Aus amerikanischen Zeitschriften

Götzendämmerung bei den Republikanern

Von Jordan Mejias

15. Juli 2008 Ein großes Zittern hat das Land erfasst. Die Republikaner zittern, weil alles darauf hindeutet, dass sie bei den nächsten Wahlen eine Abfuhr bekommen. Die Demokraten zittern, weil sie immer wieder bewiesen haben, dass sie auch unverlierbare Wahlen zu verlieren wissen. „Harper’s“ hat prominente politische Denker zusammengetrommelt, um in Erfahrung zu bringen, was nötig ist, um die Republikaner der „hochverdienten Vergessenheit von Freimaurer-Feinden und Gegnern der irischen Einwanderung“, zwei in den Tiefen des neunzehnten Jahrhunderts versickerten Bewegungen, anheimfallen zu lassen. Auch über die Konsequenzen eines Fehlschlags der Demokraten sollen die Experten Auskunft geben. Sie tun es, wie von Experten nicht anders zu erwarten, widersprüchlich.

Thomas Schaller, Politikwissenschaftler an der Universität von Maryland, versucht, den Demokraten mit demographischen Argumenten Mut zu machen. Während die Republikanische Partei von weißen Männern beherrscht werde, schrumpfe jene Bevölkerungsschicht beständig. Der Trend, so Schaller, reiche aber allein nicht aus, er müsse vielmehr mit politischen Zielen verknüpft werden. Der Schriftsteller, Historiker und Journalist Kevin Baker will dagegen Vorteile für die Demokraten vor allem in der nun dreifach gespaltenen Grand Old Party erkennen. Im Widerstreit lägen bei den Republikanern derzeit Sozialkonservative, Sicherheitsfanatiker und kapitalkräftige Markt-Libertäre. Um die Republikaner niederzuringen, müssten die Demokraten die inneren Widersprüche des Gegners verschärfen.

Düstere Lagebilder

Schaller traut auch dem Irak-Krieg zu, das politische Gefüge zum Einsturz zu bringen. Die Demokraten müssten aber noch einen anderen Angelpunkt finden, etwa in der immer heikleren Gesundheitsversorgung. Scheiterten sie indes auch bei ihrem dritten Anlauf aufs Weiße Hause, will Luke Mitchell, Redakteur bei „Harper’s“, ihnen jede Existenzberechtigung absprechen.

Erstaunlich ist es dann doch, welch trübe Aussichten bei den Experten überwiegen. Selbst Scott McConnell, Chefredakteur des „American Conservative“, sieht Amerika auf unhaltbarem Kurs: „Wenn uns diese Wahl nicht von ihm abbringt, dann wird es garantiert etwas anderes tun, wahrscheinlich innerhalb des kommenden Jahrzehnts.“ Nach dem Lagebild, dem Mitchell den düsteren Vorzug gibt, werden beide Parteien sich gegenseitig lange genug stützen, um „das Scheitern des amerikanischen Experiments“ zu besiegeln.

Gerade im Niedergang des Landes aber, in seiner Hybris, ein „enormes Stück des widerspenstigsten Teils Asiens zu besetzen, bis es Demokratie gelernt hat“, im Verfall der Löhne, in der Verschwendung seiner Naturressourcen, meint Baker schließlich einen Hoffnungsschimmer zu erkennen. Erst einmal gezwungen, radikal die Richtung zu ändern, erinnerten sich Amerikaner bestimmt an das, was sie am besten könnten, nämlich „brillant zu improvisieren, um mit anscheinend unüberwindbaren Problemen fertig zu werden“.

Die Vorstädte im Blick

Die Hoffnung, die Ross Douthat und Reihan Salam in der altkonservativen „National Review“ und in ihrem Buch „Grand New Party“ für die Republikaner hegen, soll abermals von den Vorstädten ausgehen. Voraussetzung aber wäre dafür ein virtuoser Spagat. Denn Pflege und Festigung des konservativen Kerns dürften nicht mit der Gewinnung einer neuen Wählerschicht, der „wohlhabenden, gut ausgebildeten, zunehmend linksliberalen oberen Mittelschicht“, kollidieren. Die Ideale ihrer Jugend – Feminismus, Säkularismus, Umweltschutz oder volle Gleichberechtigung für Homosexuelle – seien nach wie vor das Credo dieser Klasse.

Douthat und Salam schlagen eine eher kleine Lösung vor, die mit ein bisschen Wahltaktik hier und einem apart zusammengestückelten Weltbild dort den Republikanern wieder auf die Beine helfen soll. Sie erwarten nicht, dass die Vorstädte von New York oder Los Angeles sich so bald in Hochburgen der Republikaner verwandeln. Aber überzeugenderen Rat haben sie der Partei nicht anzubieten, und vorm nationalen Großreinemachen schrecken sie zurück.

Von Reagan gerührt

Fred Barnes, einem der Leiter des „Weekly Standard“, des Zentralorgans der unbeirrt Neokonservativen, verschlägt es angesichts der Perspektivenarmut seiner Partei fast die Sprache. Bekümmert muss er berichten, dass dreißig republikanische Abgeordnete, darunter „einige der hellsten Sterne der Partei“, sich nicht mehr zur Wahl stellen. Vier der scheidenden Abgeordneten widmet er knappe Porträts. Ratlos fragt er: „Ob diese Republikaner eines Tages ihren Rücktrittsentschluss bereuen?“ Der Abgeordnete Jim McCrery antwortet ihm, er wäre geblieben, wenn er an die Möglichkeit geglaubt hätte, in zwei Jahren wieder den Vorsitz eines Ausschusses zu übernehmen. McCrery macht sich keine Illusionen über eine bevorstehende Wende, Barnes offenbar auch nicht.

Wie gut, dass für die verklärende Erinnerung Ronald Reagan als Trostspender zur Verfügung steht. Aber je öfter die Partei ihn und die, wie sie meint, von ihm vergoldete Vergangenheit beschwört, um so offener gibt sie zu, wie schlimm es nun in der Gegenwart um sie steht. Im „American Spectator“ kommt George H. Nash kaum über die übliche Beweihräucherung hinaus, mag er auch von Reagans unverminderter Fähigkeit überzeugt sein, einen großen Teil der amerikanischen Wählerschaft nach wie vor zu prägen. Nash rühmt voll Wehmut noch einmal Reagans Koalition aus Libertären, Traditionskonservativen, Neocons, Antikommunisten und der religiösen Rechten, ohne anzudeuten, wie damit heute Wahlen zu gewinnen wären. Deshalb kann er als Resümee nur Politkitsch servieren: „Solange die Vereinigten Staaten von Amerika als freies und unabhängiges Gemeinwesen überleben, wird Reagans Vision für die Bedeutung Amerikas unsere Seelen rühren.“

Harper's, Juli, 666 Broadway, New York, NY 10012

Die Homepage von Harper's

National Review, 14. Juli, 215 Lexington Avenue, New York, NY 10016

Die Homepage der National Review

The Weekly Standard, 7. und 14. Juli, 1150 17th Street, NW, Suite 505, Washington, DC 20036-4617

Die Homepage des Weekly Standard

The American Spectator, Juli/August, 1611 North Kent Street, Suite 901, Arlington, VA 22209

Die Homepage des Spectator



Text: F.A.Z.

 
 
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