28. September 2008 Vieles am Christentum, was Erbe der Antike ist, ist uns heute nur noch als Mythos verständlich. Ein Gespräch mit dem Theologen Karl-Heinz Ohlig über erfolgreiche Religionen und die Frage, wie man von Muhammad auf Jesus kommt.
Herr Professor Ohlig, kann es sein, dass uns die Kirchengeschichte der Antike mehr angeht, als es den Zeitgenossen bewusst ist?
Das stimmt schon deshalb, weil das Christentum damals die Gestalt angenommen hat, die dann als die christliche schlechthin von uns Abendländern übernommen wurde. Eine Gestalt, die aber jetzt in die Krise gerät.
In welche ihrer vielen Krisen?
Vieles am Christentum, was Erbe der Antike ist, ist uns heute nur noch als Mythos, nicht aber als Glaubensinhalt verständlich. Also muss man die Antike danach befragen, was ist wirklich das Christentum? Und was ist hellenistische Einkleidung, die heute nicht mehr gelebt und geglaubt werden kann.
Wann immer apokryphe Evangelien, gnostische Texte wiederentdeckt werden, kommt einer und sagt: das sei das wahre Christentum.
Das macht nur die Sensationspresse. Was ich meine, ist die historisch-kritische Erforschung der Texte, die Frage, welche kulturellen Einflüsse damals die Lesart der Texte bestimmt haben.
Der Papst bezeichnet sich selbst als einen Mann der Vernunft.
Der Papst meint, dass erst die Verbindung des Christentums mit dem Logos die eigentliche Form des Christentums ergeben habe, und setzt das, in seiner Regensburger Rede zum Beispiel, dem Islam gegenüber. Der Logos, das ist für ihn einzig die griechische Denkweise und Philosophie. Angesichts der geistes- und naturwissenschaftlichen Entwicklung hat heute die Vernunft aber andere Parameter.
Was schlagen Sie vor? Zurückkehren zu den Ursprüngen? Den Kanon neu zusammensetzen?
Der Kanon bleibt die Basis. Aber wir müssen erkennen, dass die Hellenisierung des Christentums nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Daneben gab es eine syrische Kirche, die übers Perserreich bis fast an die Grenzen Indiens reichte, die andere Inkulturationen durchlaufen hat. So etwas finden wir auch in der Gegenwart; in Asien, in Afrika, in Lateinamerika kommen neue Prozesse in Gang, die Gläubigen denken anders über Jesus, anders über Gott.
Was war anders in der östlichen Kirche?
Es war eine Kirche, deren Denken dem Judenchristentum nahestand. Es gab zum Beispiel nicht die griechische Sehnsucht nach Vergöttlichung, die ja bewirkt hat, dass Jesus eine Inkarnation Gottes sein musste. Für die syrische Kirche war die Ethik wichtig und Jesus der Mensch, den Gott gesandt hat, einer, der sich bewährt hat und dem wir, indem wir uns auch bewähren, nachfolgen sollen. Insofern entfiel dort auch die Basis für eine Trinitätslehre.
Ist die Trinitätslehre heidnisches Beiwerk zum Christentum?
Man kann sicher sagen, dass es diese Lehre nicht gegeben hätte ohne die Hellenisierung. Der Gott Jesu, der Gott der Juden war Jahwe, der eine Gott. Das war ein unitarischer Monotheismus, aus dem, im Lauf der christlichen Geschichte, erst ein binitarischer, dann ein trinitarischer Gott geworden ist. Das war damals notwendig, weil, im Verständnis des Hellenismus, Gott das Prinzip der Welt ist, unveränderlich, zeitlos, im Neuplatonismus so sehr eines und undifferenziert, dass er noch nicht einmal weiß, dass es ihn gibt, ein Gott, der nicht handeln kann - deshalb brauchten diese Menschen, um zugleich zu akzeptieren, dass dieser Gott am Anfang und am Ende der Welt steht, dass er der Schöpfer ist und in die Geschichte eingreift, eine mindere Gottheit. Diese Vorstellung zeigt sich besonders deutlich im Prolog des Johannes-Evangeliums. Am Anfang war der Logos, in dem und durch den alles geschaffen wurde und der dann Fleisch geworden ist.
Es gibt, umgekehrt, auch den Vorwurf ans Christentum, dass es sich das Heidentum einverleibt habe: die Feiertage, die Rituale . . .
Das Christentum ist sicher die Religion, die sich am offensivsten in die Kulturen hineinbegeben hat. Ursprünglich eine jüdische Reformbewegung, hat es sich bald an die Nichtjuden gewandt, in diesem Fall an die Ökumene des Römischen Reichs. Und wenn man hier missioniert, muss man sich so ausdrücken, dass griechisch denkende Menschen das Christentum als ihre Religion annehmen können. Solche Inkulturationsprozesse geschehen auch heute, in Asien und Afrika, und das ist etwas, das andere Religionen nicht geleistet haben.
War das die Ursache für den Erfolg des Christentums?
Die wichtigste Ursache ist wohl, dass das Grundkonzept des Christentums allen anderen Religionen überlegen ist. Der Glaube an den einen und personalen Gott, welcher der Welt und uns einen Sinn und eine Perspektive gibt . . .
Paul Veyne schreibt, eine Bäuerin habe sich der Jungfrau Maria anvertrauen können. Mit Juno hätte sie nichts zu besprechen gehabt.
Vom populären Marienglauben mal abgesehen: Ja, das Christentum hat sich nicht als herrschende Lehre, als Lehre des Herrschers durchgesetzt, sondern von unten, durch Überzeugung.
Warum ist die alte Götterwelt so restlos verschwunden?
Die Erosion war schon im Gang, als das Christentum auf den Plan trat. Die Gebildeten im Römischen Reich betrachteten die Götterwelt nur noch als Folklore. Man hat die Kulte weiterbetrieben, aber eher auf das eine Göttliche reflektiert. Viele Gebildete suchten Zuflucht in der Philosophie, andere wandten sich Mysterienkulten zu.
Das klingt erstaunlich gegenwärtig. Die Verbindlichkeit des Bekenntnisses ist erloschen, jeder sucht sich, was er braucht.
Es geht um mehr, es geht um die Suche nach einem Sinn. Heute scheint es so zu sein, dass die tradierten Christentümer keine befriedigenden Antworten haben. Man wendet sich esoterischen Richtungen zu oder sucht sich, was einem zusagt . . .
Und in einem solchen Moment kommt das Christentum in die antike Welt und hat einen absoluten, universalen, totalen Anspruch.
Die Situation war günstig für das Christentum. Es gab Zeiten, da wäre die Verkündigung des Christentums schwieriger gewesen.
Vergleichbar wäre heute der Islam?
Ich glaube, man kann das nur in einer Hinsicht vergleichen: dass da, in unsicher gewordenen Zeiten, eine Religion ist, die keine Zweifel zulässt, die nicht wankt. Das mag auf manche anziehend wirken. Aber ich glaube kaum, dass der Islam, wenn er bleibt, wie er ist, sich missionarisch vermitteln kann, nicht in Gesellschaften, die halbwegs autonome Bürger haben. Er lässt, gegenüber dem kritischen Denken, zu viele Fragen offen
Ist auch die Entstehung des Islams ein Teil der antiken Kirchengeschichte?
Schon der Islamforscher Friedrich Schwally hat 1919 gesagt: Die Theologen sind sich nicht bewusst, dass der Islam ein Teil unserer Kirchengeschichte ist. Je genauer man sich mit dem Koran beschäftigt, desto deutlicher sieht man, dass im Ursprung des Korans eine Form des Christentums lag. Wahrscheinlich erst ums Jahr 800 wurde daraus eine eigenständige Religion.
Was sind die zentralen Belege?
Wie gesagt, die syrische Kirche hat Jesus immer als Propheten, als Gesandten Gottes gesehen. Der syrische Kirchenvater Afrahat nennt Jesus oft den Großen Propheten, nicht den Sohn Gottes, sondern den Sohn Marias, und auf diese syrische Theologie geht der Koran zurück.
Sie haben geschrieben, dass Muhammad eigentlich eine Bezeichnung für Jesus sei.
Muhammad heißt der Gelobte, und die ersten Münzprägungen, auf denen dieser Titel erscheint, tragen ausschließlich christliche Symbole, das Kreuz, die Taufe Jesu oder Ähnliches. Der Kalif Abd al-Malik hat in Jerusalem den Felsendom errichtet, der als erstes muslimisches Bauwerk gilt, aber eine Kirche war. Die Inschrift, die er im Innern anbringen ließ, ist ein rein christologischer Text. Es wird polemisiert gegen die These, Jesus sei der Sohn Gottes. Der zweite Satz heißt, Muhammad sei der Knecht Gottes, denn der Messias Jesus, Sohn Marias, sei . . . und so weiter. Dies ergibt keinen Sinn, wenn man es auf Mohammed bezieht. Wenn man, wie Christoph Luxenberg vorschlägt, muhammad wörtlich übersetzt und den Satz so liest: Gepriesen sei (muhammad) . . ., dann ist er auf den danach erwähnten Jesus zu beziehen. Abdallah, der Knecht Gottes, ist eine alte syrische Bezeichnung für Jesus. Später wurde die Inschrift gelesen: Mohammed, Sohn des Abdallah. Es gibt viele Texte, die unverständlich bleiben, solange man eine Person Mohammed annimmt.
Die ersten Muslime wussten also gar nicht, dass sie Muslime waren. Sie hielten sich für Christen?
Ja, eine Sonderform des Christentums, das sich auf die Schrift berief und den Trinitariern vorwarf, sie verfälschten diese Schrift.
Könnte das eine Ursache sein für die schnelle Ausbreitung des Islams: Dass die Menschen gar nicht bekehrt und missioniert werden mussten?
Ja, der Islam breitete sich überall dort aus, wo die religiöse Tradition eher unitarisch war, wo Jesus als Mensch und Gesandter Gottes verehrt wurde, nicht als Gott.
Können solche Erkenntnisse die Verständigung zwischen den Religionen befördern?
Zunächst geht es um Grundlagenforschung. In den muslimischen Ländern werden solche Fragen nicht diskutiert. Hoffnung macht der Euro-Islam. Muhammad Kalisch, Professor in Münster, hat diese Ergebnisse aufgegriffen.
Was ihn in Schwierigkeiten mit den muslimischen Verbänden bringt.
Und trotzdem kann das Bewusstsein, dass man gemeinsame Wurzeln hat, vielleicht doch zu einer Verständigung führen, so wie es die Verständigung zwischen Christen und Juden befördert hat, dass die jüdischen Wurzeln des Christentums erforscht worden sind.
Karl-Heinz Ohlig war, bis zu seiner Emeritierung 2006, Professor für Religionswissenschaft an der Universität des Saarlands. Soeben erschienen: Schlaglichter. Die ersten beiden islamischen Jahrhunderte, Verlag Hans Schiler, 617 Seiten, 64 Euro
Interview Claudius Seidl
Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom heutigen Sonntag widmet sich der Antike und der Frage, welche Lehren sie für unsere heutige Zeit bereithält.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP