Unesco

Ist Deutschlands Weltkulturerbe in Gefahr?

Von Peter Richter

10. Januar 2006 Gleich zwei Orte in Deutschland sind dieser Tage in die Diskussion geraten, weil Bauvorhaben ihren Status auf der Weltkulturerbeliste der Unesco gefährden: die Wartburg bei Eisenach in Thüringen sowie das Dresdner Elbtal.

Der Wartburg, die 1999 in die Liste aufgenommen wurde, droht angeblich Gefahr von einem sogenannten Windpark, der in diesem Jahr auf dem sieben Kilometer südöstlich gelegenen Milmesberg nahe der Gemeinde Marksuhl errichtet werden soll. Die Gemeinde hat nun beim Verwaltungsgericht in Meiningen Widerspruch gegen die Investoren aus Husum eingelegt, denen die Bauaufsicht des Wartburgkreises bereits eine Baugenehmigung erteilt hatte. Zur Begründung heißt es, daß die Baugrundstücke keinen ausreichenden Abstand zur Wohnbebauung aufweisen und mit „volkswirtschaftlich nicht vertretbaren“ Aufwendungen erst erschlossen werden müßten. Zudem würde das Bauvorhaben „das Landschaftsbild des Thüringer Waldes, insbesondere die geschützte Umgebung des Weltkulturerbes ,Wartburg', in unzuträglicher Weise stören“.

Furcht um den Blick ins Land

Die zuständige Denkmalschutzbehörde hatte seinerzeit gegen diese Baugenehmigung nichts einzuwenden gehabt, weil der Besucher, wie es in der Begründung tatsächlich hieß, die Wartburg vorrangig durch das Autofenster von der A 4 und der B 84 aus wahrnehme - und aus diesem Blickwinkel seien Wartburg und Windpark ohnehin kaum im Zusammenhang erkennbar. Günter Schuchardt, Burghauptmann der Wartburg und Gegner des Windparks, sieht dies naturgemäß genau andersherum. Er fürchtet um den Blick von der Burg ins Land. Der Milmesberg liege ohnehin schon fünfzig Meter höher als die Wartburg, wenn darauf, wie geplant, noch die rund 150 Meter hohen Windräder gebaut würden, dann sei ein von Goethe über die Romantiker bis in die Gegenwart immer wieder gefeierter und bis heute noch weitgehend unverbauter Anblick empfindlich gestört.

Schuchardt verweist auf Schreiben, in denen sowohl die Unesco als auch die Internationale Denkmalschutzbehörde Icomos gegen den Windpark protestieren und den Weltkulturerbestatus der Wartburg als gefährdet bezeichnen. Die Thüringer Landesregierung, so ein Sprecher des Kultusministeriums in Erfurt, wolle „alles tun, damit die Wartburg nicht von der Unesco-Liste gestrichen wird“. Zuvor solle jedoch erst der Urteilsspruch des Meininger Verwaltungsgerichtes abgewartet werden, das am 25. Januar zu diesem Fall zusammentreten wird.

Der Dresdner Streit ist älter

In Dresden dauert die Unsicherheit noch etwas länger, dafür ist der Streit auch älter. Hier geht es um den Bau einer Elbbrücke, deren Planungen bis auf das Jahr 1911 zurückgehen. Als die Bauabsichten 1994 konkret wurden, stürzte das nach seinem Standort allgemein als Waldschlößchenbrücke bekannte Planungsphantom die Stadt in einen bis heute anhaltenden sogenannten Brückenstreit. Die Befürworter verweisen auf die Notwendigkeit eines leistungsfähigen Verkehrsnetzes, die Kritiker monieren, daß ein Brückenbauwerk ausgerechnet an dieser Stelle eine der wichtigsten und schönsten Sichtachsen zwischen der Altstadt und den Elbhängen zerschneide. Etliche Bürgerentscheide, Stadtratsquerelen und Machtworte aus der Landesregierung später galt der Bau der Brücke eigentlich als entschieden.

Aber dann wandten sich im vergangenen September zwei prominente Brückengegner, der Nobelpreisträger Günter Blobel sowie Günter Voigt, ein Mitinitiator des Frauenkirchwiederaufbaus, an Francesco Bandarin, den Direktor des Unesco-Welterbezentrums in Paris. Dieser teilte die Bedenken und intervenierte in Dresden. Das Dresdner Elbtal ist vor zwei Jahren als Kulturlandschaft zum Weltkulturerbe erklärt worden. Strittig ist nun, ob die Denkmalschutzbehörden im Zuge des Prüfverfahrens nicht ausreichend über die Brückenbauabsichten informiert worden sind. Das Welterbekomitee der Unesco will bei seiner nächsten Jahrestagung über den Fall entscheiden. Diese wird im Juli in Vilnius stattfinden.

Nachdem Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg zunächst die Konfrontation gesucht und angekündigt hat, die Bauarbeiten wie geplant bereits im März beginnen zu lassen, soll nun in der kommenden Woche auch in Dresden noch einmal über das weitere Vorgehen beraten werden. Und über eventuelle Alternativen - zum Beispiel einen Tunnel.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.01.2006, Nr. 1 / Seite 22
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
 
 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche