Anrufsender

Die Worte der Verwirrten

Von Stefan Niggemeier

Verwirrter Anrufer: Szene aus dem Stück “Room Service“, Schaubühne Berlin

Verwirrter Anrufer: Szene aus dem Stück "Room Service", Schaubühne Berlin

20. Dezember 2007 Montagnacht. Auf Viva, Comedy Central und dem Kindersender Nick läuft die Anrufsendung „Money Express“, und die Moderatorin sucht Tiernamen, deren Buchstaben durcheinandergeraten sind. Der „AFFIGER“ ist schon als „Giraffe“ enttarnt worden, und nach zehn Minuten wurde auch ein Anrufer durchgestellt, der im „AEGPAPI“ den „Papagei“ erkannt und 760 Euro gewonnen hat.

Aber nun steht da „PORNOSKI“, und weil das schwer zu sein scheint, gibt es Hilfe: Es handele sich um ein Sternzeichen, das mit „S“ beginnt. Trotzdem dauert es über zweieinhalb Stunden, bis eine Anruferin endlich „Skorpion“ sagt, und das liegt nicht nur daran, dass endlos lange niemand durchgestellt wird. Es liegt auch daran, dass diejenigen, die durchgestellt werden, erstaunliche Lösungen haben. Ein Helmut tippt auf „Spion“, eine Sabine vermutet „Pornokinos“, Dagmar schlägt „Pony“ vor, Alfons „Sponk“, Ulrike sagt „Steinbock“, und Sonny glaubt, das gesuchte Tier mit „S“ sei „Popcorn“.

Anrufe in Scharen

Nun ist nicht auszuschließen, dass Menschen, die dumm genug sind, für teures Geld an dieser Art Sendungen teilzunehmen, auch dumm genug sind, solche Antworten zu geben. Bemerkenswert aber ist, dass diese Menschen in außerordentlich überdurchschnittlicher Zahl „Money Express“ zu gucken scheinen und nicht die Programme der Konkurrenz. Und dass sie nur zu bestimmten Zeiten in Scharen anrufen. Bei niedrigen Gewinnsummen geben selbst die Zuschauer von „Money Express“ meist richtige Antworten. Und auch am Ende der Sendung, wenn das Geld noch ausgespielt werden muss, hat der Anrufer erstaunlicherweise fast immer eine korrekte Antwort. Die Gaga-Antworten häufen sich fast jeden Abend dann, wenn der Sender das große Geld vielleicht noch nicht weggeben, aber auch nicht den Eindruck erwecken will, es werde kein Anrufer durchgestellt.

Dieses Phänomen ist nicht zu erklären. Zufall kann es nicht sein, dafür ist der Ablauf zu regelmäßig und vorhersagbar. Betrug kann es auch nicht sein, denn die Produktionsfirma der Sendung, die Endemol-Tochter Callactive, geht juristisch dagegen vor, dass jemand den Verdacht äußert, die massenhaften Falschanrufer seien gefälscht.

Sanieren auf Kosten der Zuschauer

Es ist einer der großen Skandale der deutschen Rundfunkordnung, dass Sender wie Viva oder das DSF sich mithilfe dubioser Call-TV-Sendungen auf Kosten gutgläubiger Zuschauer und weitgehend ohne Kontrolle sanieren können. Dabei müsste man sich nicht einmal hinsetzen und die Shows angucken, um das ganze Ausmaß an Ungeheuerlichkeiten zu erfassen. Das macht schon eine Gruppe von Menschen, die mit beunruhigender Ausdauer in dem Internet-Forum call-in-tv.de die Abgründe protokollieren, die sich täglich in „Money Express“ und den anderen Sendungen auftun.

In anderen Ländern gibt es dafür Aufsichtsbehörden. Hierzulande finanzieren die Fernsehzuschauer zwar über die Rundfunkgebühren gleich vierzehn Landesmedienanstalten. Aber die muss ein Call-TV-Produzent nicht fürchten. Mit viel Tamtam haben sie im Sommer die Regeln überarbeitet, die für solche „Gewinnspiele“ gelten, doch bedeutet das nur, dass Sender nun möglicherweise gegen die neue Fassung verstoßen statt gegen die alte. Sanktionen haben sie ohnehin nicht zu befürchten. Das ändert sich frühestens im nächsten August, wenn der neue Rundfunkstaatsvertrag in Kraft treten soll, der Gewinnspiele im Fernsehen für zulässig erklärt, aber feststellt: „Sie dürfen nicht irreführen und den Interessen der Teilnehmer nicht schaden.“ Dann könnten die Landesmedienanstalten auch Bußgelder verhänten - eine entsprechende Satzung soll rechtzeitig fertig sein. Aber eine systematische Beobachtung der Sendungen wird es auch dann nicht geben.

Stimmproben gesammelt

Da auch die Staatsanwaltschaft am Sitz der Unternehmen in München offenbar keinen Anlass zum Einschreiten sieht, obwohl mehrere juristische Analysen zu dem Schluss kommen, dass die Anrufspiele den Straftatbestand des Betruges erfüllen könnten, bleibt als einzige Kontrolle die Öffentlichkeit. Und das heißt konkret vor allem: das Call-In-TV-Forum. Akribisch werden dort sogar Stimmproben der merkwürdigen Anrufer gesammelt und verglichen, und tatsächlich fällt auf: Manche der Leute haben unterschiedliche Namen, aber erstaunlich ähnliche Stimmen.

Doch im Forum herrscht nicht immer der Ton eines sachlichen Protokollanten. Kein Wunder: Wer stundenlang diese Programme verfolgt, ist schnell versucht, unflätig oder drastisch zu formulieren. Das bietet den Veranstaltern immer wieder Angriffsflächen, gegen das Forum vorzugehen. Vor allem Callactive macht davon exzessiv Gebrauch. Eine Vielzahl von Verfahren hat Callactive schon gegen das Forum angestrengt, und obwohl Geschäftsführer Stephan Mayerbacher sagt, man wehre sich nur gegen unwahre Tatsachenbehauptungen, scheint es darum zu gehen, die Kritiker mundtot zu machen.

Grotesker Kampf und Worte

Tatsächlich kann Marc Doehler, der Betreiber des Forums, die Anwalts- und Gerichtskosten kaum tragen. Schon an Screenshots nahm Callactive Anstoß, und inzwischen ist ein grotesker Kampf darum entstanden, mit welchen Worten man das Unbeschreibliche von „Money Express“ beschreiben darf. Erst ließ Callactive untersagen, von „Fake-Anrufern“ zu sprechen, da der darin enthaltene Betrugsvorwurf falsch sei (zweifellos ist er unbewiesen). Als die Forenmitglieder daraufhin von „verwirrten Anrufern“ sprachen, ging Callactive auch dagegen vor und gewann in zweiter Instanz. In dieser Woche hat Callactive nun auch den Gebrauch des Wortes „angeblich“ abgemahnt, etwa in Protokollen, in denen die Antwort eines „angeblichen Falschanrufers“ zitiert wird.

Mehr als 30.000 Euro Strafe will Callaktive, der freundliche Fernsehproduzent, von Doehler, weil gegen frühere Unterlassungserklärungen verstoßen worden sei. Die Äußerungen, um die es geht, standen nach Angaben von Doehlers Anwalts Frank Metzing teilweise nur zwei Minuten auf der Seite, bevor sie von einem Administrator gelöscht wurden. Und selbst von einem Kommentar, der laut einer internen Auswertung nur von zwei Menschen gesehen wurde: demjenigen, der ihn abgegeben hat und demjenigen, der ihn löschte, konnte Callactive erstaunlicherweise einen Screenshot vorlegen. Da fragt man sich, woher der Kommentar eigentlich kam.

Nichts glauben, was der Moderator sagt

Bei MTV heißt es, man habe mit den rechtlichen Schritten von Callactive zwar nichts zu tun. Es sei aber „nicht an uns, Callactives Wahl der Vorgehensweise zu bewerten, mit denen sie meinen, ihren Ruf am besten schützen zu müssen. Grundsätzlich steht es jedem Unternehmen zu, wahrheitswidrige und geschäftsschädigende Äußerungen gerichtlich überprüfen und untersagen zu lassen.“

Bei „Money Express“ läuft seit kurzem ein Textband, das indirekt jede Irreführung der Zuschauer dadurch zu rechtfertigen scheint, dass sie Teil des Spiels seien. Dort steht unter anderem: „Ein Spiel dauert maximal bis Sendungsende! Das Sendungsende . . . kann variieren.“ Oder: „Der Moderator ersetzt nicht die Mitmachregeln.“ Das bedeutet ungefähr, dass man nichts glauben soll, was der Moderator sagt. Glaubt man es aber nicht und drückt das durch ein „angeblich“ aus, ist das möglicherweise justiziabel ist.

Es bleibt nicht viel mehr als die Flucht in den Zynismus eines Oliver Kalkofe, der über die Anrufsender formulierte: „Beruhigend zu wissen, dass die Gerichte vielleicht machtlos sind, die Opfer vor den Betrügern schützen zu können, zumindest aber nicht umgekehrt.“

Stefan Niggemeier, Kolumnist der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, beobachtet in seinem Blog das Gebaren der Anrufsender seit langem. Die Firma Callactive hat wegen des Kommentars eines Lesers zu seinem Blog, der mitten in der Nacht geschrieben und von Niggemeier am Morgen gelöscht wurde, eine einstweilige Verfügung erwirkt (siehe: Gericht macht Blogger haftbar für Kommentare).



Text: F.A.Z., 20.12.2007, Nr. 296 / Seite 40
Bildmaterial: Cinetext/CP

 
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