Schule

Deutsche Pause

24. Januar 2006 Vor fast fünfzig Jahren hat der amerikanische Soziologe Talcott Parsons eine Theorie des Pausenhofs geschrieben. Sie geht so: Wenn die besten und die schlechten Schüler während der Pausen jeweils nur mit ihresgleichen herumstünden, hätte bald jede dieser Gruppen für die andere nur noch Verachtung übrig. Da sich die Gruppen aber mischen und sich nach eigenen Kriterien sortieren, werde man in Pausenhofgesprächen abfällige Worte wie „Versager“ oder „Streber“ vorsichtiger verwenden.

Die Schüler sehen sich in den Pausen lieber nach Bewährungen um, die gar nichts mit denen des Unterrichts zu tun haben: Wer raucht schon? Wer schwärmt wen an? Wer trifft wen mit Schneebällen? Wer hat welche Klamotten an oder gestern welchen Film gesehen, obwohl der erst ab 18 ist?

Gerade kommt es zu einem unerwarteten Anwendungsfall für diese Theorie. Eine Berliner Realschule hatte vor anderthalb Jahren in ihrer Hausordnung festgelegt, nicht nur die Unterrichts-, sondern auch die Pausenhofsprache sei Deutsch. Das türkische Blatt „Hürriyet“ regt sich nun darüber auf, der Türkische Bund in Berlin protestiert, die Grünen, die PDS und Erziehungsgewerkschafter schimpfen auch: Diskriminierung, Verstoß gegen das Grundgesetz, „kontraproduktiv wie der Einbürgerungsleitfaden aus Baden-Württemberg“.

Keine Kontrollphantasie

Das ist insofern paternalistisches Geschwätz, als nach allem, was man hört, die Schüler und ihre Eltern gar nichts gegen die Regel haben. Zuwiderhandlungen werden nicht bestraft, die Schüler zumeist nur aufgefordert, die Selbstverpflichtung zu beachten, und kein Lehrer hegt die Kontrollphantasie, den Gebrauch des Türkischen oder Arabischen strikt zu verhindern. Es ist aber nicht nur paternalistisch, sondern auch dumm, jene Hausordnung zu skandalisieren. Bloß knapp ein Viertel der Schüler hat einen deutschen Paß, viele sprechen zu Hause kein Wort Deutsch. „Es ist gut, wenn Jugendliche mehrsprachig aufwachsen“, fällt dazu der Gewerkschaftsfunktionärin Demmer ein, die mit anderen fürchtet, man nehme den Kindern ein Stück ihrer Identität.

Willkommen im Proseminar „Soziologie des Pausenhofs“. Denn es ist gut, wenn der Pausenhof den Schülern ein Stück ihrer Identität nimmt, sie bekommen eine andere dafür. Es ist gut, wenn sich Schüler nicht nur nach Herkunftsgruppen sortieren. Sie verachten einander dann weniger. Gut ist es schließlich, wenn die Unterscheidung zwischen Unterricht und Pausenhof nicht mit der von Fremdsprache und Heimatsprache deckungsgleich ist. Denn es verstärkt die Einsicht, daß Deutsch nicht nur drinnen ein Fach, sondern draußen eine Norm ist. Die Schüler haben diese Einsicht schon. Blind dafür sind nur dieselben Ideologen, die dem Schulsystem regelmäßig vorwerfen, soziale Ungleichheit zu verstärken. Wenn es dann aber einmal etwas für mehr soziale Gleichheit tut, schreien sie „Identität!“



Text: kau / F.A.Z., 25.01.2006, Nr. 21 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
 
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