ARD-Film „Die RAF“

Wir wissen wohl jetzt, wer Schleyer erschoss

Von Michael Hanfeld

08. September 2007 Es gibt Dokumentationen, die sind spannender als ein Krimi, und in diesem Fall handelt es sich um eine solche. Was der „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust und sein Koautor Helmar Büchel für ihren Zweiteiler „Die RAF“ recherchiert haben, macht nicht nur den „Deutschen Herbst“ wieder lebendig. Ihr Film zeigt auch nicht nur, warum die Bundesrepublik im Jahr 1977 ihre härteste innenpolitische Prüfung zu bestehen hatte. Er deutet vielmehr aus, warum dieses Kapitel der Nachkriegsgeschichte nur scheinbar abgeschlossen ist - wichtige Fragen sind bis heute nicht beantwortet, vor allem nicht jene, wer konkret für welche Morde und Anschläge der RAF verantwortlich ist. Dazu geben Aust und Büchel mehr als interessante Hinweise, vor allem darauf, wer den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ermordet hat. Im Interview legt der ehemalige Terrorist Peter-Jürgen Boock dar, dass Schleyers Ermordung die RAF-Mitglieder Stefan Wiesniewski und Rolf Heissler ausgeführt hätten.

Auch gewähren Aust und Büchel einen Einblick in die Arbeit des Krisenstabes, der Polizei und der Spezialtruppe GSG 9 des Bundesgrenzschutzes, wie man ihn so bisher nicht hatte. Wir hören zunächst aber die Mitschnitte aus dem Prozess gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Wir hören, wie sie dem Richter drohen, und wir werden Zeuge, wie Gudrun Ensslin ihre Mitkämpferin Ulrike Meinhof verurteilt, und wir hören, wie diese verzweifelt andeutet, dass sie sich inzwischen von den anderen in Stuttgart-Stammheim einsitzenden Kadern, ja von der RAF an sich entfernt hat. Ein halbes Jahr vor ihrem Selbstmord offenbarte sie sich derart vor dem Gericht, ihre Botschaft aber begriff offenbar niemand (siehe auch: Letzte Tondokumente aus Stammheim).

Ergreifendes Tondokument

Ein ergreifendes Tondokument stellt auch der erstmals zu hörende Mitschnitt der Gespräche dar, die zwischen der Lufthansa-Zentrale in Frankfurt und der GSG-9-Truppe in Mogadischu liefen, die auf den Befehl wartete, die von einem palästinensischen Kommando entführte „Landshut“ mit ihren 86 Passagieren zu befreien. Und schließlich die aus dem Stegreif mutiger Verzweiflung formulierten Worte, welche die damalige Stewardess Gabriele von Lutzau an den Tower in Mogadischu richtete. Die letzten Stunden vor der Befreiung, nach dem Mord an dem Kapitän Schumann, erinnert sie sich, waren „wie in der Hölle“.

Als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt vom glücklichen Ende der Geiselnahme erfuhr, kamen ihm die Tränen. Er sei mit den Nerven „am Rande“ gewesen, sagt Schmidt. Er musste in diesem Augenblick zugleich fest damit rechnen, dass die RAF den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer ermorden würde. Peter-Jürgen Boock behauptet, dass dies Stefan Wiesniewski und Rolf Heissler getan hätten. Er saß damals in Bagdad, von wo aus die Flugzeugentführung und Schleyers Verschleppung koordiniert wurden. Das Fax der Bagdader Zelle an die Mittäter, die Schleyer in Brüssel gefangen hielten, habe gelautet: „Wir müssen das Geschäft jetzt zu Ende bringen.“

In den Köpfen der RAF

Notgedrungen ist der Zweiteiler von Aust und Büchel zunächst und vor allem ein Film über die Täter. Immer wieder werden wir mit dem menschenverachtenden rhetorischen Bombast konfrontiert, mit dem die Täter bis heute jede persönliche Schuld von sich abhalten. Bis Claus von Mirbach, der Sohn des in der deutschen Botschaft in Stockholm von der RAF ermordeten Militärattachés auftaucht, Hanns-Eberhard Schleyer, der Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, und dann die Geiseln aus der „Landshut“, kriechen wir in die Köpfe der ersten und zweiten Generation der RAF.

Wobei Büchel und Aust es verstehen, über den Fakten, die sie vergegenwärtigen müssen, Baader, Ensslin und die anderen ihrer ideologischen Camouflage zu entkleiden und persönlich wie als Gruppe zu charakterisieren - als Bürgerkinder, die eine Revolution erfanden, die sie den Menschen mit aller Gewalt aufzwingen wollten, dabei aber um sich selber kreisten: Terrorismus als Selbstzweck, in der Haltung denjenigen aus der Zeit des Faschismus ähnlich, dessen Wiederkehr die RAF angeblich bekämpfte. „Das Schweigen über die Vergangenheit hat in Deutschland Tradition“, heißt es am Ende. Dann werden all jene rund 35 Menschen aufgezählt, die diesem Terror zum Opfer gefallen sind.

Am Sonntag um 21.45 Uhr, am Montag um 20.15 Uhr im Ersten. In der Talkshow „Beckmann“ sind zu diesem Thema unter anderen Jörg Schleyer, der jüngste Sohn des ermordeten Hanns-Martin Schleyer, und der ehemalige BND-Chef August Hanning zu Gast.



Text: F.A.Z., 08.09.2007, Nr. 209 / Seite 39
Bildmaterial: AP, NDR/Spiegel TV

 
 
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