Von Joseph Hanimann
30. Juni 2009 Wer in jungen Jahren richtig aufbegehrt, kann im Alter Milde walten lassen. Das scheint für diesen Denker nicht zu gelten. Er, der schon 1977 zusammen mit Pascal Bruckner im Buch Die neue Liebesunordnung gegen die Illusion der Unverbindlichkeit in der freien Liebe und andere Missverständnisse der Bewegung von '68 ausgezogen war und zehn Jahre später mit Die Niederlage des Denkens fulminant den Untergang der Kultur in gleichförmiger Massenkultur kritisierte, tritt heute streitbarer auf denn je.
Mehr als zwei Dutzend Bücher sind es geworden, in denen Alain Finkielkraut sich zur vielleicht interessantesten Figur der Neuen Philosophen Frankreichs profilierte. Neben André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy gehört er zu jener ersten Generation, die in den siebziger Jahren, geprägt von vietnamesischen Flüchtlingen und Solschenizyns GULag-Enthüllungen, gegen alle Formen von Gewaltherrschaft auftrat und das öffentliche Protestieren der Intellektuellen in den Medien zu einer Spätblüte brachte.
Tiefe Überzeugung und intellektuelle Unbeirrbarkeit
Wohl hat jeder dieser Medienintellektuellen dann seinen Sonderweg eingeschlagen. Der in Paris geborene Finkielkraut, von Haus aus polnisch-jüdischer Herkunft, bewegte sich besonders weit ins Abseits einer resoluten Kritik der Zeitgeistmoderne. Im Namen eines prinzipientreu republikanischen Staatsbürgeruniversalismus und der Verpflichtung auf das Erbe einer nationalen Kultur machte er sich früh stark gegen das euphorische Neben-, Mit- und Durcheinander der Kulturen im Sinne des Multikulturalismus. Für diese Haltung will der Autor aber nicht einfach als Konservativer abgestempelt werden: Seine bis heute wirkenden Leitfiguren Hannah Arendt, Emmanuel Lévinas, Charles Péguy sollen dafür die Bürgen sein. Letzterem hat Alain Finkielkraut in Der Unzeitgenosse 1991 eine beachtliche Studie gewidmet. Von der Einmischung und öffentlichen Wortmeldung des Intellektuellenengagements, dieser exaltierten Verwandlung der Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts in Heldengesang, wie er im Gespräch mit Peter Sloterdijk die Sache einmal nannte, mochte Finkielkraut indessen nie lassen. Dabei spricht eines für ihn: Es handelte sich bei ihm nicht um Pose, sondern stets um tiefe Überzeugung, die er manchmal mit Einzelgängertum und allgemeinem Befremden selbst bei Freunden bezahlte.
Während des Kriegs im zerfallenden Jugoslawien setzte er sich, anders als seine Kollegen, weniger für das Drei-Kulturen-Ideal Bosniens als für das nationale Modell Kroatiens ein - eine Position, die er im Buch Comment peut-on être Croate? näher erläuterte. Diese intellektuelle Unbeirrbarkeit verleitet ihn manchmal zu rhetorischer Versteifung und Übertreibung, die der Sache nicht unbedingt dient und ihm mitunter Klagen vor Gericht einbringt. Besonders heftig sind seine Stellungnahmen zum Thema Antisemitismus und Nahost-Politik.
Stachel in den Verhärtungen der Zeitmeinung
In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz nannte er im Herbst vor drei Jahren die Jugendrevolten in den Pariser Vorstädten einen ethnisch-religiösen Aufstand der Schwarzen und Araber, was in Frankreich einen Proteststurm auslöste. Manche, angeblich falsch wiedergegebene Aussagen nahm er zurück - etwa die, das europäische Kolonialsystem habe den Wilden Aufklärung und Zivilisierung gebracht. Für einige Missverständnisse entschuldigte er sich. An den übrigen Behauptungen hielt er fest: Wenn ein Araber eine Schule anzünde, nenne man das einen Aufstand, wenn ein Weißer etwa in Rostock dies täte, heiße es Faschismus.
Missverständnisse und Verzerrungen konnten diesen Intellektuellen nie davon abhalten, mit sperrigen Aussagen gegen den Meinungsstrom zu schwimmen. Im Zusammenhang mit der Diskussion über den gesellschaftlichen Auftrag der Schule und ihrer Lehrinhalte - ein Thema, dem er vor zwei Jahren das Buch La querelle de l'école widmete - nannte er in einem Fernsehgespräch rundheraus das Internet als das Grundübel heutiger Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit zur Konzentration. Sein Ratschlag: Abschalten, Internet sei nichts für die Schule. Unlängst setzte er eins drauf und erteilte auch der Bilderkultur von Clip und Comic eine Absage: Es sei schade, seine wertvolle Lesezeit damit zu verschwenden.
Das störrisch-brillante Denken Alain Finkielkrauts ist dort am besten, wo es statt in schlaffe Denkblasen in die verhärteten Stellen unserer Zeitmeinung sticht. Dazu ist der Intellektuelle nach einem Winter schwerer Erkrankung, die auch seine Stimme in der seit über zwanzig Jahren erfolgreichen Rundfunksendung Répliques ein paar Wochen lang verstummen ließ, wieder gewappnet. Von ihm, der am morgigen Dienstag seinen sechzigsten Geburtstag feiert, brauchen wir auch in den kommenden Jahren das nötige Maß kluger Gegenmeinung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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