickt jemand entgegen, der ich nicht bin. Ich ziehe Grimassen, um mich mit dem Bild im Spiegel anzufreunden: Hallo, das bin ich. Nur ohne Haare. Während ich ausprobiere, wie mein Gesicht am wenigsten häßlich aussieht, denke ich an Iranerinnen und griechische Witwen. Der schwarze Stoff macht, daß ich mich ein bißchen wie eine von ihnen fühle.
Der Anblick des Gesichts verändert sich, abhängig davon, wie man das Tuch faltet und knotet: Ziehe ich es mehr in die Stirn, wirft es einen Schatten, der die Wangen schmaler scheinen läßt. Lege ich es genau entlang der Haargrenze, sieht man alles: Wie durch einen schwarzen Rahmen betont, wird der Blick auf jede Unebenheit der Haut gelenkt. Ich entscheide mich für den vorteilhaften Schattenwurf. Hört die Eitelkeit denn nie auf?
Stoff, der frei macht?
Ich versuche zu verstehen, warum Frauen in Deutschland sich dazu entscheiden, ihre Haare zu bedecken. Sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden, steht im Koran Sure 33, Vers 60 geschrieben. Aber das ist nicht der einzige Grund. Das Kopftuch gebe ihnen Freiheit, weil sie sich unter Ausblendung ihrer körperlichen Reize bewegen könnten, sagen viele Muslima, wenn man sie fragt, warum sie ihr Haar verbergen. Das hört sich verlockend an: Ein Stück Stoff, das frei macht.
Die meisten muslimischen Frauen wehren sich dagegen, daß ihr Kopftuch als politisches Symbol oder Zeichen der bewußten Abgrenzung verstanden wird. Das Kopftuch sei eine rein private Entscheidung, die sie aus religiösen Motiven gefällt hätten, ist das gängige Mantra, das Muslima in den Internetforen wie kopftuch.info immer wiederholen. Aber kann man sich heute als Frau mit Kopftuch bewegen und davon ausgehen, daß die Öffentlichkeit den Stoff als rein private Entscheidung wahrnimmt? Mich interessiert, was sich ändert, wenn ich mein Haar verberge. Werde ich von meinen Landsleuten auf einmal despektierlich behandelt, wie eine junge Kopftuchträgerin mir gegenüber neulich behauptet hat?
Ein optisches Ausrufezeichen auf dem Kopf
Als ich verhüllt auf die Straße trete, regt sich mein schlechtes Gewissen. Es ist, als hätte ich mein Haupt mit einer Lüge bedeckt. Als wollte ich mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen irgendwo einschleichen, wo ich nicht hingehöre. Es ist nur ein Stück Stoff, sage ich mir und weiß im selben Moment, daß ich mich selbst belüge. Ich trage nun ein optisches Ausrufezeichen auf dem Kopf. Hoffentlich treffe ich niemanden, den ich kenne, um nicht in Erklärungsnot zu geraten.
In der S-Bahn setze ich mich einer Frau mittleren Alters gegenüber. Die Geräusche nehme ich nur gedämpft wahr, denn meine Ohren sind bedeckt. Das Rascheln des Polyesters irritiert mich. Mir wird heiß. Ich ziehe mein Kopftuch nach vorne - gerade noch rechtzeitig. Fast wäre eine Haarsträhne herausgerutscht. Die Frau mustert mich von oben bis unten. Von meinem schwarzen Kopftuch, über meinen langen Mantel bis zu den Schuhen. Als ich sie anschaue, sieht sie schnell aus dem Fenster. Sie spricht mich an, als wir in den Tunnel fahren: Nächste Station - Hauptbahnhof? fragt sie langsam und deutlich, als bezweifle sie, daß ich Deutsch verstehe. Ich bejahe und lächle sie an. Zaghaft lächelt sie zurück.
Ignoriert im Bahnhofsviertel
Diese Unsicherheit werde ich im Laufe des Tages noch bei vielen deutschen Frauen feststellen. Nur die wenigsten reagieren mißbilligend auf die Kombination von grünen Augen und bedecktem Haar, eher etwas mitleidig. Viele Frauen sehen mich an, als könne der Grund für mein Kopftuch nur eine schwere Krankheit oder ein gewalttätiger Ehemann sein. Auf jeden Fall aber nichts Gutes.
Ich laufe durch das Frankfurter Bahnhofsviertel. Hier dominieren Sexshops und von Ausländern geführte Billigläden das Straßenbild. Ich betrete ein Elektronikgeschäft und lasse mich von einem jungen Türken im engen Muskelshirt über verschiedene Kabeltypen beraten. Mein Verkäufer ist der Typ Mann, der Frauen innerhalb von Sekunden mit Blicken ausziehen kann. Immer wenn draußen ein junges Mädchen vor dem Schaufenster vorbeigeht, kann ich beobachten, wie perfekt er das macht. Aber durch mich guckt er durch. Ich lächle ihn an. Er ignoriert es. Ich lege den Kopf schief, während er mir etwas erklärt. Er scheint mich noch immer nicht zu sehen. Meinen die Kopftuch-Verfechterinnen das mit Freiheit?
Es ist, als trüge ich eine Tarnkappe
Neben dem Elektrogeschäft befindet sich ein Sexshop. Es ist nicht das erste Mal, daß ich hineingehe. Als Teenager galten Abstecher in diese Läden als eine Art Mutprobe, später betrat ich sie eher aus Neugier oder Langeweile. Diesmal zögere ich. Wird das Kopftuch provozieren? Ich sage innerlich noch einmal mein Sprüchlein von dem bloßen Stück Stoff und meiner persönlichen Freiheit auf und trete ein. Mit Körperhaltung und Mimik bewaffnet, die Selbstverständlichkeit ausdrücken sollen, schaue ich mir Sexspielzeug und die neuesten Pornofilme an. Selbst wenn ich die erste Frau mit Kopftuch im Beate-Uhse-Laden bin, läßt sich der Verkäufer das nicht anmerken. Die übrigen Kunden auch nicht. Sie schauen einfach durch mich hindurch, ihre Blicke fixieren die Fotos der seltsam verrenkten Frauenkörper an der Wand hinter mir. Erst als ich den Laden verlasse, blicken sie mir nach, als hätten sie gerade ein Phantom gesehen.
Ich fahre zur Universität. Mein Ehrgeiz ist geweckt: Irgendwo muß sich doch ein Mann finden lassen, der nicht vorgibt, ich sei unsichtbar, sobald ich Blickkontakt suche. Ich habe doch keinen Aussatz, sondern nur meine Haare bedeckt. Aber ich bleibe erfolglos, egal wie direkt ich Männern in die Augen blicke oder wie offensiv ich sie anlächle. Es ist immer das gleiche Muster: Sie gucken mich an, wenn ich es nicht zu bemerken scheine. Sobald ich aber zurückblicke, schauen sie schnell zur Seite. Es ist, als trüge ich kein Kopftuch, sondern eine Tarnkappe. Oder als stehe mein Ehemann mit Baseballschläger bewaffnet hinter der nächsten Ecke und warte nur darauf, daß mich jemand einen Moment zu lang anschaut.
Solidarität unter Kopftuchträgerinnen
In der Cafeteria der Unibibliothek setze ich mich zu einer Gruppe Studentinnen. Sie haben ihre Jeans in die Stiefel gesteckt, tragen lange dünne Schals und ihre Haare sind a la mode geschnitten. Sie betrachten mich nicht unfreundlich, aber distanziert. Ihre Signale sind deutlich: Jemand mit Kopftuch gehört nicht zu ihrem Club. Meine Verschleierung steht wie eine unsichtbare Mauer zwischen uns.
Dafür werde ich heute zum Beitritt in einen anderen Club eingeladen - zumindest mit Blicken. Egal welche kopftuchtragende Studentin ich heute treffe - sie strahlt mich an, als seien wir Verbündete. Selten sind mir fremde Menschen mit so viel Sympathie begegnet. Für einen Moment komme ich mir wieder verlogen vor. Mein schlechtes Gewissen bringt mich sogar dazu, in der Mensa das totpanierte Hühnchenschnitzel und nicht die Wildschweinbratwurst zu wählen, obwohl mir mein Appetit etwas anderes rät. Aber irgendwie möchte ich die Kopftuchträgerinnen hinter mir in der Schlange nicht enttäuschen, haben sie mir doch gerade so viel Wohlwollen entgegengebracht.
Rückenfrei erscheint mir heute unpassend
Ich wechsle wieder einmal das Milieu und gehe zum Einkaufen auf die Goethestraße, Frankfurts Miniaturversion des Rodeo Drive. Den Laden betrete ich nicht zum ersten Mal, aber diesmal erkennt mich keiner. Meine Kleidung ist nicht anders als sonst, aber die Reaktion der Verkäuferin, die mich vorher immer sehr zuvorkommend bedient hat. Sie schaut mich so an, als stelle sie sich die Frage, ob sich ihre Putzfrau wohl auch für einen Rock für 250 Euro interessieren würde. Aus Trotz kaufe ich mir ein Oberteil, das ich mir eigentlich nicht leisten kann.
Aus dem gegenüberliegenden Laden fliehe ich geschwind vor dem Kruppstahl-Lächeln der Frau hinter der Kasse und der mißbilligenden Musterung eines Mannes um die Sechzig, der in einem Sessel sitzend auf seine Frau wartet. Im nächsten Geschäft begeistere ich mich spontan für ein rückenfreies schwarzes T-Shirt. Ich falte es auseinander und lege es dann reflexartig zurück ins Regal. Rückenfrei erscheint mir heute einfach unpassend.
Ich will wieder zurück in meine Welt
Statt dessen entscheide ich mich für einen Pullover mit V-Ausschnitt. In der Umkleidekabine habe ich ein Problem. Ich muß mein Kopftuch abnehmen, um den Pullover über den Kopf ziehen zu können. Ich trete mit unbedecktem Haar aus der Kabine vor den Spiegel. Mir ist heiß, das Tuch kratzt und ich bin die Sonderbehandlung müde. Die Verkäuferin blickt erstaunt auf mein blondes Haar. Ich erzähle ihr von meinem Selbstversuch und frage sie, ob sie sich gewundert hat, als ich mit Kopftuch in den Laden gekommen bin: Und ob, sagt sie. Meine selbstbewußte Art und das Kopftuch hätten in ihren Augen nicht zusammenpassen wollen. Dabei ist sie selbst Muslima und kennt viele Frauen mit Kopftuch, wie sie erzählt.
Ein letztes Mal verberge ich noch meine Haare unter dem schwarzen Stoff und knote das Tuch um den Hals. In dem Cafe bestelle ich mir einen Earl Grey Tee und ein Stück Johannisbeerkuchen. Ich frage mich, ob eine Muslima diese Torte wohl auch essen würde, obwohl der Guß mit Gelatine gemacht ist. Auch hier wieder das gleiche Spiel: Ich werde neugierig gemustert, aber sobald ich auf die Blicke reagiere, scheinen die anderen Gäste peinlich berührt. Auf der Toilette ziehe ich mir das Tuch vom Kopf. Ich will wieder zurück in meine Welt. Auf dem Opernplatz kommt mir ein Fahrradkurier entgegen. Ich lächle ihn an. Er grinst zurück und zwinkert mir zu. Ich habe ein Stück Stoff abgelegt. Und gleichzeitig die Mauer zwischen mir und meiner Umgebung eingerissen.
Text: F.A.Z., 02.05.2006, Nr. 101 / Seite 52
Bildmaterial: F.A.Z.-Julia Zimmermann