Sprache

Überdachtes Deutsch

Von Hans-Martin Gauger

Staatsschutz für die deutsche Sprache?

Staatsschutz für die deutsche Sprache?

05. Juli 2006 Bundestagspräsident Lammert möchte Deutsch, die „Landessprache“, als offizielle Sprache der Bundesrepublik im Grundgesetz verankert wissen. In den anderen deutschsprachigen Ländern, sagt er zur Begründung, gebe es Analoges. Aber stimmt das überhaupt?

Die Deutschen wissen in aller Regel nicht, daß unser Land, was die Sprache und dann auch, nicht unabhängig davon, seinen inneren Zusammenhalt angeht, unter den übrigen Ländern Europas sehr privilegiert ist. Wir haben da einen großen Vorteil, der gerade dadurch bedingt ist, daß wir, was oft zu Recht oder zu Unrecht beklagt wurde, eine „verspätete Nation“ sind. Es gibt in unserem Land keine alten Minderheiten, während es sonst fast überall solche Minderheiten gibt. Wir haben nur neue Minderheiten, aber die haben die anderen in Europa zusätzlich auch noch. Auch die unzufriedensten Deutschen sind nicht darüber unzufrieden, Deutsche sein.

Die Mehrheit leidet unter der Minderheit

Nehmen wir Spanien, wo in Europa die Situation gewiß am dramatischsten ist. Es gibt gar nicht so wenige Spanier, nicht nur unter den Basken, die keine Spanier sein wollen. Da leiden erstens diese alten Minderheiten unter ,Schwierigkeiten', die von der Mehrheit kommen (sie empfinden es jedenfalls so - und dies, das gefühlte Leiden, ist ja für die Befindlichkeit entscheidend), und zweitens leidet die Mehrheit unter der Minderheit. Und zwar sehr erheblich. Die baskische ETA, eine kriminelle Terror-Organisation, hat seit dem Wiederbeginn der Demokratie in Spanien zumindest achthundert oft wahllos ausgeführte Morde auf dem Gewissen. Oder eben: nicht auf dem Gewissen, denn im Baskenland gibt es nicht wenige, die diese Tatsache so gut wie gar nicht beschwert.

Die Basken, die, insofern sie ihre alte Sprache noch können oder in den letzten Jahren erlernt haben (das gilt zum Beispiel für den gegenwärtigen Ministerpräsidenten, den „lehendakari“), sind sogar in Spanien ein Sonderfall an Verbiesterung. Aber es gibt in Spanien auch die Katalanen, die sich als eigene „Nation“ verstehen, dann die Valencianer, die zwar, ziemlich genauso wie die Katalanen, katalanisch reden, aber so tun, als hätte ihre Sprache wenig mit dem Katalanischen zu tun; dann die Galizier oder Galleger im äußersten Nordwesten, die auch eine eigene Sprache, das Gallegische oder Galizische haben (vom Galizischen kommt historisch das Portugiesische her). Aber auch in Andalusien und sicher demnächst in der Extremadura gibt es entweder bereits die Verwirklichung oder den Wunsch größerer „Autonomie“. In beiden Regionen redet man zwar keine eigene Sprache, aber man bedauert dies vielfach, oder man erfindet eine eigene Sprache - etwa (es ist der pure Unsinn) „das Andalusische“.

Überall gibt es Probleme

Aber auch anderswo gibt es Probleme. Frankreich zum Beispiel ist eigentlich ein vielsprachiges Land (es gibt dort acht Sprachen), und viele Franzosen fühlen sich gerade als Franzosen (und dies heißt natürlich Paris gegenüber) zumindest unwohl, nicht nur in Korsika. Und England, das so prekäre „Vereinigte Königreich“, hatte und hat Probleme, nicht nur in Nordirland, sondern auch, freilich sehr viel milderer Art, in Schottland und in Wales. Selbst der Schweiz sind Sprachprobleme nicht fremd. In Italien, in „Südtirol“ oder im „Oberen Etsch“, wurden sie zwar weitgehend gelöst, aber eigentlich eher doch zuungunsten der italienisch Redenden dort. In Belgien gibt es ebenfalls Probleme durch die sprachliche Süd-Nord-Geteiltheit in ein „wallonisches“ und ein „flämisches“ Gebiet. Dann in Rumänien, wo übrigens der östlichste deutsche Dialekt nun wohl definitiv, von uns ziemlich unbeachtet, dahinstirbt. Rumänien ist übrigens das einzige der Länder im Osten, in denen Deutsche waren, das sie nach dem Krieg nicht vertrieben hat.

Zu alldem wäre vieles differenzierend zu sagen. Aber es kommt jetzt vor allem darauf an zu sehen, daß dies alles „bei uns“, um eine klassische deutsche Wendung aufzugreifen, fehlt und daß wir uns das Glück dieses Fehlens nicht klarmachen. Nun ist, wenn immer man feststellt, daß wir keine alten Minoritäten haben, ein Kluger nicht weit, der alsbald mit den Sorben zur Stelle ist. Aber die können hier nun wirklich nicht genannt werden: sie sind, schon von der Zahl her, kein Problem und das nichtsorbische Deutschland ist, wie es scheint, auch keines für sie. Dasselbe gilt für die Friesen und die Dänen. Kurz, und darin besteht unser Glück: Es gibt keine Deutschen, so unzufrieden wie auch immer, die etwas anderes als Deutsche sein wollen. Und wenn es darauf ankommt, sind gerade die Bayern mit ihrem schönen Selbstbewußtsein am nationalsten. Gerade von der CSU kam denn auch auf den Vorschlag des Bundestagspräsidenten augenblicklich die herzlichste Zustimmung.

Der sprachliche „Sonderweg“

Der Grund für den sprachlichen ,Sonderweg' Deutschlands ist leicht zu ermitteln. Lange vor der Gründung des „zweiten Reichs“, 1870, gab es eine ziemlich einheitliche und alle so verschiedenen deutschen Dialekte „überdachende“ Hoch- oder Schriftsprache. „Überdachung“ ist da der linguistische von Heinz Kloss stammende treffende Terminus. Natürlich sind Luthers Bibelübersetzung und, oft vergessen, vielleicht mehr noch sein „Kleiner Katechismus“ da entscheidende Wegmarken. Mit diesem „Katechismus“, den die kleine Tony schon auswendig kann, beginnen ja, signifikant auch in dieser Hinsicht, Thomas Manns „Buddenbrooks“.

In dem „Lied der Deutschen“, das Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841, also dreißig Jahre vor dem „zweiten Reich“, auf Helgoland dichtete, markiert der Dichter in der ersten Strophe lediglich - von Westen nach Osten und von Süden nach Norden - die Grenzen des Gebiets der deutschen Sprache: „Von der Maas bis an die Memel,/Von der Etsch bis an den Belt“ und dabei setzt er voraus, daß dort, wo eine und nur eine Sprache sei, auch ein und nur ein Land sein müsse, eben „Deutschland“, das ihm wichtiger war als dessen einzelne Länder.

Da gibt es keinen Konkurrenten

Nur dies meint ja ursprünglich und allein schon rein grammatisch (die Deutschen haben es aber bald selbst anders und gegen die Grammatik verstanden) das berüchtigte „Deutschland, Deutschland über alles“: Hoffmann meinte: Mir geht und uns allen sollte Deutschland über alles, über die Länder in Deutschland gehen, somit: nicht Hessen, nicht Preußen, nicht Bayern, sondern Deutschland. Es wäre ein für einen durchschnittlichen Franzosen ganz normaler Gedanke: nicht die Normandie, nicht Burgund, nicht das Elsaß, sondern „la France“. Es trat ja überhaupt erst in der „Französischen Revolution“, aus ihrem republikanischen Pathos heraus, doch wohl zum ersten Mal in Europa der Gedanke hervor (noch Ludwig XIV. hätte ihn nicht einmal verstanden) zu einer Nation gehöre auch eine und eben nur eine Sprache.

Zum Glück wurde das „Deutschland“ Hoffmanns von Fallersleben (nach heutigen Begriffen doch wohl eher ein Linker) nicht Wirklichkeit. Und eben deshalb ist das Deutsche nun eben nicht einfach ,die Sprache der Deutschen'. Sie ist es nur auch. Aber umgekehrt ist doch nun völlig klar und ganz und gar unangefochten, daß die Sprache Deutschlands das Deutsche ist. Da gibt es doch keinen Konkurrenten. Muß dies wirklich eigens in unser Grundgesetz? Nein.



Text: F.A.Z., 05.07.2006, Nr. 153 / Seite 43
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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