15. September 2006 Der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos, dessen von Papst Benedikt XVI. in seiner Vorlesung zitiertes Streitgespräch mit einem Perser über Islam und Christentum, das 1391 im Feldlager zu Ancyra (Ankara) geführt wurde, nun in der islamischen Welt wieder empörte Reaktionen hervorgerufen hat, war Angehöriger der letzten byzantinischen Dynastie: der Palaiologen. Am 29. Mai 1453 wurde deren Herrschaft durch die Truppen des türkischen Sultans Mehmet Fatih für immer beendet, wie die des Byzantinischen Reiches, das seit Kaiser Konstantin dem Großen bestanden hatte. Auch der letzte Palaiologe hieß Konstantin.
Als der Kaiser Manuel dieses Streitgespräch führte, war sein Reich schon von höherer Warte aus gesehen dem Tode geweiht. Die Türken saßen längst auf dem Balkan, hatten unter dem Namen Edirne (Edreneh) das ehemalige Hadrianopolis ganz in der Nähe Konstantinopels zu ihrer Hauptstadt gemacht und herrschten auch bereits über große Teile Anatoliens sowie des südlichen Balkans und Griechenlands, mit Ausnahme von Morea (der Peloponnes), Euböas sowie des Westens von Griechenland. Das Byzantinische Reich war im Grunde auf ein Gebiet zusammengeschrumpft, das sich im wesentlichen auf die Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul) sowie das weitere Umland konzentrierte. Die Türken kontrollierten die Meerenge der Dardanellen.
Aus einer Zeit militärischer Bedrängnis
Als Manuel den Text des Streitgespräches niederschrieb (Streitgespräche oder Korrespondenzen zwischen Christen und Muslimen über religiöse und theologische Themen kannte das Mittelalter zuhauf), wohl zwischen 1394 und 1402, herrschte Krieg, war das Reich von Konstantinopel militärisch in allerhöchster Bedrängnis.
In diese schwierige Lage gekommen war Byzanz nicht zuletzt durch den lateinischen christlichen Konkurrenten. Schon im Jahre 1204 hatten die christlichen Kreuzfahrer, angeführt von dem greisen venezianischen Dogen Dandolo, die Richtung des vierten Kreuzzuges einfach geändert und waren statt nach Jerusalem oder Akkon nach Konstantinopel gezogen, das sie auf übelste Weise plünderten.
Verfeinerung eines sterbenden Reiches
Sie errichteten dort eine sechzig Jahre währende lateinische Dynastie, während das zuvor im Besitz der Macht befindliche Herrscherhaus der Komnenen nach Trapezunt (heute Trabzon) am Schwarzen Meer flüchten mußte. Zwar konnte nach dem Ende des lateinischen Reiches die byzantinische Herrschaft restituiert werden, doch war die Struktur des Reiches so sehr geschwächt, seine Reichtümer so sehr geplündert worden, daß Byzanz sich davon niemals wieder erholte.
Kurzfristig kam es auf der Peloponnes in der Stadt Mystra (beim antiken Sparta gelegen), wo die Türken noch nicht waren, zu einer neuerlichen Blüte von Philosophie und Kunst, und auch in Konstantinopel entstanden noch die herrlichen, wie Gemälde wirkenden, feingliedrigen Mosaiken im Chora-Kloster, doch sind sie schon Ausdruck der Verfeinerung eines sterbenden Reiches. Um 1400 stand Konstantinopel kurz vor dem Fall.
Geißel Gottes
Die Byzantiner erhielten dann freilich doch noch eine Gnadenfrist. Von Osten her nahte Timur Lenk (Tamerlan), der leibhaftige Schrecken der Welt, an der Spitze eines Heeres, das aus Mongolen und Türken bestand. In seiner Hauptstadt Samarkand, die er glanzvoll hatte ausbauen lassen, nannte er sich selbst die Geißel Gottes, die gekommen ist, um die sündige Menschheit zu strafen.
Timur brach mit seinem Heer in Anatolien ein und stellte im Jahre 1402 den damaligen türkischen Sultan Beyazit I., der wegen seiner Blitzkriege den Beinamen yildirim (Blitz) trug, in der Nähe von Ankara. Beyazit hatte von der Belagerung Konstantinopels ablassen und sich der neuen Bedrohung durch die Mongolen stellen müssen.
In der Mongolenschlacht von Ankara 1402 erlitten die osmanischen Türken und ihre Hilfstruppen vom Balkan eine so vernichtende Niederlage, daß sie fast ihres damals in Ausbreitung begriffenen Reiches verlustig gegangen wären. Timur nahm Beyazit gefangen, zog sich mit seinen Truppen allerdings plötzlich wieder aus Anatolien zurück, um Thronwirren zuvorzukommen. So wurde Byzanz für kurze Frist, das Osmanische Reich für viele Jahrhunderte gerettet. Es war eine gewalttätige Zeit, in der Kaiser Manuel dieses Streitgespräch niederschrieb.
Text: wgl. / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa