Indonesien

Porno-Aktionismus: Indonesien zensiert die eigene Kultur

Von Bettina David, Jakarta

Die Polizei in Jakarta verbrennt CDs und DVDs zweifelhaften Inhalts

Die Polizei in Jakarta verbrennt CDs und DVDs zweifelhaften Inhalts

10. April 2006 Indonesien ist besorgt um seine Jugend. Einschlägige Männermagazine und billige Video-CDs mit raubkopierten Pornofilmen wurden bisher auf den Straßen erstaunlich offen angeboten. Auch für Minderjährige ist derlei Material im bevölkerungsreichsten muslimischen Land leicht zu erstehen. Doch immer mehr Indonesier sehen in der weiten Verbreitung pornographischer Medien einen Hauptgrund für die angeblich rapide um sich greifende moralische Verwahrlosung.

Angesichts der allgegenwärtigen medialen Überflutung durch Bilder, die einen hedonistisch-freizügigen amerikanisierten Lebensstil zum Ideal erheben, befürchten nicht wenige Eltern, die eigenen Kinder an die unheimliche Verführungsmacht der westlichen Kultur zu verlieren. Gerade ist die erste indonesische Ausgabe des „Playboy“ erschienen.

Keine Zungenküsse, Hüftschwünge und Dekolletés

Ein neues Gesetz soll der unkontrollierten Verbreitung von pornographischem Material nun endgültig Einhalt gebieten und dafür sorgen, daß die Bürger in moralischen Dingen wieder auf den rechten Weg geleitet werden. Da hier in den Augen der Gesetzgeber nichts Geringeres als die moralische Rettung der Nation auf dem Spiel steht, hat man der Pornographie sicherheitshalber gleich noch die sogenannte „Pornoaktion“ zur Seite gestellt.

Mit dieser kruden Wortschöpfung soll „pornographisches Verhalten“ geahndet werden. Darunter fallen laut Gesetzentwurf unter anderem Mundküsse in der Öffentlichkeit, aufreizende Bewegungen der Hüften beim Tanzen sowie jegliche offen zur Schau gestellten Körperteile, die über „erotische Anziehungskraft“ verfügen. Zwischen Pornographie, Erotik und Obszönität wird gar nicht erst unterschieden.

Auch traditionelle Trachten fallen unter die Kategorie

Doch in den letzten Wochen formierte sich der öffentliche Protest. Intellektuelle, Künstler und Frauenrechtsorganisationen schlagen Alarm. Statt Frauen vor sexueller Ausbeutung zu schützen, kriminalisiere der Entwurf namentlich den weiblichen Körper und mache aus Opfern zu bestrafende Täter. Neben einem Verbot westlicher Tanktops würden zudem auch traditionelle Trachten vieler indonesischer Völker unter die Kategorie „Porno“ fallen. Nicht nur die hinduistischen Balinesen sehen ihre Kultur unter „Pornographie-Generalverdacht“ gestellt und bangen um die Einnahmen aus dem Tourismus.

Nach ersten wütenden Protesten wurde den Provinzen Bali und Papua ein Sonderstatus zugesichert: „Pornographie“ und „Pornoaktion“ sollen dort erlaubt sein, so sie denn entweder „rituelle Handlungen“ oder westliche Touristen betreffen. Daß die „Insel der Götter“ damit mehr oder weniger zur „Porno-Insel“ erklärt wird, wo erlaubt ist, was andernorts verboten wird, scheint den zuständigen Parlamentsausschuß nicht weiter zu beunruhigen. Ausnahmegenehmigungen sind zudem für „anatomisches Lehr- und Bildmaterial zu Bildungszwecken“ vorgesehen. Traditionelle Tänze, deren Kostüme und Bewegungen aus naheliegenden Gründen meist den Tatbestand der „Pornoaktion“ erfüllen, sollen immerhin noch in dafür vorgesehenen Gebäuden und mit offizieller Genehmigung aufgeführt werden dürfen.

Blind gegen den eigenen kulturellen Reichtum

Die obsessive Befassung mit dem Thema der Pornographie verweist auf eine tiefe Entfremdung gegenüber den eigenen kulturellen Traditionen. Eine stetig wachsende Zahl von Indonesiern orientiert sich im Alltag an einem globalisierten neoorthodoxen Islamverständnis. Wie der Gesetzentwurf zeigt, stellt die Hinwendung zu einem an der Scharia orientierten Islam nicht nur einen Schritt gegen den „Westen“ dar, sondern vor allem auch gegen den eigenen, geschichtlich gewachsenen kulturellen Reichtum.

Der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb beklagt in seinem Buch „Die Krankheit des Islam“ zu Recht die „kulturelle Amnesie“, die die islamistischen Strömungen charakterisiere. In diesem Sinne stellt die Frauenrechtlerin Nursyahbani Katjasungkana denn auch bitter fest: „Die Verfasser dieses Gesetzentwurfes leiden an einer Blindheit gegenüber den pluralistischen soziokulturellen Verhältnissen Indonesiens.“ Ein Vertreter des orthodoxen Ulama-Rates brachte das Bestreben der Fundamentalisten, die vermeintlich reine Religion von den „unislamischen“ kulturellen Elementen zu reinigen, auf den Punkt mit der Forderung, die ethnischen Trachten der indonesischen Völker gehörten ins Museum verbannt, sollten sie gegen die sittlichen Vorgaben des Islams verstoßen.

Zeichen der Radikalisierung des indonesischen Islam

Angesichts dieser Entwicklungen warnt Husna Mulya vom Frauennetzwerk JKP: „Wir befürchten, daß es sich hier um erste Schritte in Richtung einer Integrierung der Scharia in die nationale Gesetzgebung handelt.“ Auch der in Jakarta lebende deutschstämmige Jesuit und Philosophie-Dozent Franz Magnis-Suseno ist entsetzt. „Dies ist ein Angriff auf die kulturelle Identität des indonesischen Volkes“, schreibt er in der „Jakarta Post“. „Der Gesetzentwurf stellt einen radikalen Versuch engstirniger und kulturell stumpfsinniger Ideologen dar, der indonesischen Gesellschaft einen ihr fremden Lebensstil aufzuzwingen.“

Allerdings werden in Indonesien heute die Stimmen lauter, die eine Ausrichtung des öffentlichen Lebens an einer buchstabengetreuen Koranauslegung fordern. Im tropischen Inselstaat, geographisch und kulturell denkbar weit entfernt von den arabischen Wüsten, könnte dem wahhabitisch inspirierten Islam gelingen, so warnt Magnis-Suseno, was in Jahrhunderten der Fremdbestimmung weder der Kolonialismus noch andere Aggressoren schafften: den kulturellen und religiösen Pluralismus des Vielvölkerstaates zu unterdrücken. Daß auch die traditionell als gemäßigt geltenden islamischen Massenorganisationen Nahdlatul Ulama und Muhammadiyah ausdrücklich hinter dem Gesetzentwurf stehen, zeigt deutlich, wie sehr der bisher als moderat bekannte indonesische Islam durch globale Radikalisierungsbewegungen unter Druck gerät.

Inzwischen wurde eine Überarbeitung des geplanten Gesetzes angekündigt. Doch wie auch immer die endgültige Version aussehen mag: Die emotionale Polarisierung der Debatte forciert eine langfristig gefährliche gesellschaftliche Dynamik, die dem einzelnen kaum mehr eine andere Wahl läßt, als sich entweder auf die Seite des „Islams“ und damit der „Moral“ zu stellen oder die im Namen von Säkularismus und Individualismus gewährleisteten Freiheiten zu fordern - und sich damit als mit dem angeblich gottlosen, „pornographischen“ Westen gegen den „Islam“ verbündet zu erkennen zu geben. Die Verliererin in diesem irrationalen Kampf um Durchsetzung einer moralisch-religiös verabsolutierten Identität ist die lokale Kultur in all ihrer widersprüchlichen sinnlichen Vielfalt.

Text: F.A.Z., 10.04.2006, Nr. 85 / Seite 39
Bildmaterial: AP

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